Nähkurse
Schnellnähkurse im Trend: «Wer sich abheben will, näht selber»

Die traditionellen Nähkurse sind heute weniger gefragt, auch wegen der tiefen Preise der Kleidungsstücke in einzelnen Läden. Es gibt aber einen Näh-Trend hin zu speziellen Angeboten: vom Bikini bis zur Blachentasche.

Irmgard Bayard
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Sabine Germann (rechts) aus Langenthal gibt ihrer Kursteilnehmerin Sarah Roth Tipps und zeigt ihr Tricks des Selbernähens.

Sabine Germann (rechts) aus Langenthal gibt ihrer Kursteilnehmerin Sarah Roth Tipps und zeigt ihr Tricks des Selbernähens.

Das Kurswesen hat sich gewandelt», sagt Textildesignerin Sabine Germann. Die 35-Jährige führt seit 1998 zusammen mit ihrem Mann Thomas das von den Schwiegereltern übernommene Bernina-Nähcenter in Langenthal mit einer Filiale in Huttwil. «Die traditionellen Nähkurse werden vermehrt von Schnellnähkursen abgelöst.» Diesen Trend bestätigt auch Helene Steiner von der Volkshochschule Oberaargau. «Wir hatten nicht mehr genug Anmeldungen, um Nähkurse durchzuführen.» Ehemalige Lehrkräfte haben diese übernommen. Eine davon ist Annerös Morgenthaler aus Thunstetten.

Nachfrage rückläufig

Aber auch sie sagt: «Die Nachfrage ist rückläufig.» Morgenthaler führt diesen Umstand unter anderem darauf zurück, dass die Kleider heute viel günstiger zu kaufen sind als noch vor ein paar Jahren. Diese Meinung teilt Andrea Tauss. Die gelernte Damenschneiderin mit deutschen Wurzeln führt seit August 2001 das Atelier «Crazy Colores», erst in Zuchwil, heute in Subingen. Daneben gibt sie Kurse in der Migros-Klubschule in Solothurn und Biel. Und: In ihrem Atelier führt sie Interessierte in die Kunst des Dessous-Nähens ein.

Marktlücke gefunden

In dieser Sparte will sie sich weiterbilden und das Nischenangebot ausbauen. Die Idee, auf dieses Segment zu setzen, ist aus einer Not entstanden. «Ich fand keinen passenden BH.» Zudem änderte sie für eine Kundin einen Badeanzug ab. «Für Menschen mit Problemfiguren ist eine Spezialanfertigung oft der einzige Weg», weiss die 45-jährige Mutter eines Sohnes. Ihre Weiterbildung zur Dessous-Schneiderin absolviert sie in Deutschland, weil es dies in der Schweiz nicht gibt. Dieser Umstand bestärkt sie darin, dass sie eine Marktlücke gefunden hat.

In ihrer Freizeit widmet sich Andrea Tauss unter anderem dem Tribal Fusion Dance, einer Mischung aus orientalischem Tanz, indischem Tanz und Flamenco. Die speziellen Kostüme dafür für sich und einige Mitglieder der Tanzgruppe «Mandala» näht sie ebenfalls selber. Von ihrem Schneideratelier kann Tauss allerdings nicht leben. «Es ist eine schöne und kreative, aber oft unterschätzte Arbeit», sagt sie. Denn bevor ein Kleidungsstück fertiggestellt ist, muss es besprochen, geschnitten, ein Probemodell angefertigt, müssen Anproben durchgeführt werden und dann fertiggenäht werden.

BH kostet zwischen 480 und 550 Franken

Ein Büstenhalter kommt so auf zwischen 480 und 550 Franken zu stehen, wobei der Stoff etwa 50 Franken ausmacht. Trotzdem möchte sie ihr Angebot noch ausbauen, zum Beispiel für Frauen nach einer Brustamputation, sei es, indem sie selber näht oder entsprechende Kurse erteilt. «Ich möchte den Frauen ein gutes Gefühl geben», begründet sie ihre Motivation.

Wie unterschiedlich begehrt Nähkurse sind, zeigt das Beispiel von Bernina Solothurn. «Das Interesse an den traditionellen Nähkursen ist gross, die Tendenz steigend», sagt Filialleiterin Ruth Kurth. Aber auch hier seien die speziellen Nähkurse gefragt. «Erstens, weil sie ein spezifisches Thema abdecken, das eine Kundin anspricht, zweitens, weil das Projekt innerhalb eines Nachmittages, eines Abends oder während eines Tageskurses rasch abgeschlossen ist.» Geschätzt werde an solchen Spezial-Nähkursen auch, dass man nicht mit einem fixen Kurstag über mehrere Wochen oder Monate hinweg eine regelmässige Verpflichtung eingehe.

Vorwiegend von jüngeren Frauen genützt

Die Migros-Klubschule Aare bietet verschiedene Kurse an. «Die Tendenz ist konstant bis steigend», sagt Martin Schläppi, Mitarbeiter Kommunikation und Support. Die Kurse, bei denen Design im Vordergrund steht, würden vorwiegend von jüngeren Frauen genutzt, die Freude am Umgang mit den vielseitigen Nähmaschinen haben. «Unser Hit ist aber ganz klar das Blachentaschennähen», erzählt Schläppi, der damit den Trend hin zum Spezialkurs bestätigt. Ein Nähkurs für Nachtwäsche musste gemäss Andrea Tauss hingegen abgesagt werden.

Von der Masse abheben

Sabine Germann vom Bernina-Nähcenter in Langenthal stellt Unterschiede zwischen städtischem und ländlichem Gebiet fest. «Wir bieten jedes Jahr zweimal fünf Themen-Nähkurse an. Diese werden von unseren Mitarbeitenden, alles Damenschneiderinnen, geleitet. Dabei kann es vorkommen, dass ein Kurs in Langenthal abgesagt werden muss, während wir ihn in Huttwil zusätzlich durchführen können.»

Wenigstens einen gemeinsamen Grund, sich die Kleider selber auf den Leib zu schneidern, finden alle Befragten. Sabine Germann sagt es so: «Damit kann man sich von der grossen Masse abheben.»