Biberist
Sappi-Geschäftsleiter: «Wie der Griff zum letzten Strohhalm»

Sappi-Geschäftsleiter Nicolas Mühlemann nimmt im Interview Stellung zu Fakten und seinen Emotionen zur Fabrikschliessung in Biberist. Wut wäre in der jetztigen Phase nur hinderlich, ist er überzeugt.

Franz Schaible
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Der 50-jährige Nicolas Mühlemann arbeitet seit 22 Jahren für die Papierfabrik Biberist, seit 2004 als deren Geschäftsführer. Felix Gerber

Der 50-jährige Nicolas Mühlemann arbeitet seit 22 Jahren für die Papierfabrik Biberist, seit 2004 als deren Geschäftsführer. Felix Gerber

Solothurner Zeitung

Sie kommen gerade von einem Treffen mit der Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler. Hat sie Ihnen die volle Unterstützung im Kampf gegen die Fabrikschliessunzugesichert?

Nicolas Mühlemann: Ja. Sie hat zudem deponiert, dass sie sich in den nächsten Tagen mit den Verantwortlichen für den Schliessungsentscheid der Papieri in Biberist treffen will.

Was bedeutet die geplante Schliessung für Sie persönlich?

Wenn es dazu kommen sollte, befinde ich mich in derselben Position wie alle anderen 550 Angestellten auch. Es gilt, den Entscheid zu verdauen, nach vorne zu schauen, Bewerbungsunterlagen zusammenstellen und einen Job zu suchen.

Sind Sie wütend?

Wütend nicht, aber der Donnerstag war für mich ein sehr schlimmer Tag. Am Tag danach machte sich dann das Kämpferherz breit. Ich bin darauf fokussiert, in der Konsultationsphase eine möglichst gute Lösung zu finden. Da wäre Wut nur hinderlich.

Hat Sie der Entscheid aus Brüssel überrascht?

Die Resultate wurden schlechter, die Rahmenbedingungen wie Papier-Nachfrage, Zellstoffpreise, Energiekosten, usw. sind gegen uns. Ich habe intern die düsteren Wolken aufgezeigt und versucht, mit internen Massnahmen dagegen anzukämpfen. Wir haben einen Massnahmenkatalog erarbeitet.

Welche Massnahmen waren das?

Das Spektrum reichte von der Schliessung einer Papiermaschine über Versuche, bei Schlüssellieferanten bessere Konditionen zu erhalten bis hin zu Lohnkürzungen. In Südafrika haben sie gerechnet und kamen dann zum bekannten Entscheid.

Aber wann wurden Sie über die Schliessung informiert?

Am vergangenen Montagnachmittag.

Bis dahin rechneten Sie nicht damit?

Die Schliessung war zuvor bloss eine unter mehreren Massnahmen. Nach dem Entscheid bin ich aus dem Verwaltungsrat zurückgetreten.

War das ein Zeichen des Protests?

Nein. Ich konnte diesen Entscheid nicht mitragen. Meiner Meinung nach hätte es andere Möglichkeiten gegeben. Der Rücktritt war also die logische Konsequenz, sonst wäre ich ein Mitläufer.

Ist der Entscheid also falsch?

Jein. Die Fakten sprechen dafür, dass die Kapazitäten gesenkt werden müssen. Wenn Sappi nicht handelt, ist das Ganze gefährdet. Aber es trifft das falsche Werk. Denn ich erwarte, dass sich die Preishausse für Zellstoff zyklusmässig wieder abschwächt. Dann wäre es möglich gewesen, mit Biberist eine längere Durststrecke zu überstehen. Ich hätte den Rotstift nicht in Biberist angesetzt, sondern allenfalls in einem anderen Werk.

Das sagt jeder Werksleiter.

Das stimmt. Jeder kämpft für sein Werk. Aber Biberist arbeitet effizient, hat tiefe Fixkosten und bei fallenden Rohstoffpreisen eine gute Ausgangslage. Aber da habe ich einen anderen Blickwinkel als die Firmenbesitzer.

Waren die Zahlen wirklich so schlecht?

Zwar hat das Werk Biberist im Geschäftsjahr 2009/10 (per Ende September) eine schwarze Null geschrieben. Aber bereits seit vergangenem Sommer haben sich die Zahlen deutlich verschlechtert und seit Monaten schreiben wir rote Zahlen.

Jetzt ist April: Ein sehr kurzfristiger Entscheid also.

Es ist für mich grundsätzlich nachvollziehbar, dass der Eigner rasch handeln muss. Aber verstehen kann ich den Entscheid trotzdem nicht.

Ist das kein Widerspruch?

Nein. Denn wenn, wie gesagt, der Zellstoffmarkt wieder dreht, dann hätte Biberist Potenzial. Wir haben auf Kostenseite unsere Hausaufgaben gemacht.

Sehen Sie Biberist als Opfer der Globalisierung?

Die Globalisierung ist dann ein Problem, wenn der Hauptsitz nicht in der Schweiz ist. In diesem Fall ist man bloss ein Punkt auf der Landkarte. Aber das gilt auch im umgekehrten Fall.

Nun läuft das Konsultationsverfahren während sechs Wochen. Ist das nicht bloss ein Scheingefecht?

Nein. Es wäre dann eine Farce, wenn wir einfach die Zeit absitzen würden. Wir werden nun aber gemeinsam um die Zukunft von Biberist kämpfen. Hauptziel ist es, eine entsprechende Lösung zu finden und damit den Sappi-Verwaltungsrat überzeugen zu können. Die Papiermaschinen sollen weiter laufen.

Aber mit der Klausel, keine direktkonkurrenzierende Produktion zu ermöglichen, ist diese Chance doch gleich null.

Das ist klar eine Rieseneinschränkung. Aber vielleicht will das Werk jemand kaufen, um darauf braune Ware, also Wellpappen, Karton, Rohpapier, herzustellen. Aber im Moment habe ich keine Lösung. Es ist eine grosse Herausforderung.

Wie hoch schätzen Sie die realistischen Chancen ein?

Lassen Sie mich es so formulieren. Es ist wie der Griff zum letzten Strohhalm.

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