Im letzten Jahr ging der Milchpreis um 4,6 Prozent zurück. In den letzten zehn Jahren ist der Preis, den die Bauern für einen Liter Milch erhalten, von 81 auf 61 Rappen gesunken. In der Nordwestschweiz betrug der durchschnittliche Milchpreis im Jahr 2010 sogar nur noch 58,67 Rappen. Verständlich, dass Bauernsekretär Peter Brügger die Milch zum Thema seines agrarpolitischen Ausblicks an der Delegiertenversammlung des Solothurnischen Bauernverbandes (SOBV) am Montag im Wallierhof machte.

Bei den Bauern steht zurzeit die Motion des Emmentaler SVP-Nationalrats Andreas Aebi hoch im Kurs, die die Rückkehr zu einer Art Milchkontingentierung verlangt. Doch für Brügger ist eine Mengenbegrenzung bei der Milchproduktion eine Illusion. «Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, Rezepte, die früher nicht gut funktioniert haben, wieder einzuführen.» Die Milchstatistik zeige klar: «Der Preisrückgang hat zum grossen Teil unter der Kontingentierung stattgefunden.»

«Raufutter statt Kraftfutter»

Der Bauernsekretär plädierte für einen Lösungsansatz mit langfristiger Wirkung. Wegen ihres Kostenumfelds brauche die Schweizer Landwirtschaft einen höheren Milchpreis als die internationale Konkurrenz. Einen Mehrwert, der bei den Konsumenten einen höheren Milchpreis rechtfertigen kann, ortete Brügger bei ethischen und gesellschaftspolitischen Kriterien, wie Herkunft aus dem eigenen Boden, Ressourcen- und Energieverbrauch, Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit.

Tatsächlich laufe die Schweizer Milchproduktion aber in die verkehrte Richtung: Statt auf Raufutter (Gras) basiere sie immer mehr auf Kraftfutter. Die Leistungssteigerungen der letzten 19 Jahre seien nur dank massiv höherem Kraftfuttereinsatz möglich gewesen: «Die Soja-Importe haben sich verzehnfacht; ein Viertel des Soja wird an Milchvieh verfüttert.»

Preiszuschlag pro Hektare Grasland

Das sei mitverantwortlich für die Ausdehnung der Milchmenge, und so gerieten die Bauern in die öffentliche Kritik: «Die Milchproduktion wird zunehmend bodenunabhängig, der Gehalt der Milch wird negativ beeinflusst, die Milchmenge wird weiter massiv ansteigen.» Der gravierendste Nachteil aber liege darin, dass Schweizer Milch zum austauschbaren Produkt werde. «Wie rechtfertigen wir einen höheren Preis, wenn sich Schweizer Milch nicht mehr abhebt von irgendeinem europäischen Massenprodukt?», fragte Brügger.

Als Gegenmittel forderte er eine stärkere Ausrichtung der Milchproduktion auf die einheimische Ressource Grasland. Konkret: Einen Preiszuschlag pro Hektare Grasfläche. Das heisst: Wer (dank Kraftfutter) viel Milch auf einer kleinen Fläche abliefert, erhält einen tieferen Preis für seine Milch als ein Bauer, der eine grosse Fläche nutzt, um seine Milch mit einheimischem Gras zu produzieren.

So werde die Milchmenge kleiner, aber der Anteil Milch mit hoher Wertschöpfung werde zunehmen. Denn, so Brügger: «Wenn unsere Milch austauschbar ist mit europäischer Milch, dann ist auch der Preis austauschbar und dann werden wir in den nächsten Jahren die Entwicklung fortschreiben, die wir seit zehn Jahren erleben.»

Der Präsident sahs anders

Über diese durchaus provokativ gemeinten Vorschläge wurde an der Versammlung der Bauernvertreter intensiv diskutiert – auch deshalb, weil sich Verbandspräsident Samuel Keiser (Fulenbach) nicht hinter die Ideen seines «Angestellten» Brügger stellen konnte. Auch der Solothurner Regierungsrat Christian Wanner beteiligte sich an der Diskussion und gab Brüggers Vision Schützenhilfe.

Da sich die beiden als Gäste anwesenden Ständeräte Rolf Büttiker und Roberto Zanetti einen Fingerzeig im Hinblick auf die Ständeratsdebatte zur Motion Aebi erhofften, wurde schliesslich eine Konsultativabstimmung durchgeführt. Diese ergab mit 40 Ja- gegen 9 Nein-Stimmen eine überraschend klare Meinungsäusserung zugunsten Brüggers Vorschlag.

«Noch keinen Schlachtplan»

«Das Ergebnis zeigt, dass ich von der Basis einen Auftrag bekommen habe, die Diskussion in einem grösseren Kreis zu suchen», so Peter Brügger. Nun will er zusammen mit Büttiker zusammensitzen und über das weitere Vorgehen auf dem politischen Parkett nachdenken. «Wir haben aber noch keinen Schlachtplan», sagt der Verbandssekretär.

Er hoffe, dass das Thema auch in anderen kantonalen Bauernverbänden angesprochen werde. Grundsätzlich sei er offen für Diskussionen: «Vielleicht gibt es bessere Lösungen».