Am Schwein hat er getestet, was dereinst im Menschen funktionieren soll. Rolf Vogel, Chefarzt Kardiologie am Solothurner Bürgerspital, forscht an einer Erfindung, die vielen Patienten helfen könnte: dem Herzschrittmacher, der ganz ohne Batterie auskommt und der nicht alle paar Jahre Eingriffe nötig macht.

Viel Zeit und Energie hat er – neben seiner Haupttätigkeit am Spital – seit 2009 ins Projekt investiert. Nun sitzt er in seinem Büro und sagt gelassen: «Ich weiss nicht, wie es weitergeht.» Ob die Wirtschaft je aufspringt und ob so seine Forschung den Weg in den Körper eines Menschen findet, das kann er als Wissenschaftler nicht erahnen.

Doch der Reihe nach. Anfang 2012 eröffnen die Solothurner Spitäler eine eigene Kardiologieabteilung und Rolf Vogel, Professor in Bern, zieht mit seiner Familie nach Solothurn. Er baut das neue Herzkatheterlabor auf. Mitgebracht hat der neue Chefarzt Kardiologie aber auch seine Forschungsprojekte, darunter den batterielosen Herzschrittmacher.

«Am Anfang stand die Frage, wie wir dem Körper Energie stehlen können», erklärt Vogel. Zehn bis fünfzehn Jahre bleibt ein Herzschrittmacher im Körper. Dann muss die Batterie ersetzt werden. «Bei Kindern häufen sich die Eingriffe», sagt Vogel. Er und sein Team wollen wissen, wie man Implantate dauerhaft mit Energie im Körper versorgen kann, ohne dass es immer wieder Eingriffe braucht.

Die Solarzelle unter der Haut oder doch die Uhr am Herzen?

Konzepte gewälzt hat das Team verschiedene: Ganz nahe unter der Haut wollten sie das Temperaturgefälle zwischen dem Körper und der Umwelt nutzen. Oder Solarzellen unter die Haut verlegen, die nur ganz wenig Tageslicht benötigen. Irgendwann stiess die Gruppe zum Herzen vor. «Wir haben es mit Turbinen im Blutstrom versucht», sagt Vogel. Dann kam die Idee, die Bewegung des Herzens selbst zu nutzen. Rolf Vogel zeigt auf die Uhr an seinem Arm.

Er und sein Team nahmen ein ETA-Uhrwerk und suchten die Hilfe eines Uhrmachers. «Das Herz macht komplexe Bewegungen», sagt Vogel. Und so wurde ein Roboter entwickelt, der die Bewegung des Herzens nachahmt. «Wir haben mithilfe eines Uhrmachers gebaute Werke auf dem Roboter getestet», erklärt der Wissenschaftler. Die Uhr gab genügend Energie, «aber nicht mehr». Ideen, um das zu schwere Uhrwerk mit dem dicken Schwungrad effizienter zu machen, fand Vogel in der Industrie selbst nicht.

Dort reicht die etablierte Technik. Diese ist zwar ein Vorteil. «Der Nachteil ist die Form: Die grosse Scheibe bräuchte einen Eingriff ins Herz.» Sprich: Man müsste das Werk am Herzmuskel befestigen. «Das macht man nicht gerne.» Der nächste Schritt war der Schrittmacher, den man ins Herz bringt. Das Werk dreht sich nicht mehr, sondern funktioniert linear. Mit einem Implantationskatheter wurde das Modell einem Schwein eingesetzt.

«Vielleicht ist meine Forschung ein Puzzleteil für etwas ganz anderes»

Das ist der aktuelle Stand des Projektes. Es bräuchte jetzt weitere Forschung für das Projekt, das an der Uni Bern angesiedelt ist und an dem jeweils drei bis fünf Leute gearbeitet haben. Finanziert worden ist es mit eingeworbenen Drittmitteln. «Der Bund hat kein Geld, um ein Produkt marktreif zu entwickeln. Nach der Forschung braucht es deshalb die Industrie», sagt Vogel. «Ohne sie ist es unmöglich, das Projekt fortzusetzen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich die Industrie dafür interessiert.»

Die Ressourcen, die es nun bräuchte, seien «enorm». Der nächste Schritt wäre wohl die Gründung eines Start-ups. Und irgendwann kämen die Tests am Menschen. «Die Anforderungen gleichen einem Hindernislauf», sagt Vogel. «Wir wollen die beste Medizin. Aber niemand will hinhalten. Ein unglaubliches Sicherheitsbedürfnis verhindert, neue Sachen zu machen.» Darunter leide die Innovationskraft.

Schmerzt es den Forscher nicht, wenn er nicht weiss, ob sein Projekt je zum Fliegen kommt? «Es ist Grundlagenforschung, bei der man die Anwendung noch nicht kennt», so Vogel. «Vielleicht ist es ein Puzzleteil für etwas ganz anderes, das in fünf bis zehn Jahren kommt.»

Wie kommt man als Arzt dazu, sich mit der Technik auseinanderzusetzen? Kein Problem für Rolf Vogel. Vor seiner Medizinerkarriere hat er an der ETH das Studium als Elektroingenieur abgeschlossen. In der Forschung hilft ihm das technische Wissen. «Man hat gelernt, sehr rational zu denken», sagt der Arzt.

Im Medizineralltag aber stehe ihm gerade das rationale Denken manchmal im Weg. «Oft gibt es in der Medizin die Entscheidungsgrundlagen und Infos nicht, um rationale Entscheide zu fällen. 1 und 1 gibt nicht immer 2», sagt Vogel. Der Mensch tickt immer anders. Der menschliche Organismus reagiert unterschiedlich. «Deshalb ist Erfahrung so wichtig.» Ob Herzpatienten weltweit von seiner Forschung dereinst profitieren, ist noch ungewiss. Seine Erfahrung daraus hat dafür schon vielen geholfen, die im Bürgerspital waren.