Olten
Velowerkstatt, Kleidergeschäft und Mädchenheim: Eintauchen in die jüngere Stadtgeschichte

Die alten Adressbücher von Olten sind digitalisiert und können jetzt online durchgeblättert werden. Mit der Suchfunktion kann man völlig neue Zusammenhänge innerhalb des Adressbuchs herstellen – und die Buchstaben beginnen zu leben.

Urs Amacher
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Der Bifangplatz im Mai 1936: Das Kino Palace spielte damals den Film «Goldene Locken» mit Shirley Temple.

Der Bifangplatz im Mai 1936: Das Kino Palace spielte damals den Film «Goldene Locken» mit Shirley Temple.

zvg/Urs Amacher

Der Bahnhof Olten umfasste 1897 das Stationsgebäude und zwei überdachte Hallen; zudem eine Remise, einen Güterschuppen, zwei Wohnhäuser und drei Bahnwärterhäuschen samt Abtritt. Bis 1901 erstellte die Schweizerische Centralbahn weitere Gebäude, etwa einen Güterschuppen, ein Spritzenhaus, eine Scheune, ein Magazin und eine Werkstatt. Diese zwei Momentaufnahmen der baulichen Situation kurz vor und nach der Jahrhundertwende lassen sich in den beiden betreffenden Adressbüchern der Stadt Olten nachschlagen.

Die offiziellen Verzeichnisse erschienen in unregelmässigen Abständen bis 1984. Ein vollständiger Satz befindet sich in der Stadtbibliothek Olten, kann jedoch aus Altersgründen nicht nach Hause ausgeliehen werden. Inzwischen sind aber alle zwanzig Ausgaben digitalisiert und können über die Website des Stadtbibliothek im Internet konsultiert werden.

Weit mehr als trockene Register

Im Kern sind die Adressbücher trockene Register aller in Olten wohnenden Familien und erwachsenen Einzelpersonen, ergänzt mit Beruf und Adresse. Zudem sind alle Häuser und ihre Eigentümer aufgelistet. Schon innerhalb eines einzelnen Bandes können Informationen geschöpft werden, nur schon ob jemand zur Miete oder im eigenen Häuschen wohnt. Erhellend etwa sind auch die speziellen Berufe und Funktionen in Industrie und Gewerbe oder beim fahrenden und handwerklichen Personal der Bahn.

Die ersten Adressbücher wurden vom Stadtkassier Jules Näf und seinem «Gehülfen» Gottlieb Probst im Selbstverlag publiziert. Der erste Band enthält eine kurze Darstellung der geschichtlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des kleinen Aarestädtchens. Oft ist ein Branchenregister angefügt. Einige Ausgaben sind ergänzt mit Listen der Behörden, Vereine oder der Telefonanschlüsse, andere mit Statistiken über Arbeitsplätze oder Billettpreise in der I., II. oder III. Klasse.

Kosmos Bahnhofbuffet

Mit der Suchfunktion kann man völlig neue Zusammenhänge innerhalb des Adressbuchs herstellen – und die Buchstaben beginnen zu leben. Der Restaurateur Hermann Biehly beispielsweise betrieb über Jahre das Bahnhofbuffet Olten und war auch am Hotel Gotthard beteiligt, verkaufte es aber 1897 an die Bierbrauerei Zofingen. Er war Jäger und besass eine eigene «Gärtnereianlage» samt «Magazin» in der Rötzmatt, wo er wohl Gemüse für die Speisekarte zog.

Viele der Angestellten, vorwiegend die ledigen, wohnten im Bahnhof, sodass unter dieser Adresse die verschiedensten Berufe zu finden sind: Köche, Küchenburschen, Casserolliers und Lehrlinge, Buffetdamen und Saaltöchter. Aber auch spezielle Chargen wie Kaffeeköchin, Perronkellner oder die für die Tischwäsche zuständige Lingère sorgten für das Wohl der Gäste.

Produktion ins Industriequartier verlegt

Die Bahn war der Motor für die Entwicklung von Olten. So war es die Lampenfabrik Emil Pfändler & Cie. AG, die als erste ausser der SBB-Werkstätte die Produktion ins «Industriequartier» im Tannwald verlegte. Da man die Energie selber produzieren musste, standen 1901 ein Kesselhaus mit Dampfkessel und Kamin neben der Fabrik am heutigen Depotweg, daneben auch fünf Magazine und – ein «Hennenhaus». Die Unternehmerfamilie Pfändler-von Arx wohnte in der Römerstrasse 4, in der Villa Flora an der Baslerstrasse und in der Froburgstrasse 8. In den Adressbüchern kann man auch die Entwicklung von der Herstellung von Petrollampen zu den Epos Aluminiumwerken (E. Pfändler, Olten Schweiz) verfolgen.

Mädchenheim und Bierdepot – Hand in Hand

Verändert hat sich im Laufe der Zeit auch die den Geleisen entlang verlaufende Bahnhofstrasse. Zwischen dem «Zollhaus» und dem PTT-Gebäude gab es neben dem Hotel Schweizerhof oder dem Bierdepot viele kleinere Geschäfte, so eine Velowerkstatt, ein Kleidergeschäft, die Salzwaage und das Mädchenheim der Pro Filia in einer ehemaligen Arztvilla.

Adressbücher sind ergiebige Fundgruben

Einige Häuser der Bahnhofstrasse fielen dem Bau der Unterführungsstrasse zum Opfer. Dafür erhielt bei deren Einmündung in die Aarauerstrasse der Bifangplatz ein neues Gesicht. Er wurde dominiert durch den Bau des Häuserblocks Aarauerstrasse Nr. 73–75 mit dem Kino «Cinéma Palace». Gleich daneben fand sich das Good­year Pneuhaus Züllig. Die Wirtschaft «Drei Tannen» an der Ecke zur Florastrasse wurde 1959 von der EKO in eine Bankfiliale umgewandelt. Im Ladengeschäft dazwischen verkaufte Jean Gygax Schuhe, dann die Papeterie A. & W. Mösch Schreibwaren, bevor Alice Spirig ihre Bifang-Apotheke hierher verlegte. Vis-à-vis eröffnete Hieronymus Born eine Autowerkstätte, welche 1935 durch Gustave Pilloud in eine Ford-Garage umfirmiert wurde. 1954 übernahm Coop das Areal. Für viele solche Häuser-, Firmen- und Familiengeschichten der letzten 125 Jahre sind die Adressbücher ergiebige Fundgruben.

Hinweis

Die Oltner Adressbücher in der Stadtbibliothek können online durchgesehen werden unter

www.bibliothekolten.ch/links1