Obergericht
Putzfrau zu Sex gezwungen? Ex-Mitarbeiter der Spitäler AG erneut vor Gericht

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Spitäler AG soll 2006 Sex von einer Putzfrau verlangt haben. Als zweite Instanz beschäftigt sich nun das Solothurner Obergericht mit dem Fall.

Hanspeter Schläfli
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Eine Putzfrau klagt ihren ehemaligen Chef an, von ihr sexuelle Handlungen verlangt zu haben. Symbolbild: nic

Eine Putzfrau klagt ihren ehemaligen Chef an, von ihr sexuelle Handlungen verlangt zu haben. Symbolbild: nic

Solothurner Zeitung

Der 62-jährige Mann war von der ersten Instanz freigesprochen worfen. Staatsanwalt und die Anwältin des Opfers rekurrierten jedoch gegen den Freispruch. Der Angeklagte rekurrierte ebenfalls, weil er mit der ihm zugesprochenen Parteienentschädigung nicht zufrieden war.

Rückkehr aus Not

Nach der Scheidung von ihrem Ehemann kehrte Bertha D.*, eingebürgerte Schweizerin, in ihre Heimat nach Südamerika zurück. Doch die schwierigen Lebensumstände und die finanzielle Not bewogen die damals 46-Jährige, sich bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber, einem Betrieb der Solothurner Spitäler AG (soH), zu melden.

Tatsächlich verhalf ihr der frühere Chef Stefan Z.* zu einer Anstellung in der Wäscherei. Doch nicht ohne Hintergedanken, wie Bertha D. anklagte. Wenn er ihr helfe, dann müsse auch sie ihm helfen, habe Stefan Z.* gesagt – und sie im Büro an ihrem ersten Arbeitstag im Juni 2006 zu Oralsex gezwungen.

Opfer spricht von «Mobbing»

Im Polizeirapport waren insgesamt drei Vorfälle bei der Arbeit und einer in der neuen Wohnung von Bertha D. aufgeführt. Vor Gericht sprach das Opfer dann noch von zwei sexuellen Übergriffen im Büro und einem erzwungenen Geschlechtsverkehr in ihrer Wohnung. Zudem sei sie bei der Arbeit schlecht behandelt worden; Bertha D. brauchte das Wort Mobbing.

«Ich hatte kein Geld und war auf die Stelle angewiesen, damit ich mich für eine Wohnung bewerben konnte», erklärte Bertha D., die in der Zwischenzeit wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Die sexuellen Handlungen seien aus ihrer Notlage heraus gezwungenermassen erfolgt. Dass sie auch später nicht die Stelle wechselte, erklärte sie damit, dass sie nur schlecht Deutsch spreche. «In meinem Alter ist die Stellensuche sehr schwierig.»

«Einer Putzfrau glaubt doch niemand»

Zur Polizei ging Bertha D. erst im Jahr 2009. «Ich kam in Kontakt mit der Opferhilfe», erklärte sie die Verzögerung. Dort habe sie Unterstützung gefunden. «Vorher dachte ich, ich könne mir keinen Anwalt leisten. Er ist ein Familienvater und arbeitet seit 30 Jahren dort. Einer Putzfrau, ganz besonders einer Latina, würde so wie so niemand glauben.

Als Beweismittel wurden dem Gericht die Protokolle der internen Untersuchung der Solothurner Spitäler AG und eine Tonaufzeichnung vorgelegt, die Bertha D. während eines Mitarbeitergesprächs mit Stefan Z. heimlich gemacht hatte. Beide Beweismittel wurden nach längerer Beratung nicht zugelassen. «Die internen Protokolle wurden aufgenommen, ohne dass der Angeklagte auf sein Schweigerecht aufmerksam gemacht worden wäre», erklärte Gerichtspräsident Daniel Kiefer. «Die Tonaufzeichnung wurde illegal gemacht und sie wäre rechtmässig nicht möglich gewesen.»

Sich widersprechende Zeugen

«Ich hatte ein ganz normales Arbeitsverhältnis zu ihr», sagte Stefan Z. Er bestritt jeglichen sexuellen Kontakt. Er sei nie in ihrer Wohnung gewesen und es habe auch niemals ein Liebesverhältnis bestanden. Grund zur Rache habe sie keine. Stefan Z.: «Ich denke, sie hat es auf eine finanzielle Entschädigung abgesehen.»

So stand Aussage gegen Aussage. Ein – mittlerweile frühpensionierter – unbescholtener Familienvater und langjähriger Mitarbeiter der soH gegen eine geschiedene Putzfrau aus Lateinamerika. Doch dann erinnerte sich Staatsanwalt Martin Schneider an die Aussage des Zeugen, der gestern als Erster befragt wurde: «Stefan Z. hatte Distanzprobleme auch mit anderen Frauen. Das war in seinem Betrieb ein offenes Geheimnis», sagte der 45-jährige Mann, der in der Solothurner Spitäler AG eine leitende Funktion einnimmt. «Gerhard F.* hat mir rapportiert, dass er einmal Stefan Z. mit entblössten Beinen gesehen hat, und im Büro war Frau Bertha D.» Gerhard F. indes, der an der gestrigen Verhandlung nicht zugegen war, hatte bei seiner Einvernahme zu Protokoll gegeben, nie so etwas gesagt zu haben. Zudem habe er nie einen solchen Zwischenfall gesehen.

Staatsanwalt Martin Schneider beantragte eine Gegenüberstellung der beiden Zeugen. Nach kurzer Beratung wurde der Antrag gutgeheissen. «Die Aussagen stehen sich diametral gegenüber. Es ist aber in diesem Fall entscheidend, welche Zeugenaussage stimmt», sagte Gerichtspräsident Daniel Kiefer. Damit unterbrach er die Verhandlung, sie wird mit der Gegenüberstellung der beiden Zeugen vermutlich Ende August fortgesetzt.

*Name von der Redaktion geändert