Im Restaurant Salmen ist schon länger eine Stelle im Service frei. Geschäftsführerin Isabelle Bitterli ist darob erstaunt. «Eigentlich sollte eine Stelle in einem renommierten Betrieb, in dem man viel lernen kann, doch begehrt sein», sagt sie.

Doch sie hat Mühe, die Stelle zu besetzen. Fähige und vor allem zuverlässige Mitarbeitende zu finden, sei in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. «Früher konnte man auswählen, heute hat man Glück, wenn eine passende Bewerbung dabei ist», sagt Bitterli.

Vertragsbedingungen ignoriert

Die jüngste Erfahrung mit einer Servicefachangestellten passt zu den Erlebnissen mit ehemaligen Bewerbern. Die junge Frau hatte ihrer Chefin eines Tages mitten im Service mitgeteilt, dass sie nicht mehr im «Salmen» arbeiten wolle.

«Die Vertragsbedingungen hat sie komplett ignoriert», sagt Bitterli. Sie musste sich rechtliche Unterstützung holen, damit die junge Angestellte den Schlüssel und die T-Shirts retournierte. Bitterli ist enttäuscht und verärgert.

«Die junge Frau hatte keine Sekunde daran gedacht, was dieser Abgang für unser Team bedeutet hat. Sie hätte jederzeit mit mir sprechen können, wenn es ihr bei uns nicht gefallen hätte. Aber so etwas ist schlicht unerhört. Völlig eigennützig und ohne das Arbeitsgesetz einzuhalten.»

Diese egoistische Grundhaltung ist für Bitterli symptomatisch für viele junge Berufsleute. Doch sie möchte nicht generalisieren. «Zunächst möchte ich betonen, dass sicher nicht alle Jungen so sind», führt sie aus. «Doch ich habe den Eindruck, dass viele Junge nicht belastbar sind und keinen Durchhaltewillen zeigen.»

Der Respekt fehlt

Der Wirt der Schlosserei Genussfabrik, Nicolas Castillo, kennt das Problem ebenfalls. «Es ist teilweise sehr schwierig, gute Leute in der Gastronomie zu finden. Vor allem Lehrabgänger sind oft unzuverlässig.» Auch er hat eine schlechte Erfahrung gemacht.

«Erst kürzlich wollte ich eine Lehrabgängerin im Service einstellen. Als ich nach einer Woche den Arbeitsvertrag noch nicht unterschrieben zurückbekommen hatte, fragte ich bei ihr nach.» Die junge Frau habe sich schliesslich umentschieden und unterschrieb den Vertrag nicht. Sehr unangenehm für Nicolas Castillo, der gerade eine Ferienvakanz verzeichnete und auf die Arbeitskraft angewiesen wäre.

Martin Allemann vom Restaurant Flügelrad ist von diesem Problem nicht so stark betroffen wie seine Kollegen. «Unsere fixen Stellen sind zum Glück seit Anfang mit den gleichen Angestellten besetzt», sagt er.

Er merke aber im Umfeld, dass es schwierig sei, Leute zu finden, die selbstständig denken können. «Viele jungen Leute meinen, sie wissen alles, weil sie sich im Internet schnell informieren können. Der Respekt vor der Erfahrung oder vor den Vorgesetzten im Allgemeinen fehlt.» Das hat auch Isabelle Bitterli mehrfach zu spüren bekommen. «Sie ertragen gar keine Kritik und fühlen sich sogar diskriminiert, wenn man sie korrigiert.»

Eigenen Kinder: Unfehlbar

Bitterli vermutet, dass die Erziehung dahinterstecken könnte. «Für viele Eltern ist das eigene Kind unfehlbar. Die Kinder gewöhnen sich an diese Behandlung.» Die Geschäftsführerin des Salmen vermisst bei den jungen Leuten auch den Durchhaltewillen.

«Es wird der Weg des geringsten Widerstands gewählt», stellt sie fest. So sieht es auch Allemann: «Es wird viel früher aufgegeben, wenn es etwas schwieriger wird. Man sucht sich lieber einen neuen Arbeitsplatz, dort könnte es ja besser sein.»

Isabelle Bitterli ist übrigens immer noch auf der Suche. Eine neue Angestellte, die am 1. Oktober die Stelle hätte antreten sollen, hat sich zwischenzeitlich via SMS abgemeldet.