Olten
Wenn zwei staksige, aber schlagfertige Senioren ihre einstige Stammbeiz zurückerobern

«Sitzläder» heisst die neue Produktion von Strohmann-Kauz; geprobt dafür wird aktuell im Theaterstudio Olten.

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«Sitzläder»: Rhaban Straumann als Ruedi (rechts) und Matthias Kunz als Heinz erobern nach Jahrzehnten ihren «Sternen» zurück; und sie gedenken, in ihrer Beiz zu bleiben. Aufnahme während der Probearbeiten im Theaterstudio Olten.

«Sitzläder»: Rhaban Straumann als Ruedi (rechts) und Matthias Kunz als Heinz erobern nach Jahrzehnten ihren «Sternen» zurück; und sie gedenken, in ihrer Beiz zu bleiben. Aufnahme während der Probearbeiten im Theaterstudio Olten.

Bruno Kissling

Gute Geschichten werden nie alt. Nicht für Krethi und Plethi, auch nicht für Ruedi (Rhaban Straumann) und nicht für Heinz (Matthias Kunz). In ihrer neusten Produktion «Sitzläder – der letzte Stammtisch» erobern die beiden als staksige, aber schlagfertige Senioren ihre einstige Stammbeiz, den «Sternen», zurück. So quasi als Hausbesetzer der etwas andern Art. Der «Sternen» nämlich ist verwaist, seit Jahren schon.

«Stärne Siech – dr Stärnewirt!», entfährt es Heinz bei der unspektakulären Eroberung der Gaststube. Abgehauen aus dem Altersheim werden die beiden nun von der Geschichte eingeholt: Bürgi, der «Sternen»-Wirt, der aus Nationalstolz etwas gegen französische Mayonnaise hatte. Agnes, die Kellnerin, die mit Ruedi seinerzeit nach Paris durchbrannte. Nur zum Dauerbrenner wurde die Beziehung nicht. Ruedi hatte eben auch Augen für andere, während sich Heinz daheim der Theaterarbeit annahm.

Klar, im Sternen ist die Zeit stehen geblieben, just als der Fendant nur 10 Rappen teurer war als das Rivella, wie die Stecktafel im Hintergrund verrät. Aber natürlich: Das ist bloss Staffage. Und dennoch: Das simple und deshalb verführerische Bühnenbild gibt die imaginäre Hochblüte vergangener Tage perfekt wieder. Selbst verwirklicht hat sich allerdings bloss Che Guevara; dessen Bild gepinnt an die Täfelung. Aber der ist schon lange tot. Kurz: Ruedi und Heinz «erzählen eine Geschichte über Erinnerungen und Leidenschaft, entlebte Dorfkerne und entleerte Innenstädte, über junge Nostalgie, echte Freundschaft und alte Kampfbereitschaft». So liest sich der offizielle Trailer zum Stück. Vergebliche Kampfbereitschaft? Mitnichten. «‹Sitzläder› endet zwar offen, aber nicht ohne Hoffnung», sagt Rhaban Straumann.

Bloss keine Witze zum falschen Zeitpunkt

Derzeit laufen im Theaterstudio Olten die Proben zur Premiere Mitte September in Langenthal. Danach zieht das Duo für drei Vorstellungen nach Olten und dann gehts auf Schweizer Tournee. Aber das ist noch einen Moment weit weg. Regisseurin Anna-Katharina Rickert vom Duo schön&gut hat bei der szenischen Arbeit durchaus noch zwei, drei Anweisungen parat.

Vielleicht jene, den auf seine Spitze zurollenden dramaturgischen Moment im ersten Aufzug nicht unnötigerweise zu gefährden. «Witze zur falschen Zeit verhindern manchmal das Aufkommen einer an sich gewünschten Stimmung», verdeutlicht Rickert ihren Ratschlag. Sie interveniert nicht laut, aber bestimmt. Und zwar so, dass Ruedi und Heinz in der Pause ihr Skript hervorkramen und wie reuige Primarschüler die Regieanweisungen notieren. 70 Seiten umfasst das Papier. Maxime: auswendig lernen. Da sind «Die Kraniche des Ibykus», eine Ballade Schillers ein Pappenstiel dagegen.

Fast wie eine unendliche Geschichte

«Ein Stück ist bis zur eigentlichen Premiere nie fertig arrangiert», sagt Matthias Kunz. Da noch ein Zurechtrücken der Vase, dort noch präziseren sprachlichen Ausdruck beim Verlassen der Bühne, die Suche nach dem optimalen Anstellwinkel des Hutes, wie schnell drehen Senioren den Kopf? Es gibt immer wieder Optimierungsmöglichkeiten. Fast so etwas wie eine unendliche Geschichte, möchte man meinen. «Je länger wir uns mit dem Stück beschäftigen, desto näher kommen wir dem gewünschten Rahmen», sagt Kunz.

Den Gedanken um «Sitzläder» tragen Strohmann-Kauz schon seit Jahren mit sich herum. Aber erst vor gut anderthalb Jahren begannen die Arbeiten daran, konkretisierten sich die Vorstellungen, entstanden die Texte. «Textarbeit ist Solo- und Gruppenarbeit zugleich», sagt Rhaban Straumann. Jedem aus dem Duo werde jeweils die Textarbeit für eine bestimmte Sequenz zugeteilt. Den spieltauglichen Schliff bekomme der aber in Zusammenarbeit.

«Hör uf dööbble!» als letzte Warnung

Doch zurück zur Probearbeit. «Zeig zuerst nur die Taschenlampe!», sagt Rickert beim ersten Aufzug. Das erhöhe die Spannung. Denn nach der Taschenlampe taucht von hinter der Kulisse Heinz’ Hand auf, dann folgt Heinz, im Schlepptau Ruedi, der Schnurri. Natürlich weiss der, dass sich Heinz im Dunkel der «Sternen»-Gaststube fürchtet. «Hör uf dööbble!», fährt Heinz den Ruedi darum in dieser angespannten Situation an, als der ihn überraschend berührt und darüber hinaus mit dummen Bemerkungen drangsaliert. «Hör uf dööbble!» ist die ultimative Warnung an Ruedi. Die gilt aber nicht fürs Publikum. Das will berührt werden. Und kommt bei «Sitzläder» mit Bestimmtheit auf seine Kosten.

Hinweis

Billette für Olten (20./21./22. September) www.theaterstudio.ch

Billette für Langenthal (13./14./15. September) www.stadttheater-langenthal.ch

Übrige Spielorte: www.strohmann-kauz.ch