Amtsgericht

Wegen sexuellem Missbrauch vor Gericht: «Ich wollte niemandem Schaden zufügen»

Hier am Amtsgericht Olten-Gösgen fand am Montag der erste Verhandlungstag statt. (Archiv)

Hier am Amtsgericht Olten-Gösgen fand am Montag der erste Verhandlungstag statt. (Archiv)

Ein junger Mann muss sich vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen wegen sexuellen Handlungen mit Minderjährigen verantworten.

Im Zimmer 106 im Amtsgericht Olten-Gösgen sind unter Einhaltung der Corona-Massnahmen alle Plätze belegt. Angeklagt ist ein heute 24-jähriger Lastwagenchauffeur. Dem Schweizer werden Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, mehrfache sexuellen Handlungen mit Kindern, mehrfache Pornografie und weitere Delikte vorgeworfen.

Acht Opfer treten in der Anklageschrift in Erscheinung. In einem Fall soll es nicht zu physischem Kontakt gekommen sein. Der vorgeworfene Tatbestand der mehrfachen Pornografie und zum Teil die Anstiftung sowie Versuch dazu, spielte sich online und im Austausch auf verschiedenen digitalen Kanälen ab.

Mit den anderen sieben Opfern soll der Angeklagte im Zeitraum zwischen 2016 und 2018 wiederholt und mit unterschiedlicher Dauer - von wenigen Wochen bis über mehrere Monate - Kontakt gepflegt haben. In der Anklageschrift ist mitunter von Beziehungen die Rede. Das Gericht versucht unter der Leitung von Claude Schibli, die Tragweite dieser Beziehungen zu erörtern. Der Angeklagte nimmt gefasst und aktiv an der Verhandlung teil und macht nicht von seinem Recht Gebrauch, zu schweigen.

Den meisten Vorwürfen aus der Anklage stimmt der Angeklagte zu. Bei manchen nicht gänzlich erhärteten Vorwürfen bestritt er, sich noch an die sich angeblich abgespielten Abläufe zu erinnern. Auch geraten ihm das Alter der Mädchen und Zeitpunkte der mutmasslichen Taten teils durcheinander.

Der Vorwurf aus der Anklageschrift, der Angeklagte habe beim Tatzeitpunkt um das Alter der Mädchen gewusst, mochte er so zuerst nicht gelten lassen. Doch als ihm Amtsgerichtspräsident Schibli aus einem Chat zitiert, den er mit einer der Jugendlichen geführt hat, in dem der Angeklagte dem Opfer schrieb: «Ich habe mich mit dir strafbar gemacht», wachsen seine Erinnerungslücken. Der Richter fragt schliesslich: «Oder hat für Sie das Alter der Mädchen einfach keine Rolle gespielt?» Der Angeklagte bejaht.

Aus Sicht einer vorgeladenen Therapeutin hat sich beim Angeklagten mittlerweile eine Nachreifung der Persönlichkeit eingestellt. Er habe sich an der Therapie aktiv beteiligt. Auf sie wirke die Läuterung des mutmasslichen Täters authentisch und er habe ein Problembewusstsein entwickelt. Noch sei dieser Prozess der Reifung allerdings nicht abgeschlossen.

Anderer Meinung war der herangezogene Gutachter Lutz-Peter Hiersemenzel. Auf die Frage des Gerichts, ob er dem Angeklagten eine erwiesene Störung der Persönlichkeit attestiere, sagt er: «Wenn man sieht, wohin ihn diese hier heute gebracht hat, betrachte ich sie als erheblich.» Doch er hält das Defizit in der Entwicklung für ambulant behandelbar.

Angeklagter hatte schwierige Jugendzeit

Aus den Antworten des Angeklagten gegenüber dem Gericht geht hervor, dass er eine schwierige Jugendzeit erlebte. Er wohnte bei seiner Mutter, teilweise mit deren Freund. Für eine gewisse Zeit lebte er in einem Heim und kehrte dann zur Mutter zurück. Eine Phase mit häufigen Umzügen und mehreren Kantonswechseln liessen ihn keine Heimat finden.

Er habe Mühe gehabt, sich fremden Personen zu nähern oder zu öffnen. So zeichnet er vor Gericht ein Bild von einem introvertierten Einzelgänger. Freude hätte er damals wie heute am Gamen gehabt. Doch jetzt könne er auf Menschen zugehen, auch auf gleichaltrige. Es sei ihm damals einfacher gefallen, sich mit jugendlichen Mädchen zu unterhalten, als mit Erwachsenen Frauen. Er habe nach Anerkennung gesucht und in den jungen Verehrerinnen Bestätigung erfahren. Er habe imponieren können, auch als er eine der Geschädigten in seinem Lastwagen herumführte.

Dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der vorgeworfenen Taten mit Mädchen sexuelle Handlungen vornahm, sie aufforderte, ihm Naktbilder in aufreizender Pose von sich zu schicken, ihnen solches Bildmaterial von sich sandte, habe er als damals 19- bis 21-Jähriger nicht als übergriffig empfunden. Er forderte die Mädchen wiederholt zu sexuellen Handlungen auf. Zudem drohte er einigen von ihnen mehrfach, sich etwas anzutun, sollten sie sich von ihm abwenden.

«Ich wollte niemandem Schaden zufügen.» Er habe auch keinen für ihn erkennbaren Druck auf die Opfer ausgeübt. So habe er die Mädchen zwar zu gewissen Taten aufgefordert, wenn sie sich aber gewehrt oder zurückgezogen hätten, habe er das akzeptiert. Die vorgeworfenen Delikte haben am früheren Wohnort in der Region des Angeklagten, in dessen Lastwagen und auch bei den Opfern Zuhause stattgefunden. Wenigstens in einem Fall wussten die Eltern beider Seiten von einer Beziehung des Opfers mit dem Angeklagten und tolerierten diese.

Beim schwersten Vorwurf handelt es sich um Vergewaltigung. Hier sind die Erinnerungslücken des Angeklagten ausgeprägter. Er könne sich nicht an die Nacht erinnern, wisse jedoch, dass die Geschädigte damals bei ihm übernachtet habe.

Am Mittwoch folgt nun der zweite Verhandlungstag, an dem klar wird, was die Staatsanwaltschaft für eine Massnahme oder Strafe fordert. Danach hat die Verteidigung das Wort und auch der Angeklagte kann sich nochmals äussern.

Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

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