Obergericht
Schoss der Wirt mit Absicht oder nicht?

Vor fünf Jahren schoss ein türkischer Wirt in Derendingen einem Gast in den Hals. Das Amtsgericht verurteilte ihn zu viereinhalb Jahren Gefängnis. Vor Obergericht forderte sein Pflichtverteidiger gestern eine Strafe von 24 Monaten bedingt.

Daniel Rohrbach
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In diesem mittlerweile geschlossenen Lokal an der Bahnhofstrasse in Derendingen (damals Pizzeria Dilara) schoss der damalige Wirt auf einen Gast. OM

In diesem mittlerweile geschlossenen Lokal an der Bahnhofstrasse in Derendingen (damals Pizzeria Dilara) schoss der damalige Wirt auf einen Gast. OM

Solothurner Zeitung

Es geschah in den frühen Morgenstunden des Pfingstmontags 2006. Der kurdischstämmige türkische Staatsangehörige Mehmet D.*, der damals in Derendingen ein Restaurant betrieb, schoss einem Landsmann, der sich bei ihm in einem Nebenraum des Lokals aufhielt, mit einer Pistole in den Hals.

Vor dem Schuss traktierte er sein Opfer mit dem Magazinboden der Pistole und schlug ihm so drei Zähne aus. Auslöser der Tat war offenbar D.s Aufforderung an den Gast, noch eine Runde auszugeben. Als sich dieser weigerte, kam es zum Wortgefecht, in dessen Verlauf D. zur Waffe griff. Bei der Waffe handelte es sich um eine gestohlene Schweizer Ordonnanzpistole, die D. rund einen Monat vor der Tat von einem Albaner gekauft hatte.

Täter war stark alkoholisiert

Der angeschossene Mann hatte Glück im Unglück und überlebte. D. brachte ihn selber ins Bürgerspital nach Solothurn, wo der Angeschossene durch einen Luftröhrenschnitt vom drohenden Erstickungstod gerettet werden konnte. D. war zum Zeitpunkt der Tat stark alkoholisiert. Es wurde bei ihm ein Wert von 2,1 Promille gemessen. Im Spital gab er vorerst an, er habe den Verletzten am Strassenrand aufgefunden. Und noch vom Spital aus telefonierte er seiner Ehefrau, sie solle die Pistole und die Munition verschwinden lassen und das Restaurant von den Blutspuren säubern.

Das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt verurteilte D. wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Gegen dieses Urteil legte er Berufung ein. An der gestrigen Appellationsverhandlung vor Obergericht zum Tathergang befragt, sagte D. verschiedene Male, er könne sich nicht mehr genau erinnern. Etwa, ob die Pistole gesichert gewesen war oder nicht, oder warum er den Schuss gleich unmittelbar am Hals des Opfers unter dessen Hemdkragen abgegeben habe.

Dagegen erinnerte er sich aber, dass ein weiterer Gast ihn daran hindern wollte, weiter auf sein Opfer einzuschlagen. Nicht zuletzt diese Intervention könnte zur Schussabgabe geführt haben, vermutet D. Allerdings sagte dieser Gast später aus, er habe sich zum Zeitpunkt der Schussabgabe nicht im Nebenraum befunden. Für D. ist dies eine Lüge.

Verteidigung: 24 Monate bedingt

Für D.s Pflichtverteidiger war dies eine plausible Erklärung. Es sei daher anzunehmen, dass der Schuss durch diese Intervention ausgelöst worden sei. D., der überhaupt keine Erfahrung mit Schusswaffen gehabt habe, habe nicht wissen können, oder habe zumindest nicht bedacht, dass die Situation derart gefährlich sei. Man müsse zudem berücksichtigen, dass D. schwer betrunken gewesen sei. Daher stelle sich die Frage, ob er seine Handlungen überhaupt noch richtig habe einschätzen können.

«Er hat nicht absichtlich den Abzug getätigt», folgerte der Verteidiger. Deshalb liege auch kein Eventualvorsatz vor. Dies gehe auch dadurch hervor, dass D. dem Angeschossenen sofort Hilfe geleistet habe. Der Verteidiger beantragte, D. sei wegen schwerer fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten bedingt zu verurteilen. Die Voraussetzungen für den bedingten Vollzug seien auch deshalb gegeben, weil sein Mandant, «die fatale Gastwirtschaft» aufgegeben habe und heute einer anderen Arbeit nachgehe. Das Obergericht wird das Urteil heute bekannt geben.

*Name von der Redaktion geändert