Noch wehen beim Fabrikeingang die Fahnen der Sappi, der Schweiz und von Südafrika einträchtig nebeneinander. Diese Eintracht ist allerdings seit der Bekanntgabe der Schliessung der Papierfabrik Biberist durch die südafrikanische Besitzerin Ende März stark getrübt.

Und spätestens Ende Juli wird ein anderer Wind wehen: Entweder kann Sappi das Werk einem Investor zur Weiterführung verkaufen, oder die grösste Papierfabrik der Schweiz wird definitiv geschlossen.

Die Stimmungslage im Biberister Werk lässt sich bereits im Dorf erspüren. Der «Papieri»-Kreisel – mit Papierrollen wurde auf das drohende Fabrik-Aus aufmerksam gemacht – ist wieder zum normalen St.-Ursen-Kreisel zurückgebaut, die überall im Dorf aufgehängten Grossplakate «Hände weg von der ‹Papieri›» sind weg.

Belegschaft sucht weiter

Hat sich Belegschaft mit der Schliessung abgefunden? Kathrin Schär, Präsidentin der Personalkommission, verneint und liefert augenzwinkernd eine einleuchtende Begründung für die Demontage. «Nachdem klar geworden ist, dass Sappi die Fabrik nicht mehr weiterführen wird, suchen wir jemanden, der eben Hand anlegt.»

In der rund 300 Meter langen Halle dröhnt die Papiermaschine 8, kurz PM8 genannt. Hier wird noch bis zum 13. Juli gestrichenes Feinpapier produziert, dann ist Schluss. «Das gilt auch für mich», sagt Karl Reiter. Er ist einer von 134 Mitarbeitenden, die bereits per Ende Mai ihre Kündigung erhalten haben, weil «ihre» PM8 in den allfälligen Weiterführungsplänen von Sappi definitiv keinen Platz mehr hat. «Gezwungenermassen habe ich mich mit dem Verlust meines Arbeitsplatzes abgefunden», erzählt der 48-jährige Vater von zwei Kindern.

Der gebürtige Österreicher, im bernischen Walliswil aufgewachsen, ist aber nicht geknickt. Er hat in seinem Berufsleben schon einiges erlebt. Seit 11 Jahren arbeitet der gelernte Werkzeugmechaniker und spätere Absolvent der Papiertechniker-Schule als 1. Maschinist an der Streichmaschine 8. Zuvor verdiente Reiter während 21 Jahren (inklusive Berufslehre) sein Brot bei der Sulzer Textil in Zuchwil.

«Papier braucht es immer»

Der Textilmaschinenhersteller kämpfte ums Überleben, Stellenstreichungen waren die Folge. «Ich ahnte das Schlimmste und habe mich um meine jetzige Stelle in der vermeintlich sicheren ‹Papieri› beworben. Ich dachte, Papier braucht es immer.» Reiter stellte sich darauf ein, bis zur Pensionierung in der Papierfabrik arbeiten zu können. «Seit Mitte Mai weiss ich es besser.»

Die Phase zwischen derAnkündigung der möglichen Schliessung Ende März und der Kündigung Mitte Mai erlebte Karl Reiter als sehr belastend. «Das Schlimmste war die Ungewissheit. Was passiert mit der Fabrik? Was passiert mit mir? Ich hatte schlaflose Nächte.» So gesehen habe der Entlassungsbrief auch etwas «Gutes» gehabt, meint er mit Galgenhumor. «Seit damals weiss ich, woran ich bin. Der fast nicht mehr auszuhaltende Druck der Unsicherheit war weg.»

Inzwischen hat er mehrere Bewerbungen verschickt, bis zu einem Vorstellungsgespräch oder gar zu einer Anstellung ist es allerdings noch nicht gekommen. «Dass auf mich niemand wartet, weiss ich sehr wohl. Aber ich bin trotzdem zuversichtlich, einen neuen Job zu finden.» Es bleibe ihm auch nichts anderes übrig, er sei auf ein regelmässiges Einkommen angewiesen.

Karl Reiter fühlt sich nach 11 Jahren der «Papieri»-Familie zugehörig. Er ist stolz auf seine Tätigkeit als 1. Maschinist. Als solcher unterstützt er im 4-Schicht-Betrieb den Maschinenführer, überwacht den Prozessablauf und die Qualität des produzierten Papiers. «Ich arbeitete gern hier und lernte als Mitglied der Arbeitnehmervertretung und ehemaliger Angehöriger der Betriebsfeuerwehr viele gute Berufskollegen kennen.»

«Höre das Rauschen der Maschinen»

Dass das Kapitel «Papieri» bald abgeschlossen sein wird, hat er noch nicht verinnerlicht. Wie auch. Die Fabrik ist in Sichtweite von seiner Wohnung. «Und wenn ich bei meiner Partnerin zu Hause bin, höre ich das Rauschen der Maschinen.» Vorerst noch. Was nach einer vollständigen Schliessung mit dem Riesenareal und den Fabrikhallen geschehen soll, könne sich wohl niemand vorstellen.

«Ich bin nicht wütend auf die Südafrikaner. Auch Schweizer schliessen Betriebe. Ich bin einfach nur sehr enttäuscht», schildert Karl Reiter seine Befindlichkeit. Und zwar mehrfach. Bei der Übernahme durch Sappi im Jahr 2008 wurden der Standort, die Qualität und der Einsatz des Personals in Biberist in höchsten Tönen gelobt. «Dann kam im vergangenen März der Paukenschlag.» Schon 2009 hätten sich alle Mitarbeitenden punkto Arbeitszeiten und Schichtzulagen sehr flexibel gezeigt und mitgeholfen, die schwierige Phase zu überbrücken.

Und in den vergangenen Monaten habe sich die gesamte Belegschaft zusammen mit der Bevölkerung für den Erhalt der Fabrik engagiert und mutig eingesetzt. Die im Rahmen des Konsultationsverfahrens erarbeiteten Vorschläge hätten Hoffnung aufkeimen lassen. «Das alles hat das Sappi-Management offenbar nicht beeindruckt. Das ist frustrierend.»

Welche Arbeiten er nach der Stilllegung der Papiermaschine 8 bis zum Ablauf der Kündigungsfrist Ende August erledigen muss, weiss Karl Reiter noch nicht. Klar ist dagegen, dass er bis zum 13.Juli wie gewohnt weiterarbeitet, auch wenn die Motivation gesunken ist. «Ich bin immer noch Papiermacher und ich will meinen Job bis zum Schluss gut machen.» Weiss die Sappi-Spitze, was sie mit Karl Reiter und all seinen Berufskollegen verlieren wird?