Solothurner Geschichte ist zu einem grossen Teil Parteiengeschichte. Die drei alten grossen Parteien FDP, CVP und SP haben das tägliche Leben bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stark geprägt. Jedes der drei Lager verfügte über eigene Turn-, Gesang- oder Schützenvereine, ja sogar getrennte Einkaufsläden; Heiraten über die Parteigrenzen hinweg waren verpönt. Die in den Parteiarchiven liegenden historischen Dokumente sind also ein Stück Solothurner Kulturgut – das langsam verloren geht. Seit Jahrzehnten liegen nämlich die Protokolle, Mitgliederverzeichnisse, Wahlplakate oder Fotos ungeordnet in Kellern und Büros. Zum Teil sind sie über den ganzen Kanton zerstreut; Sonnenlicht und Feuchtigkeit nagen an ihnen. Auch wurden immer wieder mal Teile entsorgt.

Staatsarchiv erhält Zuwachs

Ein unbefriedigender Zustand, auch für die aktuelle Arbeit der Parteisekretäre: Suchen sie etwas im Archiv, finden sie es nicht. Der Leidensdruck ist mittlerweile so gross, dass FDP, SP und CVP unabhängig voneinander beschlossen haben, ihre Archive in Ordnung zu bringen. Fachmännisch gesichtet, geordnet, verzeichnet und verpackt, sollen dann die historischen Unterlagen dem Staatsarchiv übergeben werden. Dort können interessierte Bürger und Forscher die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Dokumente einsehen. Gut erschlossene Parteiarchive sind nicht zuletzt auch für die geplante Kantonsgeschichte des 20. Jahrhunderts von Bedeutung (siehe Artikel rechts).

«Ich bin sehr erfreut, dass die drei Parteien ihre Archive uns übergeben wollen», sagt Staatsarchivar Andreas Fankhauser. «Damit werden auch die dringend nötigen Forschungsarbeiten zur jüngeren Solothurner Geschichte erleichtert.» Fankhauser wäre interessiert, die Dokumente weiterer Parteien zu übernehmen, etwa der ehemaligen Poch oder des LdU.

FDP erhält Lotteriegeld

Die ehemals dominante Partei im Kanton, die FDP, will ihr Archiv durch eine externe Firma erschliessen lassen. Der Regierungsrat hat dafür Ende Februar einen Beitrag von 4000 Franken aus dem Lotteriefonds gesprochen. «Es handelt sich um Solothurner Kulturgut, das der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden soll», begründet Parteisekretär und Historiker Remo Ankli. Zurzeit liegt das «freisinnige Gedächtnis» in einem Luftschutzkeller. Der grösste Teil der Dokumente stammt von den Wahlkämpfen seit Anfang des 20.Jahrhunderts. Hinzu kommen Protokolle der obersten Parteigremien seit den 1880er-Jahren und eine Sammlung der Wahlplakate seit den 1950er-Jahren. «Es handelt sich um eines der besterhaltenen FDP-Kantonalarchive in der Schweiz», sagt Ankli. Das Parteiarchiv ist aber auch immer fürs aktuelle Tagesgeschäft von Nutzen: «Wir haben auch schon nachgeschaut, wie wir den Wahlkampf vor 10 bis 20 Jahren organisiert oder gestaltet haben», sagt Ankli. Die geplante Ordnung des Parteiarchivs will er zum Anlass nehmen, den aktuellen Ablageplan zu überarbeiten und die älteren Unterlagen jeweils periodisch ans Staatsarchiv abzuliefern.

Die SP ist bereits an der Arbeit

«Als ich meine Arbeit aufgenommen habe, fand ich zwei mit Archivmaterial vollgestopfte Räume vor», berichtet Niklaus Wepfer, Sekretär der SP Kanton Solothurn. «Kaum etwas war geordnet, ich fand nichts, die Unterlagen waren vom Papierzerfall betroffen und wir brauchten Platz.» Deshalb wurde SP-Geschäftsleitungsmitglied und Historiker Georg Hasenfratz mit der Erschliessung des Archivs beauftragt. Seit einem Jahr ist Hasenfratz nebenberuflich an der Arbeit. Die Protokolle, Unterlagen, Fotos, Tonbänder, Plakate und Mitgliederverzeichnisse reichen 120 Jahre zurück. «Insgesamt ist noch viel Interessantes vorhanden», sagt Hasenfratz. Die in säurefreie Archivschachteln verpackten und verzeichneten Dokumente sollen dann dem Staatsarchiv übergeben werden.

«Wir ziehen auch Lehren für die laufende Arbeit auf dem Sekretariat», sagt Wepfer. «Wir erstellen nun einen Ablageplan, aus dem ersichtlich ist, was wir wie lange aufbewahren müssen oder wollen.» Wie die FDP will dann die SP ihre nicht mehr benötigten Unterlagen alle fünf Jahre dem Staatsarchiv abliefern.

Auseinandergerissenes CVP-Archiv

Auch die CVP will ihr Archiv endlich in Ordnung bringen und dem Staatsarchiv übergeben. Sie ist aber noch weniger weit als die beiden anderen Parteien. «Nach den Nationalratswahlen wollen wir unsere alten Dokumente sichten lassen», erklärt Parteipräsidentin Annelies Peduzzi. Die CVP steht vor einer besonderen Herausforderung, sind die Dokumente doch über den ganzen Kanton verstreut: Ein Teil liegt im Keller des ehemaligen Anwaltsbüros von Regierungsrat Walter Straumann in Olten, ein anderer Teil auf dem Parteisekretariat in Aeschi und ein dritter Teil im Stadtarchiv Olten.

Laut Alt-Regierungsrat und Historiker Thomas Wallner reichen die historischen Unterlagen der CVP mindestens bis Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. «Wir wollten das Archiv schon lange zusammenführen und ordnen», sagt Peduzzi. «Wir erhalten nämlich immer wieder auch Anfragen von Ortsparteien, wann sie gegründet wurden.»