Jugendgewalt
Schüler (14): «Ich wäre am liebsten nach Hause gerannt»

Ein 14-jähriger Schüler wurde im Lager von Kollegen gequält und misshandelt. Nun räumt die Schule Fehler ein. Der Schüler traute sich nicht zu wehren, weil er die Konsequenzen fürchtete.

Stefan Frech
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Viele Jugendliche trauen sich nicht, Hilfe zu holen. (Symbolbild)

Viele Jugendliche trauen sich nicht, Hilfe zu holen. (Symbolbild)

Keystone

Jan schreckt aus dem Schlaf auf. Sein Kopf tut weh. Er sieht Agim über sich. Agim lacht. Er hat Jan mitten ins Gesicht geschlagen, während Jan schlief. Jan ist 14-jährig, Schweizer. Agim ist 16 Jahre alt, Kosovare. Beide sind Werkschüler einer grösseren Gemeinde im Wasseramt und Teilnehmer des Klassenlagers auf einem Bauernhof im Kanton Zürich vor den Sommerferien.

Das Lager ist für Jan ab dem ersten Tag die Hölle. Agim und seine zwei Kumpel (ein Kosovare und ein Tamile) kommandieren ihn und einen zweiten Schweizer herum («Scheissschweizer»). Agim spritzt Jan mit eiskaltem Wasser ab und schlägt ihm immer wieder aufs Ohr. Trotz heftiger Ohrenschmerzen getraut sich Jan nicht, die Lehrer zu informieren. «Ich wusste, dass ich sonst noch mehr drankomme», sagt Jan. Jan ist nicht sein richtiger Name. Auch Agim heisst nicht Agim. Zu gross ist Jans Angst vor Agims Rache, wenn er in der Zeitung Namen nennt. Agim hat Riesenoberarme. Jan ist schmächtig, schüchtern.

«Es hat mich fast zerrissen»

Das Schullager vor den Sommerferien war für Jan der Horror. «Ich wäre am liebsten nach Hause gerannt.» Seine Mutter konnte er nicht anrufen. Handys waren im Lager verboten. Also zog sich Jan zurück. Die drei Lehrer merkten nicht, was vorging. Das jedenfalls erzählt später Jans Klassenlehrerin Jans Mutter Karin. Karin holt ihren Sohn am Freitag nach dem Lager ab. «Kaum ins Auto gestiegen, brach Jan in Tränen aus», erzählt die Mutter. «Zu Hause hat er zwei Stunden lang weiter geweint.»

«Noch eine letzte Chance»

Karin war geschockt. «Es hat mich fast zerrissen. Ich dachte, mein Sohn ist im Lager gut aufgehoben, und dann das.» Dann kam die Wut - auf Agim, auf die Ausländer und auch auf die Lehrer. Denn Agim und seine zwei Kumpels durften ins Lager, obwohl sie bereits mehrfach verwarnt waren. Agim hatte während Tagen ein Schulverbot («Time-Out») und war auch von Ausflügen ausgeschlossen. «Ich verstehe einfach nicht, warum also Agim trotzdem ins Klassenlager mitdurfte», sagt Karin. «Die Lehrerin erklärte mir, sie habe Agim noch eine letzte Chance geben wollen.» Vergeblich: Agim führte sich im Lager miserabel auf. Er machte bei der Feldarbeit nicht mit, beschimpfte die Lehrer und bewarf kleine Ferkel mit Steinen.

Die Klassenlehrerin reagierte: Agim durfte ab Montag nicht in die Schule kommen. Und nachdem sie und die Schulleiterin von Jans Torturen erfahren hatten, zitierten sie den Schläger und seine Eltern am Mittwoch in die Schule. Agim wurde eröffnet, dass er per Verfügung ganz von der Schule fliegt - fünf Wochen, bevor er im Juli ohnehin die obligatorische Schulzeit hinter sich gebracht hätte. Die Eltern von Agim beschimpften beim Treffen die Lehrer. Die disziplinarische Massnahme sei gegen sie gerichtet, weil sie Ausländer seien. «Sie waren nicht einsichtig», berichtet die Schulleiterin.

«Scheissschweizer» gegen «Jugos»

Auch Karin und Jan hatten inzwischen gehandelt: Am Montag gingen sie zur Polizei und reichten Strafanzeige gegen Agim und seine zwei Kumpel ein. Die übers Wochenende informierte Lehrerin kam mit. «Sie half sehr. Auch die Polizisten waren sehr nett und haben sich viel Zeit genommen», erzählt Karin. «Sie sagten, wir hätten richtig gehandelt, die Vorfälle der Polizei zu melden.» Die meisten jungen Opfer würden sich nämlich nicht trauen. Auch Jan musste sich in den folgenden Tagen auf dem Pausenplatz nicht nur von der «Jugo-Gruppe», wie er sie nennt, einiges anhören. Nicht nur «Scheissschweizer», wie die drei Schweizer unter den 20 Werkklässlern genannt werden. «Die Spannung zwischen einzelnen Ausländergruppen und uns Schweizern ist auf dem Pausenplatz gross», erzählt Jan.

Jetzt kann Jan wieder schlafen

Agim erhält noch in der Woche nach dem Klassenlager von der Jugendpolizei Besuch. Er gibt seine Taten zu. Das Strafverfahren gegen ihn ist bei der Jugendanwaltschaft hängig. «Er wird wohl nur einen Tag Arbeitseinsatz leisten müssen», fürchtet Karin. «Ich wäre froh, wenn er das Land verlassen müsste.» Und Jan fügt an: «Wir haben zu viele Ausländer in der Schweiz.»
Jan kann jetzt nachts wieder schlafen. Er geht seit Wochen bei einer Psychologin in die Therapie. Und schon bald will er einen Selbstverteidigungskurs besuchen.

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