Die Hinterbliebenen wussten, dass es der Verstorbene schon zu Lebzeiten allen recht machen wollte. Man war daher nicht wirklich erstaunt, dass sich in seinem Testament die Notiz fand, er wünsche seine Asche durch die Hinterbliebenen verstreut zu wissen und zwar – damit alle in etwa die gleiche Strecke zurückzulegen hätten – in Olten. So traf man sich denn – jemand hatte die Asche in einem Römertopf dabei – im Bahnhofbüffet und beriet, wo genau der Akt des Verstreuens vollzogen werden könnte. Niemand kannte Olten so richtig, wie sie sich eingestehen mussten. Und so begann man nach einer Stunde, auf die Uhr zu sehen und beschloss, sich ein zweites Mal zu treffen. Dann aber besser vorbereitet. 

So traf man sich wieder. Der Römertopf – diesmal einem anderen zur Verwaltung mitgegeben – war auch wieder dabei. Und, wie vereinbart, das versammelte Halbwissen über Olten war ungleich höher. Alle hatten tüchtig gelesen. Kaum Platz genommen begann jemand die Oltner Spaziergänge des Dichters Gerhard Meier begeistert und detailliert nachzuerzählen. Dies in der Absicht, den anderen einen besonders stimmungsvollen Rastplatz für die Aschenzerstreuung schmackhaft zu machen. Was nicht gelang, denn die anderen wollten zuerst ihre eigenen Vorschläge ebenfalls vorbringen. Aber schon wieder drängte die Zeit und man ging auseinander mit dem Versprechen, sich wieder zu treffen. 

Das nächste Mal erfuhr die Runde von Alex Capus’ Werk und von seinen unzähligen geeigneten Schauplätzen möglicher Aschenentledigungen. Aber auch dieses Treffen sprengte den Zeitrahmen und man traf sich erneut. Diesmal stand jemand unter dem frischen Eindruck der Oltner Kabaretttage und schlug vor, die Asche zwischen Stadttheater, Schützi und Theaterstudio diskret zu verstreuen – nein, zu zerstreuen, ganz im Sinne des doch auch humorvollen Verstorbenen. 

Das nächste Treffen fand ohne Römertopf statt. Inzwischen hatte sich nämlich herumgesprochen, dass Olten als verkehrstechnisch günstig gelegener Ort für Ascherituale immer beliebter wurde. Aus Imagegründen verordnete die Stadt daher ein allgemeines Aschenverstreuungsverbot. Das war der Grund, weshalb diesmal eine schwarze Reisetasche auf dem Tisch lag. Auch dieses Treffen verlief interessant. Aber wieder mussten alle auf ihre Uhren schauen und verabschiedeten sich überstürzt. So überstürzt, dass die Reisetasche zurückblieb. Das herrenlose Objekt begann zu beunruhigen, die Polizei wurde gerufen, der Bahnhof musste geräumt und lahmgelegt werden und schliesslich wurde die Tasche gesprengt. Dabei wollte der Verstorbene doch eines: Es allen recht machen.