Olten
Verrückte Ideen – gelungener Abend: alles mit Endo Anaconda

Endo Anaconda mit «Walterfahren» in der Vario-Bar; der Wortgewaltige wurde von Roman Wyss am Piano begleitet.

Trudi Stadelmann
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Roman Wyss und Endo Anaconda bei ihrem Auftritt in der Vario-Bar.

Roman Wyss und Endo Anaconda bei ihrem Auftritt in der Vario-Bar.

BRUNO KISSLING

Wenn es auf der Wendeltreppe zum Untergeschoss der Vario-Bar zu Staus kommt, ist nicht irgendwer zu Gast. Zu besagten Staus kam es am Mittwochabend, niemand anders als Endo Anaconda war angesagt. Ein Schwergewicht, das zwar an Kilos abgenommen hat, aber noch volle Präsenz aufweist. Begleitet wurde er von Roman Wyss. Anaconda nannte ihn aber Romanoff, liebevoll und augenzwinkernd. Die Idee zur Zusammenarbeit der beiden hatte Annetta Wyss, Inhaberin der Künstleragentur Kulturbraui. Eine auf den ersten Blick verrückte Idee, die aber einschlug. Die beiden hatten nur wenige Stunden um sich aufeinander einzustimmen. Aber man spürte sofort, dass sich zwei Menschen gefunden hatten. Zuweilen gab es Aussetzer, aber die beiden Vollprofis schafften es spielerisch, über diese «Fehler» hinwegzuspielen. Hätte Anaconda nach dem Abend darauf aufmerksam gemacht, man hätte gemeint, das gehöre zum Programm.

Weil der Abend ein Novum, eine absolute Premiere war, meinte der Berner Kolumnist, Sänger und Schriftsteller, er sei froh, dass kein Journalist anwesend sei. Nun, zum Glück war eine Berichterstatterin vor Ort und ein grosses Publikum, das Zeugnis ablegen kann, wie sehr er die Sprache und seine Stimme beherrscht. Und ebenso ist Wyss Meister des Klaviers.

Patriotische Klänge

Zu Beginn ertönen patriotische Klänge, die Nationalhymne ist zu hören. Selbstverständlich habe auch er ein ganzes Arsenal an Raketli zu Hause und Kerzli in den roten Bechern, die polyvalent einzusetzen seien, an Allerheiligen könne man diese so drehen, dass das Schweizerkreuz nicht mehr zu sehen seien. Anacondas Texte sind laut, sind leise. Sie sind voller Poesie und voller Wahrheit. Als Sozialfall solle man Rorschach meiden. Besser man würde Unternehmer, mache sich selbstständig, indem man Niere oder Netzhaut spende.

Er ist zwar Österreicher, hat es aber nicht so mit diesem Land. Zwar hat er zusammen mit seinem ehemaligen Bühnenpartner, Balts Nill, den Salzburger Stier bekommen, trotzdem kann er dieser Stadt nichts abgewinnen. Herrlich sein Wortspiel zu den Hendln, die es als Paprika, Brat- oder Grillversion gibt. Sie erinnern ihn an Blocher, der sich an Bruder Niklaus halte, «haltet euch von Händln fern». Während andere Kabarettisten das Publikum bei politischen Themen mit der Holzhammermethode zu überzeugen versuchen, macht es der Berner oft ganz feinsinnig.

Anaconda liest aus seinen Texten, und er singt. Rock und Blues, dieses Metier hat er schon immer verstanden. Verstanden habe er nicht, warum ihn die Migros nicht eingeladen habe, mit anderen Schweizer Musikern «zäme Wiehnacht z’fire.». Hänni, Jordi, alle haben mitmachen dürfen, nur er nicht. Eine wahre Sinnkrise habe er damals erlebt. Zumal Gilbert Gress ihm kurze Zeit darauf Platz gemacht habe im Zug. Todernst erzählt er dies, man hat fast Mitleid mit ihm. Und überhaupt, seit 50 Shades of Grey stehe er auf Ku-schelrock. Und er beweist umgehend, dass er in Sachen Erotik einiges mehr drauf hat als der völlig überschätzte Kassenschlager. Seine Beschreibung eines Frauenkörpers, feinsinnig und poetisch, lässt es ruhig werden in der Vario-Bar.

Liebeserklärung an Italowestern

Die Zugabe, eine Liebeserklärung an den Italowestern, ist nur wenige Stunden vor dem Auftritt in Wyss’ Küche entstanden. «Ha nie es Ross übercho ...» Melancholisch und feinsinnig überzeugen die beiden.

Es ist zu hoffen, dass sich die zwei Künstler nicht nur für einen Abend gefunden haben, sondern dass man sie noch bei weiteren Gelegenheiten sehen und hören kann. Die beiden verstehen sich und mögen sich und sind eine Bereicherung für die Schweizer Kulturszene.

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