Leben nach dem Tod
Philosoph Saner: «Die Bedeutung des Todes beschäftigt jeden»

Der Philosoph Hans Saner erläutert, warum 51 Prozent der Solothurner an ein Leben nach dem Tod glauben. Er hält das Resultat einer Umfragen für «nicht unbedingt erstaunlich».

Elisabeth Seifert
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Hans Saner in seiner Wohnung in Basel: «Die einzige Gewissheit, die ich in meinem Leben habe, ist, dass ich sterben werde.» Juri Junkov

Hans Saner in seiner Wohnung in Basel: «Die einzige Gewissheit, die ich in meinem Leben habe, ist, dass ich sterben werde.» Juri Junkov

Solothurner Zeitung

Knapp mehr als die Hälfte der Solothurnerinnen und Solothurner glaubt an ein Leben nach Tod. Sind das nicht erstaunlich viele?

Hans Saner: Für unsere heutige Zeit, in der Religion im öffentlichen Leben wieder eine bedeutende Rolle spielt, ist dieses Umfrageergebnis nicht unbedingt erstaunlich. Die Überzeugung scheint in Solothurn knapp mehrheitsfähig zu sein. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass man es noch vor einigen wenigen Jahrzehnten kaum wagen durfte, nicht an ein Leben nach dem Tod zu glauben oder sich gar zum Atheismus zu bekennen. In der Innerschweiz ist der Anteil derer, die von einem Weiterleben nach dem Tod überzeugt sind, vermutlich noch etwas höher als in Solothurn, in städtischen Zentren ist er vielleicht etwas kleiner.

Wir leben heute in einer Welt, die auf das Diesseits, auf materielle Werte, ausgerichtet ist – und dennoch glauben viele Menschen an ein Leben nach dem Tod. Ist das nicht ein Widerspruch?

Im Zuge der 1968er-Bewegung glaubten viele, das religiöse Bedürfnis belächeln zu können. Seit etlichen Jahren stellen wir, wie gesagt, wieder ein stärkeres Interesse an religiösen Fragen fest. Ein Interesse sicher, das sich auch durchaus kritisch mit Religionen auseinandersetzt. Die Frage aber, was der Tod genau bedeutet, stellt sich jeder Mensch, auch heute. Was heisst es, tot zu sein? Wann ist man tot? Die Antworten darauf sind heute keineswegs einfacher geworden, das Gegenteil trifft vielmehr zu.

Wie meinen Sie das?

Während früher jemand als tot galt, wenn kein Puls mehr spürbar war oder er aufhörte zu atmen, ist das heute komplizierter. Heute haben wir mit dem Hirntod eine neue Todesdefinition: Der Tod ist der Ausfall aller Gehirnfunktionen. Wer aber zeigt uns diesen Ausfall an? Eine Maschine. Wäre sie sensibler programmiert, würde sie anzeigen, dass wir noch nicht «ganz» tot sind. Zudem wissen wir heute, dass partielle Lebensprozesse bei Leichen noch weitergehen. Die Fingernägel und Haare wachsen noch, wenn ein Leichnam längst beigesetzt worden ist. Wir können nicht sagen, wann genau jemand tot ist. Wo ist die Grenze? Dieses Nichtwissen aber führt dazu, dass Mythen wie das Weiterleben nach dem Tod für viele wieder eine gewisse Plausibilität bekommen.

Können wir uns einfach nicht damit abfinden, nach dem Tod nicht mehr zu existieren?

Die Frage, was nach dem Tod geschieht, ist für viele Menschen eng mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verknüpft. Das Leben macht für sie erst Sinn, wenn es eine Form des Weiterlebens nach dem Tod gibt. Dass das Leben einfach plötzlich abbricht, ist zudem auch aufgrund der Erfahrungswelt nur schwer vorstellbar. Wir sehen zwar, dass der Einzelne stirbt, das Leben als Ganzes aber geht weiter. Und auch die Verstorbenen bleiben im Bewusstsein der Hinterbliebenen oft noch sehr lange Zeit präsent.

Was glauben Sie persönlich, gibt es ein Leben nach dem Tod?

Die einzige Gewissheit, die ich in meinem Leben habe, ist, dass ich sterben werde. Meine Sterblichkeit ist meine Zeitlichkeit. Das bedeutet, dass ich den Sinn des Lebens nicht in der langen Dauer suchen sollte, sondern in der erfüllten Zeit, in der die Zeitlichkeit ist, als ob sie nicht wäre. Der Sinn des Lebens ist das Leben selber in seiner möglichen Qualität und nicht in seiner endlosen Dauer.

Und nach dem Tod: Gibt es da Ihrer Meinung nach nichts mehr?

Ich weiss nur, dass ich es nicht weiss. Das ist die Antwort der Skeptiker und der Agnostiker. Wenn ich mich entscheiden müsste, etwas zu glauben, würde ich darauf setzen, dass der Tod als mein Tod endgültig ist. Das ist aber nicht ein logischer Befund von der Art: Bisher sind alle gestorben, also werde auch ich sterben, sondern ein absolutes Bewusstsein: «Ich bin sterblich.»

Ist es nicht sehr bequem zu sagen «ich weiss es nicht»?

Das wäre vielleicht der Fall, wenn man es bei dieser Feststellung bewenden liesse. Wir wären dann, so hat der Philosoph Karl Jaspers das genannt, «passive Agnostiker». Der aktive Agnostiker ist jener, der ebenfalls sagt: «Ich weiss es nicht», der aber gerade deshalb voller Unruhe ist. Er hält es für ein Bedürfnis des Menschen, wissen zu wollen und Fragen zu stellen, auch Fragen nach dem Leben «danach». Man darf diese Menschen nicht als Spinner abtun.

Sie scheinen durchaus Sympathien für Menschen zu hegen, die an ein Leben nach dem Tod glauben...

Solange religiöse Vorstellungen keinen dogmatischen Charakter annehmen, ist nichts gegen sie einzuwenden. Es sind Blumen der menschlichen Fantasie. Wenn religiöse Vorstellungen aber zur Gewissheit werden und sich schliesslich als Wissen verstehen, können sie lebensgefährlich werden.

Unter den Ergebnissen der Umfrage fällt auf, dass Menschen, die politisch rechts stehen, bedeutend seltener an ein Leben nach dem Tod glauben als jene, die sich in der Mitte und links der Mitte ansiedeln. Ihre Erklärung?

Menschen rechts der Mitte sind in der Regel wohlhabend und führen ein sorgloseres Leben. Sie fürchten, dass ihr Lebensglück von anderen gestört wird. Sie tun alles, um alt zu werden, träumen aber nicht von einem Leben nach dem Tod. Das hat mich weniger erstaunt als das Verhalten der Linken. Die politische Linke war ja einmal religionskritisch.

Warum glauben Frauen öfter an ein Leben «danach» als Männer?

Frauen sind «unsterblicher» als Männer, und zwar deshalb, weil sie das Leben viel intensiver weitergeben als Männer. In ihren Kindern und Kindeskindern leben sie unmittelbarer weiter als die Männer. Der Hauptpunkt ist natürlich: Nur sie können gebären und weitgehend sie erziehen die Kinder. In den Kindern zeigt sich die grösste Lebendigkeit des Lebens.

Warum glauben Menschen im Alter zwischen 15 und 34 Jahre häufiger an ein Leben nach dem Tod als Menschen ab 55 Jahren?

Jüngere Menschen öffnen sich leichter mythischen, wir können auch sagen «fantasievollen» und «etwas verrückten» Vorstellungen. Das soll nicht negativ verstanden werden. Die Antworten, welche die Mythen auf grundlegende Fragen geben, sind oft die interessantesten. So etwa ist es durchaus eine hohe geistige Leistung, dass mit dem Mythos vom Leben nach dem Tod die allgegenwärtige Endlichkeit des Menschen plötzlich infrage gestellt wird.