Obergericht
«Paletten-Papst» zieht in zweite Runde

Selbst ernannter Erfinder einer revolutionären Palettentechnologie erneut vor Gericht. Im Juni 2009 waren er und sein Verwaltungsrat H.* unter anderem wegen Misswirtschaft und unterlassener Buchführung verurteilt worden.

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Plastikpaletten als Millionengeschäft – so zumindest pries der Deutsche Michael John seine Geschäftsidee an. zvg

Plastikpaletten als Millionengeschäft – so zumindest pries der Deutsche Michael John seine Geschäftsidee an. zvg

Solothurner Zeitung

Der «Visionär» und (patentlose) Erfinder einer revolutionären Produktionstechnologie für Plastikpaletten Michael John stand gestern erneut vor Gericht. Im Juni 2009 waren er und sein Verwaltungsrat H.* unter anderem wegen Misswirtschaft und unterlassener Buchführung verurteilt worden (wir berichteten). John hatte sich mit dem Geld seiner Investoren, zu denen auch ein Vermögensberater einer Grossbank sowie ein Nationalrat gehören, laut Staatsanwaltschaft «einen extravaganten und ausschweifenden Lebensstil» finanziert, anstatt es in den Aufbau der Firma PPal zu investieren. Er gönnte sich Luxusautos, eine Villa im Tessin und Übernachtungen in Luxussuites in St. Petersburg.

An das Vermögen soll John dank seiner Überredungskunst gelangt sein, genauso wie er im Jahr 2003 auch H.s Vertrauen gewonnen hatte, der später Verwaltungsrat der Firma PPal werden sollte. Und tatsächlich bekamen die Anwesenden gleich am Anfang der Verhandlung eine Kostprobe von Johns Eloquenz. Auf die Feststellungen des Gerichtspräsidenten, es habe «eine Grossfinanzierung genauso wie ein Risikokapital gefehlt» und sein Honorar von monatlichen 27 000 Franken sei «unverhältnismässig hoch» gewesen, fand er immer wieder Ausfluchten. Geschickt legte er alle unangenehmen Fakten zu seinen Gunsten aus und überraschte mit technischem Wissen und weltmännischem Auftreten.

Schuld am Konkurs sind andere

Für das Eingehen der PPal fand er immer irgendjemanden, der an seiner Stelle den Kopf hinhalten musste. Ein mächtiger Holzpalettenproduzent beispielsweise habe seine Konkurrenz gefürchtet, von «gestohlenen Patenten» war die Rede genauso wie von angeblichen 28 Millionen Franken, die eine Grossbank einfach «verschlampt» haben soll. Ausserdem sei das völlig «unverhältnismässige Vorgehen» der Staatsanwaltschaft für den Stillstand seiner Palettenproduktion verantwortlich, denn durch das Strafverfahren und die U-Haft habe er mit seiner Freiheit seine Glaubwürdigkeit vor den chinesischen Geschäftspartnern verloren. Die Verhaftung habe «alles zerschlagen» und sein «Lebenswerk zerstört».

Trotz spürbarer Emotionen wirkte John, der im Juni 2009 im Fürstenkostüm vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern einen theatralischen Auftritt hingelegt hatte, in der gestrigen Verhandlung erstaunlich gefasst und seriös. Von Einsicht aber, wie die Staatsanwaltschaft konstatierte, keine Spur. Dass Johns Firma über eine Million Franken einfach versanden liess und H. wegen der Ermittlungen seine Berufsgrundlage als Berater verlor, schien John nicht sonderlich zu kümmern. So überrascht es nicht, dass der Verteidiger Johns sein Plädoyer stark auf angebliche Formfehler stützte. Er forderte den Freispruch sowie eine Genugtuung von 626000 und eine Entschädigung von 1,5 Millionen Franken.

Weniger von sich überzeugt, aber nicht minder wortreich verteidigte sich H. vor den Richtern. Zu seinen Gunsten sprachen die zahlreichen in E-Mails festgehaltenen Bemühungen, John von seinen «Geldverschwendungsexzessen» abzuhalten. Ob das reichen wird, um die Integrität des Solothurners wiederherzustellen, ist unklar. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls war von der Vernachlässigung seiner Pflicht als Verwaltungsrat überzeugt. Das Scheitern der Firma sei durch die lückenhafte finanzielle Planung «systemimmanent» gewesen, und die «absurd hohen Gewinnaussichten» hätten H. stutzig machen sollen.

Verwaltungsrat in Erklärungsnot

Fakt ist, dass H. als Einziger Zugriff auf das Firmenkonto hatte: Nur dank ihm hatte John als deutscher Staatsangehöriger die Firma in der Schweiz überhaupt gründen können. H.s Verteidiger verlangte dennoch einen Freispruch sowie eine Genugtuung von 100000 Franken. Sein Klient habe sich verantwortungsvoll verhalten, mit privaten finanziellen Mitteln den Schaden zu minimieren versucht und sich frühzeitig aus dem Geschäft zurückgezogen. Die Staatsanwaltschaft hingegen forderte 8 Monate für H. sowie 18 Monate für John. Das Urteil wird diese Woche bekannt gegeben.

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