Eine ganze Generation hat sich darob amüsiert, über Mani Matters Chanson «Arabisch», in welchem «dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» vorkommt. Der nämlich sieht in diesem Chanson der frühen 1970er-Jahre eines Tages «zwöi schöni Ouge», verliebt sich in diese, kann aber den Preis der vermeintlichen Braut (mindestens 220 Kamele), zu welcher die Augen gehören, nicht aufbringen, worauf er sich anders besinnt und eine Billigere nimmt, «wo nid so schön isch gsy derfür e Gschidi.» Voilà.

Nun hat jüngst ein von der Schulleitung als «aufgeweckt» bezeichneter Fünftklässler aus dem Oltner Sälischulhaus seiner Lehrkraft im Unterricht zu verstehen gegeben, der Text verletze seine kulturreligiösen Gefühle. Ihn störe, dass der Song den Eindruck vermittle, in der arabischen Kultur würden Frauen gegen Kamele abgegolten.

Zudem nehme die Geschichte ihren Anfang ausgerechnet vor einer Moschee. Darauf hin hat die Lehrkraft - aus Rücksicht auf die Kinderseele - das Lied aus dem Liedprogramm gestrichen.

Aufstand der Eltern

Offenbar nicht nur zum Leidwesen der Klassenkameraden. In einem kürzlich im Oltner Tagblatt erschienenen Leserbrief beklagt sich der Vater eines betroffenen Fünftklässlers über diese Massnahme. In einem von mehreren Parteien unterzeichneten Brief fordert ein Teil der Elternschaft Schulleitung und Lehrkraft auf, auf ihren Entscheid zurückzukommen und den Song vom Index zu streichen.

Sollte diesem Ansinnen nicht entsprochen werden, würde man allenfalls «weitere Schritte» ins Auge fassen, lässt sich die aktiv gewordene Elternschaft zitieren. Zu weiteren Stellungnahmen war diese allerdings nicht bereit. Man wolle nicht «noch mehr Öl ins Feuer giessen», so deren Argumentation.

Schule schützt Lehrkraft

Inzwischen hat die Säli-Schulleitung schriftlich geantwortet. Negativ für die Briefschreibenden. «Im Rahmen der Lehrfreiheit ist der Entscheid der entsprechenden Lehrkraft gerechtfertigt und zu stützen», meint Schulleiter Urs Giger zu seinem Entscheid. Die Vorgehensweise der Lehrkraft nehme Rücksicht auf die Befindlichkeit des Jungen und sei nicht - wie das im Leserbrief angedeutet werde - als Angriff auf die abendländische Kultur zu interpretieren.

Der Vorfall sei halt auch ein Zeichen einer sich wandelnden Gesellschaft. «Zudem», fährt Giger fort, «ist auf die Lehrkraft keinerlei Druck ausgeübt worden, wie es der Leserbrief allenfalls vermuten lässt.» Und: Das Lied sei auch nur bei einer Lehrkraft tabu und nicht für die Primarschulabteilung im Sälischulhaus. Immerhin: Die einseitig verhängte - wenn auch, wie Giger sagt - durchaus überlegte Indexierung des Chansons betrifft die ganze 5. Klasse.

Die betreffende Lehrkraft wirkt dort zwar nur in einem wenige Lektionen umfassenden Teilzeitamt. Aber, und dies macht die Sache auch pikant: die eigentliche Hauptlehrkraft ist mit dem verhängten Liedverbot nicht einverstanden und war in die Entscheidfindung auch nicht involviert.

Wahrscheinlich bleibt es beim Verbot

Sie wird sich aber wohl - im Geiste der einheitlichen Materie und aus praktischen Gründen - ebenfalls an das Liedverbot halten. Der Schulleiter räumt in diesem Zusammenhang ein, dass die fragliche Lehrkraft auf die Befindlichkeit des Schülers durchaus anders hätte eingehen können, nämlich erklärend. «Beispielsweise indem die Lehrerin auf historische Bezüge eingegangen wäre, auf Matters Wirken als Chansonnier und die gepflegte Wortspielerei im Lied», führt Giger aus. So hätte eine Verbannung von Matters «Arabisch» verhindert werden können.

Für Ueli Kleiner, Leiter der städtischen Direktion Bildung und Sport, gilt es, die Verhältnismässigkeit zu wahren. «Der Vorfall wurde an der Schulleitungskonferenz nicht sehr intensiv diskutiert.» Und er stützt dabei die Argumentation Gigers: «Der getroffene Entscheid ist im Rahmen der Lehrfreiheit zu rechtfertigen», erklärt Kleiner. Der Leiter Direktion Bildung und Sport aber selbst hat mit Matters «Arabisch»-Text keinerlei Probleme. «Der ist sicher nicht diskriminierend», meint er. Und an der musikalischen Qualität gebe es nichts zu deuteln.

Matters «Arabisch» also ist vorläufig abgewickelt. Wer nur wird sich gestört fühlen, wenn dessen Titel «Ds Lotti schilet» aufs Tapet kommt?