«Wie sieht es aus bei euch?», fragt der Chauffeur des mit Kartonhülsen für die Papierrollen gefüllten Sattelschleppers, den «Papieri»-Mann am Anlieferungsschalter. «Wir versuchen das Beste und hoffen weiter», antwortet dieser.

Auch Heinz Grolimund will nicht aufgeben. Der 41-jährige Maschinist arbeitet seit 21 Jahren in der Papierfabrik Biberist, also nach seiner Lehre als Fahr- und Motorfahrradmechaniker sein ganzes bisheriges Berufsleben. Selbstbewusst, entschlossen und kämpferisch, aber freundlich und humorvoll, steht er am mit Barrieren gesicherten Eingang zur grössten Schweizer Papierfabrik. Er spricht über seine Gefühle, seine Arbeit, immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass die Fabrik bald stillstehen könnte.

«Ich bin und bleibe optimistisch»

«Ich verdränge die drohende Schliessung, zumindest bis zum 16. Mai, wenn die Konsultationsphase beendet sein wird.» Bis dahin gilt für den kräftigen Mann nur ein Leitspruch: «Wer nicht kämpft, hat schon verloren, wer kämpft, kann verlieren.» Normalerweise arbeitet Heinz Grolimund im Vierschichtbetrieb als Maschinist an den Papiermaschinen und Rollenschneidanlagen. Seit der Ankündigung des drohenden Aus am 31. März ist er freigestellt für die Arbeit in der Betriebskommission. «Ich bin Mitglied im Kernteam, welches im Rahmen des Verfahrens den Ablauf koordiniert, Vorschläge und Ideen zum Weiterbestehen des Werkes sammelt und letztlich ein oder mehrere umsetzbare Projekte ausarbeitet.

Darüber wird dann das in Brüssel ansässige Europa-Management der Sappi Europe Paper entscheiden. Obwohl die Aufgabe, innerhalb von sechs Wochen eine Lösung zu finden, mehr als schwierig ist, glaubt er daran. «Ich bin und bleibe optimistisch.» Es gebe Anzeichen, dass die Konsultationsfrist verlängert werden könnte, selbst wenn eine realisierbar erscheinende Lösung noch nicht pfannenfertig auf dem Tisch liege.

Grolimund mag gar nicht an das schlimmstmögliche Ende, das Aus in Biberist, denken. Schliesslich weiss er, dass die Papierfabrik «gut, effizient, sozial und umweltbewusst» funktioniere. Das hätten ihm auch seine Kollegen im europäischen Betriebsrat der Sappi bestätigt. Für die Arbeitnehmervertreter der Werke in Deutschland, Österreich, Holland oder Belgien sei klar, dass Sappi Biberist nur deshalb schliessen wolle, weil eine solche Hauruckübung in der Schweiz am einfachsten durchzuziehen sei.

«Wir sind wie eine grosse Familie»

Doch darin hätten sich die Manager getäuscht. «Wir werden nicht klein beigeben. Unsere Aktionen werden weitergehen.» Grolimund ist sicher, dass die Kundgebung vor dem Solothurner Rathaus, der Sternmarsch, die Protestnote samt Unterschriftensammlung oder die gestrige Aktion auf der Treppe der St. -Ursen-Kathedrale (siehe Bild) in Brüssel Eindruck hinterlassen werden. «Denn die riesige Solidarität in der Bevölkerung, in der Politik und in der Wirtschaft für die Fabrik ist einzigartig.»

Um die Kampfbereitschaft weiter zu bekräftigen, nehme heute die Belegschaft am 1.-Mai-Umzug in Solothurn teil. Für ihn und viele andere werde es das erste Mal sein. Bis anhin habe ihn das zu wenig interessiert. «Die mögliche Schliessung hat mich radikalisiert. Ich marschiere aber auch aus Selbstbetroffenheit mit», gesteht er ein. Ziel: «Wir wollen der Bevölkerung zeigen, dass die ganze Belegschaft für ‹ihre Papieri› kämpft.» Denn es sei mehr als eine Fabrik. «Wir sind wie eine grosse Familie.» Ist das nicht zu verklärt? «Nein. Der grösste Teil der Belegschaft identifiziert sich mit der ‹Papieri›.» Er persönlich, der im benachbarten Zuchwil wohnt, «wird das sinkende Schiff nicht verlassen. Das bin ich der Papierfabrik schuldig».

Die Schliessung ist für ihn und seine 550 Berufskollegen nicht nachvollziehbar. Grolimund legt die neueste Ausgabe der internen Firmenzeitschrift «Paragraph» auf den Tisch. Darin wird die «Papieri» als «grüner Pionier» gelobt. Zum Beispiel: «Das vermutlich bekannteste Papier aus Biberist – Cento-Nature – ist das umweltfreundlichste Papier auf dem Markt, weil zugunsten von Zusatzstoffen aus ökologischer Herkunft auf Bleichmittel verzichtet wird.» Und «Papieri»-Geschäftsleiter Nicolas Mühlemann darf im Artikel das Erfolgsgeheimnis des Werkes erläutern: «Wir beziehen die Mitarbeitenden mit ein, weil Lösungen niemals nur von ‹top down›, sprich von der Geschäftsleitung aus, kommen.»

Übrigens: Das interne Magazin haben die Mitarbeitenden zwei Wochen nach Ankündigung der Schliessungsabsicht erhalten. Grolimund: «Das ist mehr als ein schlechter Witz. Das ist ein Hohn.»