Massenentlassung

«Plötzlich ist man weg von der Landkarte»

Der 51-jährige Nicolas Mühlemann leitete seit 2004 die «Papieri». Insgesamt war er während 22 Jahren für die 149-jährige Papierfabrik tätig. Foto: Hanspeter Bärtschi

Der 51-jährige Nicolas Mühlemann leitete seit 2004 die «Papieri». Insgesamt war er während 22 Jahren für die 149-jährige Papierfabrik tätig. Foto: Hanspeter Bärtschi

«Papieri»-Chef Nicolas Mühlemann über Solidarität und Gefühle nach der Schliessung der grössten Papierfabrik der Schweiz.

Sie haben diese Woche den letzten offiziellen Arbeitstag in der «Papieri» gehabt. Wie fühlen Sie sich?

Nicolas Mühlemann: Ich habe mich, seit die Papiermaschinen stillstehen, gedanklich auf diesen Tag vorbereiten können. Es geht für mich persönlich eine lange Zeit von 22 Jahren in der Papierfabrik zu Ende. Ich habe nun die Wahl: zurückschauen und Emotionen wälzen oder nach vorn schauen. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Für mich beginnt ein Neuanfang, ohne aber die Geschichte zu vergessen.

Teil der Geschichte ist, dass der südafrikanische Papierkonzern Sappi als Besitzer der Papierfabrik Biberist Ende März die Schliessung des Werkes ankündigte. Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt noch Hoffnung, dass eine Rettung möglich ist?

Ja. Sonst hätte ich eine Freistellung verlangt und mich darauf konzentriert, einen neuen Job zu suchen. Die Hoffnung habe ich dann aufgegeben, als sich am Ende des Konsultationsverfahrens kein industrieller Interessent mehr meldete. Damit ging für mich der letzte Funken aus. Ich war aber stets realistisch. Es kam der Suche einer Nadel im Heuhaufen gleich.

War es rückblickend nicht so, dass Sappi intern die Schliessung bereits bei der Ankündigung definitiv beschlossen hatte?

Klar war für Sappi, dass ein europäisches Werk geschlossen werden muss; und Biberist war auf der Liste ganz oben. Aufgrund der Ergebnisse des Konsultationsverfahrens hat Sappi aber den Entscheid wohl nochmals überdacht. Sonst hätte das Management nicht die Frist um zwei Monate verlängert. Das zeigt, Sappi glaubte daran, das Werk an einen Investor verkaufen zu können, der die Produktion von anderen Papiersorten weiterführt. Das wäre für die Besitzer viel einfacher gewesen.

Sie haben einmal gesagt, dass unter Ihrer Leitung keine Papiermaschine stillgelegt wird. Jetzt steht die ganze Fabrik für immer still.

Ich hätte mich vor der Verantwortung drücken und nach dem Schliessungsentscheid die Fabrik vorzeitig verlassen können. Aber wenn entschieden ist, kann – bildlich gesprochen – der Kapitän nicht einfach von der Brücke gehen. Er muss bis zum Schluss bleiben.

Haben Sie, rückblickend gesehen, Fehler gemacht?

Fehler bin ich mir keiner bewusst. Wir haben in den Vorjahren gute Resultate erzielt. Aber die Rahmenbedingungen wie massiv gestiegene Zellstoffpreise und hohe Überkapazitäten haben die Chancen stark verschlechtert. Sappi setzt auf integrierte Werke, also Produktion mit angeschlossener Zellstofffabrik. Zusätzlich haben der starke Franken und die hohen Energiekosten das Schicksal von Biberist besiegelt.

War die Schliessung nicht ein Schnellschuss?

Das lasse ich offen. Ich hatte die Entwicklung der Zellstoffpreise anders beurteilt. Deshalb konnte ich den Entscheid nicht mittragen und bin aus dem Sappi-Schweiz-Verwaltungsrat ausgetreten. Inzwischen ging der Zellstoffpreis teilweise wieder zurück und nähert sich einem Niveau an, mit dem man auch in Biberist weiter hätte produzieren können, sofern auch die Rahmenbedingungen im Bereich Energie und die Währungssituation besser wären.

Würde Sappi heute anders entscheiden?

Ich denke nicht. Die Überkapazitäten sind eine Tatsache, und ich bin überzeugt, dass in Europa weitere Papierwerke geschlossen werden.

Haben Sie zu wenig gekämpft für das Werk in Biberist?

Überhaupt nicht. Wir konnten nicht mehr, als Tag und Nacht gegen die Schliessung anzukämpfen. Wir haben alles versucht.

Sie haben während 22 Jahren für die Papierfabrik gearbeitet. Was geht Ihnen nun beim Abschied durch den Kopf?

Ich hatte hier in Biberist sehr gute Phasen erlebt, auch wenn das Umfeld fast immer schwierig war. Esgab bloss zwei oder drei Jahre, in denen wir nicht ums Überleben kämpfen mussten. Andererseits konnte ich bereits in jungen Jahren Verantwortung übernehmen. Kurz, es war für mich ein erfülltes Berufsleben, welches ich nicht missen möchte.

Empfinden Sie die Schliessung auch als persönliche Niederlage?

Nein. Wir haben viel erreicht, und das Werk wurde ja nicht wegen Überschuldung geschlossen, sondern weil die Markgegebenheiten gegen uns sprachen. Das sind die Spielregeln der internationalen Grosskonzerne, wobei es keine Frage der Nationalität ist. Novartis schliesst ein Werk am Genfersee, Roche die Fabrik in Burgdorf oder die Grossbanken streichen Stellen zu Tausenden.

Haben Sie die Schliessung inzwischen akzeptiert oder ist noch Wut da?

Wut bringt nichts. Die Schliessung ist eine Tatsache, und ich habe versucht zu beeinflussen, was beinflussbar war. Wenn schon, dann soll die Schliessung korrekt und sauber über die Bühne gehen, der Sozialplan muss grosszügig ausgestaltet sein, die Pensionskasse muss gerettet werden und das Jobcenter muss funktionieren. Das haben wir erreicht. Beispielsweise haben bislang 83 Prozent der Ehemaligen eine Anschlusslösung gefunden.

Haben sich die anderen Unternehmen solidarisch gezeigt?

Das ist so. Wir haben zweimal je rund 1000 Firmen angeschrieben, und viele davon haben unseren Beschäftigten eine neue Stelle angeboten.

Grosse Solidarität erfahren hatte die «Papieri» zu Beginn auch von Politikern quer durch alle Parteien, von der Kantonsregierung, von der Bevölkerung. Als aber die Würfel gefallen waren, wurde es sehr still. Waren Sie enttäuscht?

Ja. Auch das war für mich ein neuer «Lehrplätz» gewesen. Solange man mediengerecht vorne mit dabei sein und hinstehen kann, dann ist die Anteilnahme gross. Nach dem definitiven Schliessungsentscheid fühlten wir uns sehr allein. Plötzlich ist man weg von der Landkarte. Beim Aufräumen kann man sich offenbar keine Lorbeeren holen. Das war für mich eine bittere Erkenntnis.

Fühlten Sie sich im Stich gelassen?

Das dann doch nicht. Denn realistischerweise konnten weder die Politik, der Kanton noch die Gemeinden das Werk retten. Es gibt kein Gesetz, das erlaubt, der Firma XY die Fabrik wegzunehmen und diese weiter zu betreiben. Die schlechten Rahmenbedingungen waren nicht beeinflussbar.

Wie wird das Fabrikareal in zehn Jahren aussehen?

Ich hoffe, dass die Fabrik wieder mit Leben, sprich mit möglichst vielen Arbeitsplätzen, gefüllt sein wird. Sappi versucht weiterhin, für das Werk einen Käufer zu finden, der das Areal umnutzen wird. Realistisch ist, dass ein Investor das Areal kauft und es neuen Nutzern verkaufen oder vermieten wird. Das wird aber ein langer Prozess sein.

Was passiert mit den drei Papiermaschinen?

Die stehen zum Verkauf. Sappi gibt sich dafür zwei bis drei Jahre Zeit. Wenn ohne Erfolg, müssten sie wohl schweren Herzens verschrottet werden.

Werden Sie im Januar nochmals einen Rundgang durch den Betrieb machen?

Wahrscheinlich ja. Aber eigentlich will ich das Bild mit den laufenden Maschinen im Kopf behalten.

Sie persönlich wechseln als Geschäftsführer zum Nahrungsmittelhersteller Haco in Gümligen. Fiel die Wahl bewusst auf eine Firma, die keinem internationalen Grosskonzern angehört?

Ich suchte eine Anstellung mit Gesamtverantwortung für ein Unternehmen, welches sich in Schweizer Besitz befindet. Und die Eigentümer müssen für mich ein Gesicht haben.

Können Sie die Festtage trotz eines äusserst schwierigen Jahres geniessen?

Ich denke schon. Aber wie ich mich fühle, wenn ich dann zum allerletzten Mal das Areal verlasse, weiss ich nicht. Nach den Festtagen gehe ich mit meiner Frau für drei Wochen nach Asien in die Ferien. Ich benötige diese Pause, um Kräfte zu tanken. Meine Batterien sind leer.

Haben Sie als Chef noch eine Botschaft an alle ehemaligen Papieri-Angestellten?

Ich wünsche allen alles Gute und danke ihnen für den Einsatz, den sie am Arbeitsplatz und im Umfeld gezeigt haben, sowie für das vorbildliche Benehmen in einer Extremsituation.

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