Kindergarten
Regierung will Hochdeutsch und Dialekt fördern

Die Solothurner Regierung lehnt einen Auftrag der kantonalen SVP ab, der «Dialekt als Unterrichtssprache im Kindergarten» verlangte. Sie will Hochdeutsch und Dialekt gleichermassen fördern.

Elisabeth Seifert
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Studien zeigen: Kinder verstehen hochdeutsche Geschichten genauso gut wie Geschichten, die ihnen auf Schweizerdeutsch erzählt werden. az Die Sprache im Kindergarten ist zum Streitpunkt geworden.

Studien zeigen: Kinder verstehen hochdeutsche Geschichten genauso gut wie Geschichten, die ihnen auf Schweizerdeutsch erzählt werden. az Die Sprache im Kindergarten ist zum Streitpunkt geworden.

Solothurner Zeitung

Nach dem Kampf gegen Harmos geht die SVP erneut mit einem Bildungsthema auf Stimmenfang: Im Kindergarten soll künftig konsequent Schweizerdeutsch gesprochen werden – und nicht, wie heute in der Deutschschweiz und auch im Kanton Solothurn allgemein üblich, Mundart und Hochdeutsch.

In Übereinstimmung mit dem Positionspapier der SVP Schweiz hat die Junge SVP Luzern im Herbst eine Volksinitiative lanciert. Bereits zustande gekommen sind Initiativen im Kanton Zürich und Basel-Stadt. Im Kanton Bern hat die Junge SVP im Grossen Rat einen Vorstoss eingereicht.

Den gleichen Weg geht, zumindest vorerst, auch die SVP im Kanton Solothurn. Urheber des Auftrags «Dialekt als Unterrichtssprache im Kindergarten», der im November im Kantonsparlament eingereicht wurde, ist hier allerdings nicht ein junger SVP-Exponent, sondern mit Hans Rudolf Lutz (Lostorf) ein altgedienter Kantonsrat.

An seiner gestrigen Sitzung hat die Regierung dem Anliegen jetzt eine Absage erteilt, was Hans Rudolf Lutz nicht weiter wundert: «Das war zu erwarten, ich vertraue jetzt aber ganz auf den Kantonsrat.» Und wenn sich dieser ebenfalls dem Anliegen verweigert? Lutz: «Ich will nicht ausschliessen, dass wir dann auch in Solothurn eine Volksinitiative starten.»

Vertrauen in Kindergartenlehrkräfte

«Unsere Mundart ist es wert, weiterhin gepflegt und gefördert zu werden», schreibt Lutz in der Begründung seines Auftrags – und die Regierung kann sich diesem Statement durchaus anschliessen: «Mundart muss als Sprachform weiterhin gepflegt und gefördert werden», heisst es in der regierungsrätlichen Stellungnahme.

Anders als die SVP setzt die Regierung dafür im Kindergarten aber nicht ausschliesslich auf die Förderung des Dialekts. Die Mundart sei nicht, wie Lutz meint, gleichzusetzen mit der Muttersprache, «sie ist in der Deutschschweiz Teil der Muttersprache» und «Hochdeutsch oder Standardsprache ist die andere Ausprägung der Muttersprache».

Weiter hält die Regierung fest: «Die unterschiedlichen Ausprägungen von Mundart und des gesprochenen Hochdeutsch gehören zur varietätenreichen deutschen Sprache.»

Entsprechend dieser Überzeugung hat das Amt für Volksschule und Kindergarten im Frühling 2004 eine Weisung für den Gebrauch von Dialekt und Standardsprache für alle Stufen der Volksschule erlassen.

Für den Kindergarten heisst es dort: «Im Kindergarten wird sowohl die mundartliche Sprachkompetenz wie auch die Bereitschaft, die Standardsprache zu erlernen, gezielt gefördert.» Diese Weisung erachtet die Regierung «als zeitgemäss und aus pädagogischer Sicht nach wie vor richtig und wichtig.» Bewusst offen lasse die Weisung, wie viel Mundart oder Hochdeutsch in den Kindergärten gesprochen werden soll. «Wir haben grosses Vertrauen in die Kompetenz unserer Kindergartenlehrpersonen, je nach Situation die richtige Varietät unserer Muttersprache Deutsch zu wählen.»

Möglichst frühe Sprachförderung

Mit dem Unterricht in der Standardsprache bereits im Kindergarten zu starten, erachtet die Regierung vor allem deshalb als richtig, weil eine frühe Sprachförderung für eine erfolgreiche Schullaufbahn von grosser Bedeutung sei. «Eine differenzierte Ausdrucksweise in Mundart und Hochdeutsch ist für die individuelle Entfaltung wichtig und sinnvoll.»

Diverse Studien aus den umliegenden Kantonen zeigen, dass durch Hochdeutsch im Kindergarten die Sprechaktivitäten und der Wortschatz generell stärker zunehmen. «Deutliche Vorteile ergeben sich danach auch beim Schriftspracherwerb in den Bereichen von Leseverstehen, Schreibaktivität und Orthografie.»

Die Verwendung der Standardsprache im Kindergarten entspreche zudem dem Erfahrungshorizont der Kinder. «Kinder verwenden die Standardsprache oft ganz spontan in ihren Rollenspielen, weil sie Szenen und Erlebnisse aus ihrer (Medien-) Umwelt in der passenden Sprachform nachspielen möchten.» Und: «Kinder im Vorschulalter sind dem Hochdeutschen gegenüber positiv eingestellt. Sie akzeptieren Hochdeutsch als Teil ihrer Muttersprache.»

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