Olten

Wenn das private Wohnzimmer zum Ausstellungsort wird

Gabrielle Bono (links) und Esther Spycher, Ausstellungskuratorin, mit Victorine Müllers Frosch.

Gabrielle Bono (links) und Esther Spycher, Ausstellungskuratorin, mit Victorine Müllers Frosch.

Der Oltner Kunstverein ist 100 Jahre alt und streut Kunst aus diesem Anlass unterhaltsam über die ganze Stadt. 24 Kunstschaffende liessen sich etwas Besonderes einfallen.

Unter dem Motto «Kammerspiel» präsentiert der Oltner Kunstverein, der sein 100- Jahr-Jubiläum feiert, eine ganz besondere Art der Ausstellung von vielschichtigen, originellen Kunstwerken. Für einmal nicht in einem gewohnten Ausstellungsraum, sondern unterhaltsam verteilt auf bestimmte Orte in der Stadt, die privaten Charakter haben und dadurch zusätzlich zu einer neuen Art von Kommunikation führen.

Die Ausstellenden suchten sich im wörtlichen Sinne «Kammern» aus, Orte, die zum Teil höchst privat und intim sind, aber immer auch ein Stück Lebenskultur vermitteln. Erstaunlich war die Offenheit der Oltnerinnen und Oltner, die ihre Räume, «ihre Kammern», zur Verfügung stellten und damit signalisierten, dass sie Kunst auch in einer ausgefallenen Art lieben.

Eingeladen wurden rund 24 regionale Künstlerinnen und Künstler, aber auch solche aus der Schweiz allgemein. Durch die Idee des Kammerspiels entstanden neue kreative Prozesse, die auch die Kunstschaffenden zu schätzen wussten und die motivierend wirkten, wie die Präsidentin des Kunstvereins, Gabriele Bono, meinte. Ihr war es wichtig, dass man durch diese Art von Ausstellung in einen besonderen Kontakt zur Bevölkerung treten kann. Ein Kammerspiel ist auch immer ein poetisches Heimspiel, in vertrauten Räumen, die aber durch die neue Ausrichtung völlig andere Bestimmungen erhalten.

Esther Spycher als Ausstellungskuratorin hat Erfahrung in ausgefallenen Dingen, betreut sie doch die Kathedrale, ein Ausstellungsort im Industriequartier. Diese Ausstellung soll sich ganz in der Tradition des Kammerspieles abwickeln, meinte sie, Kammermusik in zarten, variierenden, aber auch markanten Tönen, so wie das Leben spielt. Die Darsteller würden so zu Schauspielern, Musikern oder schaffen mit ihren räumlichen Veränderungen völlig neue Situationen. Jeder einzelne Ort erhalte einen neuen Klang, das Kammerspiel kann beginnen und spielt seine eigene Musik, je nachdem, wer sich eingenistet hat, wer in den Räumlichkeiten den Ton angibt. Für die Öffentlichkeit sei dies ein einmaliges Unterfangen, meinen beide Verantwortlichen und betonen, dass es für die Stadt Olten ein besonderes Unterfangen sei, sich auf eine solche Ausstellung einzulassen.

Kunst hautnah

Das Publikum erlebe Kunst hautnah, berührend, in ungewohnten und doch vertrauten Räumlichkeiten, nicht abgehoben, und dieser Umstand sorge für eine besondere Intensität.

Die 24 Kunstschaffenden liessen sich dann auch etwas ganz Besonderes einfallen. Jeder fühlte sich auf eine einmalige Art inspiriert. In der städtischen Musikschule wird nicht nur der Salon bespielt, sondern auch das Waschhäuschen und der Garten. Man kann den Strassen in unserer Stadt entlang gehen, immer wieder entdeckt man einen Ort, an dem Kunst zum Tragen kommt, oft verknüpft mit der Geschichte des Hausbesitzers, des Raumes an und für sich. Es werden Geschichten erzählt und dargestellt. Schwarze Raben geben den Ton an, aber auch zarte Wandzeichnungen oder Installationen voller Vitalität. Verflossene Spuren eines Hauses werden aufgedeckt, Erinnerungen wachgerufen mit ganz bestimmten Zeichen und Requisiten. Zufällig Gefundenes wird ebenso wichtig wie bewusst Zusammengesuchtes, ein Spiel von Variationen beginnt und setzt sich in anderen Räumen fort.

Eigene Ausstrahlung

Jede «Kammer» hat ihre eigene Ausstrahlung, ihre eigene Vergangenheit und Geschichte, aber auch ihre neu definierte Kunstausrichtung, so als möchte man Gegebenes zu neuem Leben erwecken. Der Kapuzinerplatz und das Kloster erhält seine Bedeutung ebenso wie die Werkstatt von Studer, ein Haus am Krummackerweg, der Kirchturm der Marienkirche oder die Kirche selbst. Himmel und Erde berühren sich, das Oben und Unten wird ständig infrage gestellt.

«Vaters Schaffen» bekommt Akzente, aber auch augenblickliche Aktionen, Porträts. Und man erkennt, dass die 24 Kunstschaffenden zur Realität der örtlichen Räume einen Bezug schaffen. Ein Wohnzimmer, ein Treppenhaus oder Gartenpavillon, ein Kirchenraum, Salon oder eine Werkstatt sind nie nur alltägliche Orte, sie bekommen durch diese Installationen eine ganz andere Bestimmung, und dies macht alles so spannend.

Den Veranstaltern ist ein einmaliges Ereignis gelungen. Wichtig ist, dass die Bevölkerung von Olten dies erkennt und sich auf den Weg macht, dieses Kunstereignis persönlich zu erleben. Spaziergänge werden angeboten, immer unter der kundigen Führung von Kuratorin Esther Spycher. Eine Hommage an Franz Gloor ist am Freitag, 29. August, 18.30 Uhr, an der Römerstrasse 5 zu erleben durch Alfie Maurer, Hausmusik mit Rolf Strub, Voc&Zugemüse/André Tihanov/Robert Weder gibts am Samstag, 6. September, 15–17 Uhr (Römerstrasse 5), auch das Kulinarische kommt nicht zu kurz (Samstag, 13. September, ab 17 Uhr, Römerstrasse 5). Das Erlebnis «100 Jahre Kunstverein Olten» ist in der Tat ein «Kammerspiel» mit unzähligen Melodien und Tönen, so als möchte man aufzeigen, in kleinen Räumen, an verträumten oder auch vergessenen Orten geschehen die schönsten Dinge und bekommen für jeden eine besondere Ausstrahlung.

Vernissage: Do, 28. August, 18 Uhr, Musikschule Olten (Leberngasse 6), musikalisch untermalt von Fabienne Hoerni & Thierstein Kammer-Jazz-musikalisches Duo. Geöffnet bis 14. September, jeweils Fr 17–20 Uhr, Sa/So 14–17 Uhr für individuelle Rundgänge. Führungen mit Start beim Kunstmuseum Olten jeweils Fr 17.30 Uhr, Sa/So 14 Uhr; kammerspiel-olten.ch

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