Analyse

Wo solide Mittelklassewagen zweckmässiger sind als luxuriöse Rolls Royce

Gestaltungsplan des Wohnheims, welches das Kinderheim amitola in Neuendorf durch Spendengelder finanzieren will.

Gestaltungsplan des Wohnheims, welches das Kinderheim amitola in Neuendorf durch Spendengelder finanzieren will.

Analyse von Beat Nützi zu den Sozialkosten im Allgemeinen und den Kosten für Kinderheime im Speziellen.

Auf allen Stufen des Staates ächzen die Budgetverantwortlichen unter der Last der Sozialkosten. Hier wird nämlich seit Jahren bei Bund, Kanton und Gemeinden das stärkste Kostenwachstum verzeichnet. Im Kanton Solothurn lagen die Bruttoaufwendungen für die soziale Sicherheit im letzten Jahr bei über einer halben Milliarde Franken, was einem guten Viertel der Gesamtausgaben entspricht. Verschiedene Bereiche tragen zum grossen Ausgabenvolumen bei: Sozialhilfe für Menschen, die ihr Leben nicht eigenständig meistern können, Kindes- und Erwachsenenschutz für Schutzbedürftige jeden Alters, Integration von Migranten, Opferhilfe.

Enormes Kostenwachstum

Gemäss der Sozialhilfestatistik 2015 des Bundes ist die Sozialhilfequote in der Schweiz zwischen 2005 und 2015 mit 3,2 Prozent stabil geblieben, doch die Kosten sind in diesen zehn Jahren um mehr als 50 Prozent gestiegen, nämlich von 1,7 auf 2,6 Milliarden Franken. Nach dieser Statistik wurden im Kanton Solothurn im Jahr 2015 9340 Personen oder 3,5 Prozent der hiesigen Kantonsbevölkerung mit Sozialhilfe unterstützt. Aus der Bundesstatistik geht auch hervor, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, Geschiedene und Personen ausländischer Nationalität am häufigsten in der Sozialhilfe vertreten sind, besonders stark Einpersonenhaushalte.

Grassierender Defätismus

Die Politik scheint gegenüber dem Kostenwachstum im Sozialbereich hilflos zu sein. Und die Bürger müssen die unerfreuliche Kostenentwicklung nicht selten zur Kenntnis nehmen, wenn bei Budgetversammlungen in den Gemeinden Steuererhöhungen entsprechend begründet werden. Weltpolitische und gesellschaftliche Einflüsse scheinen die Kostenspirale unaufhaltsam in die Höhe zu treiben. Die Kostensteigerung erfolgt angeblich ohne Einflussmöglichkeit. Politiker und Behörden machen in Defätismus.

Hohe Einzeltaxen

Sind den Politikern und Behörden tatsächlich die Hände gebunden? Nehmen wir einmal den Bereich Kindes- und Erwachsenenschutz. Und werfen wir in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Kinderheime. Laut Franjo Cirkovic vom kantonalen Amt für soziale Sicherheit zählt der Kanton Solothurn nach der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen (IVSE) um die 100 Plätze in Kinderwohnheimen. Finanziert werden diese Kinderheime über die Sozialhilfe oder Sozialversicherung. Die Kantonsregierung legt die Taxen fest. Diese liegen pro Kind bei bis zu gegen 300 Franken pro Tag oder gegen 9000 Franken pro Monat. Diese Kosten sind somit in etwa vergleichbar mit einem Mittelwert in Alters- und Pflegeheimen, wo allerdings je nach Pflegebedarf enorme Tarifunterschiede bestehen.

Zwei Beispiele

Betrachten wir zwei Tageswohnheime für Kinder in unserer Region, die wir vor kurzem in dieser Zeitung vorgestellt haben. Kinderheim Amitola, Neuendorf: 12 Plätze, Tagestaxe 285 Franken, Monatspauschale 8669 Franken. Laut ihrer Homepage (www.amitola-so.ch) beschäftigt die Amitola GmbH 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Organigramm sind 17 Personen in der Betreuung und 8 Personen im Unterstützungsbereich zu finden.

Als zweites Kinderheim nehmen wir die Institution «Du+Ich» in Trimbach: 10 Plätze, Tagestaxe 275 Franken, Monatspauschale 8366 Franken. Gemäss Homepage (www.du-ich.ch) zählt dieses Heim insgesamt 9 Beschäftigte; neben dem Leiterehepaar sind 7 Personen im Bereich der Sozial- und Heilpädagogik sowie in der Sozialen Arbeit beschäftigt.

Verhältnismässigkeit wahren

Zurück zu den Kosten: Ist es verhältnismässig, dass der Aufenthalt eines Kindes in einem Kinderheim mit bis zu gegen 9000 Franken monatlich mehr kostet als das Budget mancher Familie ausmacht? Weil bei uns solche Fragen mehr oder weniger tabu sind, steigen die Kosten im Sozialbereich unaufhörlich an. So ist etwa im Bereich Kindes- und Erwachsenenschutz festzustellen, dass es immer mehr überforderte Eltern und komplizierte Scheidungssituationen gibt, die unter anderem Fremdplatzierungen von Kindern nötig machen.

Umso mehr ist darauf zu achten, dass verhältnismässige Kostenstrukturen bestehen. Denn auch bei Kinderheimen zahlt die öffentliche Hand, die Wohngemeinde bzw. die zuständige Sozialregion, wenn die Eltern für die Kosten nicht aufkommen können, was in den meisten Fällen so ist. Man könnte es auch so sehen: Je tiefer die Tarife, desto mehr Kinder können für eine Betreuung aufgenommen werden. Und umgekehrt.

Bis und mit Swimmingpool

Dass mit einem wachsenden Bedarf gerechnet wird, beweist etwa das am 18. November 2017 in dieser Zeitung vorgestellte Ausbauprojekt der Amitola GmbH in Neuendorf. Dieses macht auch deutlich, dass für solche Institutionen offenbar nur das Beste gut genug ist. Mit einem Bauprojekt in der Grössenordnung von 3,6 Millionen Franken sollen die heutigen 12 Betreuungsplätze verdoppelt bzw. auf 25 erweitert werden. Das bedeutet: 3,6 Millionen Franken für zusätzliche 13 Plätze. Das sind etwa 277'000 Franken pro Platz.

Natürlich lassen sich solche Projekte finanzieren, weil es glücklicherweise in unserer erkalteten Gesellschaft noch Menschen mit einem grossen Spenderherz gibt. Solche haben sich sogar bereit erklärt, für die Errichtung eines Swimmingpools auf dem Heimareal Geld zu beschaffen. Doch Hand aufs Herz: Sollen solche Luxusverhältnisse zum neuen Standard für Kinder-Tagesheime werden? Wo führt derartiges gutgemeintes Streben hin?

Finanzkollaps verhindern

Um es zu unterstreichen: Mit diesem Beitrag geht es nicht darum, Kinderheime und jene, die sie betreiben, zu geringschätzen oder zu desavouieren. Im Gegenteil: Sie leisten wertvolle Arbeit und erfüllen eine wichtige Aufgabe. Und wie bereits gemutmasst, dürfte der Bedarf für solche Heimplätze in absehbarer Zeit noch steigen, auch wenn mit ambulanten Betreuungsmassnahmen Gegensteuer gegeben wird.

Doch das Kostenwachstum muss eingedämmt werden, im Sozialwesen generell. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass das öffentliche Finanzwesen dereinst kollabiert und radikale Einschnitte vorgenommen werden müssen. Das gilt es zu verhindern. Nicht nur im Bereich der Kinderheime, die bloss ein kleines Steinchen im grossen Ausgabenmosaik des facettenreichen Sozialwesens darstellen. Um bei den stetig steigenden Sozialkosten Gegensteuer geben zu können, sind alle Steinchen und Steine des Ausgabenmosaiks unter die Lupe zu nehmen.

In sämtlichen Betreuungsbereichen ist auf zweckmässige Einrichtungen und angemessene Personalressourcen zu achten. Es muss nicht immer das Beste vom Besten sein. Vielfach ist ein solider Mittelklassewagen sogar zweckmässiger als ein luxuriöser Rolls Royce.

beat.nuetzi@schweizamwochenende.ch

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Beat Nützi

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