Freitagnachmittag um halb vier. Zwölf junge Männer aus Nordafrika stehen um den Brunnen vor dem Coop. Die Sonne scheint, aus einem Natel dröhnt Musik. Neben ihnen stehen Fahrräder, Töffli und mindestens ebenso viele Schüler, die sich nach Schulschluss einen Energydrink im Coop kaufen. «Gsehsch mi ‹Fründ› dusse», sagt einer der Jugendlichen an der Kasse sarkastisch. Dort, draussen beim Brunnen, wischt einer der Asylbewerber mit einem Besen in der Hand Laub und Dreck um den Brunnen zusammen. Eine Frau steht neben ihm und sagt ihm, wo er wischen muss.

«Wir haben so häufig Reklamationen, wie wir sie in den letzten Jahren nie hatten. Das sind zum Teil unhaltbare Zustände», sagt Selzachs Gemeindepräsident Viktor Stüdeli. Rund 60 Asylbewerber sind seit Mitte März wiederum in der ehemaligen «Villa Schläfli» untergebracht. Gemeldet wurden Stüdeli Männer, die in Gärten urinieren oder vor dem Coop sitzen, Alkohol trinken und vorbeigehende Frauen ansprechen. «Das irritiert die Leute, die dort einkaufen», sagt Stüdeli. «Man müsste auch dafür sorgen, dass sie mit dem Geld, das sie erhalten, keinen Alkohol kaufen.» Mehr Aufsicht durch die Betreiber des Asylzentrums erhofft er sich auch in der Nacht. «Es hat über längere Zeit Lärm im Quartier gegeben.»

Schlechtes Benehmen hat Folgen

Eine Frau, die nicht genannt werden möchte, berichtet, dass sie ihre Tochter jeweils am Bahnhof abholt, seitdem diese mehrmals «angemacht» worden sei. Ein Mann sei der Tochter sogar bis nach Hause nachgeschlichen. «Es muss etwas gehen», sagt Stüdeli. Konkret hat er Ende letzter Woche mit dem Betreiber des Asylzentrums, der ORS Service AG, Kontakt aufgenommen. Allerdings: Als diese Zeitung am Freitagnachmittag vor Ort war, hatte keiner der Männer ein Bier in der Hand. Und Stüdeli betont auch: «Es handelt sich nur um einen Teil der Leute.»

Dem kantonalen Amt für soziale Sicherheit (ASO) sind einige problematische Vorfälle bekannt. «Wir akzeptieren ein solches Verhalten nicht», sagt Reto Steffen, Fachstellenleiter Asyl beim ASO. «Fehlbare Bewohner werden polizeilich angezeigt, aus dem Zentrenbetrieb ausgeschlossen oder in ein anderes Durchgangszentrum umplatziert.»

Bevölkerung soll Probleme melden

Für Steffen ist es wichtig, dass die Bevölkerung Probleme direkt meldet. «Aufgrund konkreter Hinweise konnten wir Massnahmen treffen. Wenn der Unmut aber nur in den Medien zum Ausdruck gebracht wird, bleiben unsere Handlungsmöglichkeiten gering.» Das Amt sei deswegen dankbar, wenn besondere Feststellungen der Zentrenleitung oder der Polizei gemeldet werden. Für Steffen ist auch klar: «Die Bevölkerung in Selzach ist in der Regel gegenüber Asylsuchenden in ihrem Dorf tolerant.» Bereits früher waren sie während 25 Jahren in Selzach untergebracht. 2008/2009 war das Zentrum letztmalig in Betrieb – wie heute unter der Leitung der ORS Service AG. «Wir verzeichneten damals kaum negative Rückmeldungen», sagt Steffen.

«Man kann nicht sagen, dass es in Selzach jetzt auffallend viele Probleme gibt», erklärt Thalia Schweizer-Lehmann, Mediensprecherin der Kantonspolizei, auf Anfrage. Seitdem das Asylzentrum im März wiedereröffnet wurde, habe man in Selzach vermehrt Kontrollen gemacht, aber keine Besonderheiten festgestellt. Davon, dass Männer junge Frauen «angemacht» hätten, habe man gerüchteweise gehört. «Eine offizielle Meldung wegen einer Belästigung hat es aber nie gegeben.»