Solothurn
«‹Rössli› ist das Rütli des Kantons Solothurn» – alt Bundesrat Christoph Blocher im Interview

Eine grosse Veranstaltung hätte es am 2. Januar werden sollen – nun kann sie zwar bloss virtuell mitverfolgt werden, doch alt Bundesrat Christoph Blocher freut sich gleichwohl darauf, mit Josef Munzinger, Willi Ritschard und Cuno Amiet drei Solothurner würdigen zu können, die Bedeutendes geleistet haben.

Balz Bruder
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«Willi Ritschard war ein gescheiter Mensch, der wusste, wie man mit den Leuten sprechen musste, damit sie verstanden, worum es ging», sagt alt Bundesrat Christoph Blocher im Interview mit dieser Zeitung.

«Willi Ritschard war ein gescheiter Mensch, der wusste, wie man mit den Leuten sprechen musste, damit sie verstanden, worum es ging», sagt alt Bundesrat Christoph Blocher im Interview mit dieser Zeitung.

BRUNO KISSLING

Herr alt Bundesrat, was haben Sie für eine Beziehung zum Kanton Solothurn?

Christoph Blocher: Ehrlich gesagt, eine etwas gespaltene. Ich war ja früher im Verwaltungsrat der Atel, die später in der Alpiq aufgegangen ist. Und dann war ich bei der Rettung der Cellulose Attisholz engagiert. Leider ist es nicht gelungen, diese zu retten.

Gibt es persönliche Beziehungen, die Sie zu Solothurnern gepflegt haben?

Die engste hatte ich in der Tat zu Willi Ritschard.

Damit sind wir schon mitten im Thema. Sagen Sie uns: Weshalb kommen Sie am 2. Januar ausgerechnet nach Solothurn?

Ich mache seit nunmehr zehn Jahren jeweils am 2. Januar – dem Berchtoldstag – diese kulturellen «Veranstaltungen» mit grossem Erfolg. Ich würdige Persönlichkeiten aus dem jeweiligen Kanton und ihre Bedeutung für die heutige Schweiz: Wer die Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart nicht beurteilen. Diese gleicht dann einem Baum ohne richtige Wurzeln. Dieses Jahr ist dies also in Solothurn, weil mich Solothurner gebeten haben. Und weil der Kanton Solothurn solche Persönlichkeiten kennt.

Ist es ein Müssen?

Die höchste Freiheit besteht darin, das zu tun, was man muss (lacht). Ich komme gern, auch wenn die Veranstaltung gezwungenermassen erstmals nicht vor dem gewohnt zahlreichen Publikum stattfinden kann. Sie kann aber elektronisch erlebt werden. Ein Wort ist schliesslich ein Wort.

Es ist kein Zufall, dass Sie sich Balsthal für die Übertragung ausgesucht haben. . .

. . . nein, natürlich nicht. Ich hätte den Anlass gerne im «Rössli» Balsthal durchgeführt, dort, wo Josef Munzinger am 22. Dezember 1830 auf der Treppe seine historische Rede hielt. Dabei sagte er nur, was alle dachten, aber sich niemand getraute zu sagen. So sprach er: Nun sind wir Bürgerinnen und Bürger jene, die sagen, was gilt – die Regierung ist uns untertan.

Das ist quasi Ihr Lebensthema?

Ja! Das ist das Thema, solange es einen Staat gibt. Ich bin ein Demokrat durch und durch. Die schweizerische Staatsform ist die Stärke der Schweiz. Das erkannte auch der Oltner Munzinger. Auch gegen die Beherrschung der Landschaft durch die Städte trat er an. Das ist ebenfalls ein Dauerthema und wieder sehr aktuell. Jetzt wollen sie sogar das Ständemehr abschaffen. Das «Rössli» in Balsthal ist gleichsam das Rütli des Kantons Solothurn.

Munzinger spielt in der jüngeren Solothurner Politauseinandersetzung wieder eine Rolle – befeuert durch Ihre Partei, die SVP, die damit die Liberalen aus dem Busch geklopft hat.

Das zeigt doch, wie aktuell die Figur Munzinger ist. Viele grundsätzliche Themen beschäftigen uns heute wieder. Demokratie, Gleichberechtigung, Bürgerrechte.

Aber er war ein Freisinniger!

Was heisst hier «Aber»! Er gehörte als Liberal-Konservativer zum massgeblichen Teil der damaligen Freisinnigen. Und die spätere SVP als liberal-konservative Partei ist eine Abspaltung der Freisinnigen. Munzinger steht mir deshalb nahe – trotz seiner Schattenseiten – er entwickelte ja zeitweise diktatorische Züge. Auch dies ist leider eine Gesetzmässigkeit: Auch die liberalsten Geister werden brutal, wenn sie ihr Vermächtnis angegriffen sehen. Deshalb braucht es die Kontrolle des Volkes über die Mächtigen.

Wie weit ist der Weg inhaltlich von Munzinger zu Ritschard?

Er war ein ganz anderer Typ in einer anderen Zeit. Aber ideologisch wäre er auf Munzingers Seite gestanden! Auch Ritschard war ein ländlicher Typ. Er kannte als Gemeindepräsident von Luterbach die Sorgen der Landschaft, aber auch der Industrie und der Arbeiter. Und auch er war auch kritisch gegenüber der Elite.

Was war denn die grosse Leistung von Ritschard?

Das grosse Kapital von Ritschard war seine Vertrauenswürdigkeit. Darin ist er sich auch als Bundesrat treu geblieben. Das zeigen nicht nur – aber auch – seine sprichwörtlichen Bonmots.

Sie kannten Ritschard gut. . .

. . . ja, wir begegneten uns in meiner ersten Legislaturperiode als Nationalrat in der Finanzkommission, die seine letzten vier Jahre in der Landesregierung waren. Wir hatten allerdings keinen quasi freundschaftlichen Kontakt. Aber wir schätzten und respektierten einander. Er war sehr zugänglich und sagte mir einmal: «Du bist eigentlich auch ein Gewerkschafter.» Da sagte ich ihm: «Das wäre mir neu.» Und er antwortete: «Du schaust schliesslich auch zu Deinen Arbeitern.» So war er. Und ich mochte ihn sehr.

Es gab noch eine weitere Gemeinsamkeit, den Einsatz für die Kernenergie.

Ja, das stimmt. Er sagte einmal: «Jene in unserer Partei, die ihre Manifeste dagegen schrieben, taten dies jedenfalls nicht bei Kerzenlicht.» Als Vertreter des konservativen Flügels seiner Partei, der SP, wusste er, woher der Wohlstand für die Menschen kam. Er war kein Intellektueller, er war ein Arbeiter. Und er war ein gescheiter Mensch, der wusste, wie man mit den Leuten sprechen musste, damit sie verstanden, worum es ging.

Seine Volksnähe faszinierte Sie. . .

. . . ja, das ist sicher so. Ich habe viel von ihm gelernt. Zum Beispiel: «Wir müssen nicht nur einfacher reden, sondern auch einfacher denken». Das gilt gerade heute: 90 Prozent der Bürger verstehen die politischen Ansprachen nicht mehr. Daneben gab es auch sachliche Übereinstimmungen in der Energiepolitik. Zum Beispiel bei der Besetzung von «Kaiseraugst» im Jahr 1975. Das Thema beschäftigte ihn sehr. Er war es auch, der das Gespräch mit den Besetzern suchte.

Mit Otto Stich gab es eine weitere wichtige Solothurner Figur in der Sache.

Ja, das war 1988, als «Kaiseraugst» begraben wurde. Unter meiner Führung wurde ein Kompromiss zur Aufgabe des geplanten KKW geschlossen, weil das Werk technisch gar nicht mehr hätte realisiert werden können. Der Schwarzbube Otto Stich spielte dabei eine wichtige Rolle auf dem Weg zu einer neuen Energiepolitik. Er war Ritschard darin sehr ähnlich. Ebenso wie in der Finanzpolitik, wo wir viele Übereinstimmungen hatten, wenn es um die Staatsverschuldung ging.

Es ist nicht alles Politik, aber ohne Politik ist alles nichts. Mit dem Maler Cuno Amiet würdigen Sie auch einen bedeutenden Solothurner Künstler.

Ja, zunächst wollte ich Otto F. Walter und seine Schwester Silja Walter würdigen. Ich kenne die Werke zwar, aber die Personen zu wenig. Deshalb beschäftige ich mich nun mit Amiet. Als Kunstsammler kenne ich ihn, obwohl ich zwar nicht viele, aber doch ein paar schöne kleine Werke besitze. Er fasziniert mich, weil er bedeutungsvoller ist, als sein Werk vermuten lässt. Er war bis zu seinem Tod 93-jährig ein Suchender. Anders als Hodler, der eine lineare Entwicklung durchlief. Nicht von ungefähr nannte sich Amiet selber «der Weitverzweigte».

Ist das der Grund, weshalb Sie wenig Amiet in der Sammlung haben?

Ja, es ist für mich nicht einfach, ihn zu fassen, weil er stilistisch gleichzeitig immer an vielen verschiedenen Orten stand. Was bleibt, ist aber die unglaubliche Farbenpracht, die aus seinen Bildern, beispielsweise vom Garten auf der Oschwand, spricht. Etwas, das auch Hodler faszinierte, der ihn zeitlebens sehr schätzte.

Dabei war Amiet eigentlich mehr Berner als Solothurner. . .

. . . ja, weil er mehr Zeit im Kanton Bern verbrachte. Aber nein, weil er Solothurn immer treu geblieben ist. Das lässt sich aus seinem Werk ablesen. Im Übrigen war er ja auch Solothurner Staatsschreiber-Sohn.

Wird Amiet unter Wert geschätzt?

Nein, das glaube ich nicht. Amiet hat zu Recht einen sehr guten Namen in der Schweizer Kunstgeschichte. Und das Kunstmuseum Solothurn hat einen wunderbaren Bestand. Abgesehen davon hatte Cuno Amiet auch schon zu seinen Lebzeiten mächtige Solothurner Förderer.

Was verbindet Munzinger, Ritschard und Amiet?

Natürlich, dass sie Solothurner sind. Und dass sie sich ihrer Heimat sehr verbunden fühlten. Es verbindet sie aber auch, dass sie Bedeutung über ihre Herkunft hinaus erlangt haben.

Muss man als Solothurner Grenzen sprengen, um gross zu werden?

Nein, das glaube ich nicht. Aber im Fall dieser drei Persönlichkeiten fasziniert selbstverständlich die Bedeutung, die sie über ihren Heimatkanton hinaus für die Schweiz erlangt haben.

Haben die Solothurner als Angehörige eines Kantons mit vielen Verzweigungen auch etwas Vermittelndes?

Ja, das würde ich sagen. Das sieht man auch dem Freisinn an. Und, um auf Munzinger zurückzukommen: Er war es, der als Katholik den mehrheitlich katholischen Kanton Solothurn aus den Wirren des Sonderbunds und des daraus entstandenen Krieges herausgehalten hat.

«Wir sind wehleidig geworden»

Wie gehen Sie mit der aktuellen Pandemiesituation um?

Christoph Blocher: Auf jeden Fall leichter, als es uns die Panikstimmung, die um sich greift, vermuten lassen würde. Das hat vor allem mit meiner Liebe zu Geschichte zu tun. Wenn ich diese anschaue und mir vor Augen führe, welche Seuchen, Katastrophen, Krisen die Menschheit überlebt hat, dann sage ich mit Albert Anker, der gemalt hat: «Siehe, die Welt ist nicht verdammt!» Das ist auch jetzt so.

Was wollen Sie damit sagen?

Wir sind wehleidig geworden im Umgang mit dem, was unser Leben auch nur ansatzweise zu bedrohen scheint. Und dass es in einer Seuche, so bedauerlich dies ist, Menschen gibt, die daran sterben, ist eine feste Grösse. Ich kann das sagen, weil ich jetzt auch zu denen gehöre, die das Durchschnittsalter der Sterbenden haben. Die Welt geht wegen dieser Pandemie nicht unter.

Fehlen uns zuweilen etwas die Relationen?

Ja, das ist so. Wenn ich daran denke, wie mein Vater im Ersten Weltkrieg, da die Spanische Grippe wütete, Weihnachten fernab von seiner Familie verbracht hat. Und später am Familientisch von dieser Zeit erzählt hat. Das ist heute unvorstellbar für uns. Wir diskutieren darüber, ob es eine Zumutung sei, Weihnachten mit weniger Menschen zusammen zu feiern, als dies sonst üblich ist. Maria und Josef haben auch nicht in einem Luxushotel mit über 60 Personen gefeiert. Vielleicht kommt der tiefere Sinn von Weihnachten wieder ans Licht.

Trotzdem ist es bedenklich, dass ein hoch entwickeltes Land wie die Schweiz Todesfallzahlen ausweist wie kaum ein anderes.

Das weiss ich nicht. Was da alles zusammengeschrieben wird – wir können das gar nicht beurteilen. Bei der Frage, ob nun jemand an Corona gestorben sei, oder ob nicht eine andere Krankheit, die von Corona überlagert wurde, den Ausschlag gab – wer soll das beurteilen? Ich glaube deshalb auch nicht an all die Zahlen. Weder an jene im Ausland noch an jene im Inland. Es ist nicht alles so klar, wie es manchmal scheint.

Sie machen persönlich trotz der Krise, die uns umgibt und unser Leben einschränkt, einen sehr entspannten Eindruck.

Ja, ich gehöre zwar zur Gruppe der Risikopersonen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das überstehen werden. Denken wir nur an die Fortschritte bei der Entwicklung des Impfstoffs. Wir haben die Pocken besiegt, die Kinderlähmung besiegt – wir werden auch Corona besiegen

Aber die ökonomischen Verwerfungen sind enorm.

Das kommt hinzu, das ist klar. Da müssen wir sehr aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen. Wir können doch nicht einfach alles herunterfahren! Es kommt auch niemandem in den Sinn, das Autofahren zu verbieten, weil es im Strassenverkehr Tote gibt.

Das vielleicht nicht, aber der Bundesrat ist bei der Bewältigung der Pandemie nach Dafürhalten vieler auf einem Zickzack-Kurs.

Es braucht die Diskussionen in der Landesregierung! Und sie sollen auch kontrovers sein. Aber man muss wissen, was man will – und welchen Preis man dafür bezahlen kann. Die Pandemie ist offensichtlich nicht nur ein Thema der Gesundheit! Oder wie Ritschard sagte, als er von Georges-André Chevallaz das Finanzdepartement übernahm: «Er hat mir nichts hinterlassen als ein Loch, in das ich mich nun selbst setzen muss.»

Blochers Würdigung von Solothurner Persönlichkeiten

Er war schon lange auf der Wunschliste des Vereins Politfuchs, der von SVP-­Kantonsrat und Regierungsratskandidat Richard Aschberger präsidiert wird: Alt Bundesrat Christoph Blocher, der seit nunmehr zehn Jahren jeweils am Berchtoldstag in einen Schweizer Kanton reist, um vor grossem Publikum wichtige Persönlichkeiten der Geschichte und ihre Bedeutung für die Schweiz zu ­würdigen.
Nun hat es geklappt: Blocher kommt am 2. Januar nach Balsthal. Dort wird die traditionelle Berchtoldstag-Veranstaltung durchgeführt – coronabedingt allerdings ohne Besucherinnen und Besucher vor Ort. Dafür wird Blochers Würdigung von Josef Munzinger («Kämpfer für die Schweiz», 1791 bis 1851), Cuno Amiet («Maler der Moderne», 1868 bis 1961) und Willi Ritschard («Arbeiter im Bundesrat», 1918 bis 1983) übertragen.

Dies wird ab 10.30 Uhr auf folgenden Kanälen möglich sein:

Im Internet unter:
www.teleblocher.ch

www.svp-so.ch

Auf Facebook unter:
https://www.facebook.com/svpso

Auf Youtube unter:
Tele Blocher