Persönlich
«Hesch scho abgstumme?»

Cyrill Pürro
Cyrill Pürro
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Am Sonntag befindet das Stimmvolk über drei eidgenössische Vorlagen.

Am Sonntag befindet das Stimmvolk über drei eidgenössische Vorlagen.

Christian Beutler (Archiv)

Das schlechte Gewissen macht sich jedes Mal in meiner Magengrube breit, wenn ich meinen Stimmzettel nur halb überzeugt von meinem «Ja» oder meinem «Nein» in die Urne werfe oder bei der Post abgebe. Zugegeben: In stressigen Phasen bin ich zu faul, um mir nach Feierabend auch noch das ganze «rote Büchlein» zu Gemüte zu führen.

Mein Gewissen plagt mich noch Tage nach der Abstimmung, wenn mir schmerzlich bewusst wird, dass ich mit etwas mehr Zeitaufwand anders hätte abstimmen können. Die Frage «Hesch scho abgstumme?» aus meinem Umfeld macht es dann auch nicht besser. Wie erkläre ich, meine Meinung nur halbbatzig hingekritzelt zu haben? Am besten verneine ich einfach und sage, ich würde mich später ausgiebig informieren.

Je mehr ich über dieses helvetische Dilemma nachdenke, desto mehr frage ich mich, wie grotesk schon nur die Frage «Hesch scho abgstumme?» auf eine Touristin oder einen Touristen wirken muss – nicht nur wegen der Mundart. So ein Privileg geniessen zu dürfen, dieser Gedanke umtreibt mich und bringt mich dazu, mir künftig für das Abstimmen mehr Zeit zu nehmen. Nun ist es am Sonntag wieder soweit – das graue Couvert ist abgegeben und ein schlechtes Gewissen verspüre ich derzeit noch nicht.

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