Amtsgericht

Partnerin verklagte Wärter

Richter musste angebliche häusliche Gewalt beurteilen. Foto: az

Richter musste angebliche häusliche Gewalt beurteilen. Foto: az

Ein Gefängnisaufseher wurde von Gewaltvorwürfen freigesprochen. Seine frühere Lebenspartnerin hatte ihn wegen angeblichen Todesdrohungen angeklagt.

Richard M.* beaufsichtigt von Berufs wegen Häftlinge in einem Gefängnis. Treffen die Vorwürfe zu, die eine frühere Lebenspartnerin dem 45-Jährigen macht, steht M. möglicherweise jeweils auf der falschen Seite der Gitterstäbe: Seine Ex-Freundin sagte im Dezember 2008 bei der Polizei aus, M. habe zwei Monate zuvor mit einem Rüstmesser vor ihrem Gesicht rumgefuchtelt, er habe ihr mit dem Tod gedroht, sie mehrfach ins Gesicht und auf den Hinterkopf geschlagen und sie gewürgt.

Der Staatsanwalt erachtete die Vorwürfe als stichhaltig: Er forderte die Verurteilung von M. zu einer bedingten Geldstrafe und zur Zahlung einer Busse.

«Ich dachte, er bringt mich um»

M. indes bestreitet den Vorwurf häuslicher Gewalt dezidiert: Er sieht die Anzeige einerseits als Racheversuch seiner psychisch angeschlagenen Ex-Freundin, die ihm nicht verzeihen konnte, dass er sie verlassen hatte; andererseits als Manöver im Streit um das Sorgerecht für den gemeinsamen zweijährigen Sohn.

Der Gerichtspräsident von Solothurn-Lebern sprach den Gefängniswärter gestern frei von den Vorhalten der Drohung und mehrfacher Tätlichkeiten. Es sei nicht klar, so Richter Daniel Wormser, ob Richard M. die Unwahrheit sage, oder ob es die Klägerin sei, die lüge. Da aber der Angeklagte nur verurteilt werden könne, wenn die Vorwürfe als bewiesen erachtet werden könnten, sei M. freizusprechen.

Bewiesen war tatsächlich nichts: Es stand Aussage gegen Aussage, und die Aussagen wichen diametral voneinander ab. Das angebliche Opfer beschrieb die Schläge als besonders heftiges Beispiel für die regelmässigen Wutausbrüche ihres Ex-Partners. Erst zwei Monate nach der Tat habe sie sich getraut, Anzeige zu erstatten: «Ich dachte, er bringt mich um.»

Psychisch angeschlagene Klägerin?

«Es ist rein gar nichts passiert», beteuerte hingegen Richard M. Er habe sich zu jener Zeit von seiner Partnerin trennen wollen – diese aber habe dies nicht goutiert und ihm damit gedroht, ihn fertigzumachen. Verteidigerin Stephanie Selig zitierte als Beleg für die Friedfertigkeit ihres Mandanten aus einem Arbeitszeugnis, das M. eine «von Natur aus ruhige Persönlichkeit» attestierte.

Über die Persönlichkeit der Klägerin hingegen wussten die Verteidigerin und ihr Mandant Negatives zu berichten: Die Frau sei psychisch angeschlagen – was in einem Hang zur Magersucht und zu Selbstverletzungen Ausdruck finde. «Es gibt gehörige Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit» konstatierte Verteidigerin Selig. Die Klägerin habe offenbar nicht verkraftet, dass sie sitzengelassen wurde.

Auf Psychologisierungen liess sich Richter Wormser nicht ein. «Ich bin nicht der Scheidungs-, nur der Strafrichter», sagte er in der Urteilsbegründung. Und als solcher könne er nur verurteilen, wenn die Vorwürfe bewiesen seien. Deshalb: Freispruch.

* Name von der Redaktion geändert

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