Es ist Donnerstagmorgen, halb elf. Franz Hohler kommt auf den Ildefonsplatz spaziert, er muss den Weg vom Bahnhof über die alte Holzbrücke genommen haben. Aus seinem altmodischen Wanderrucksack, der an seinem Rücken baumelt, lugen ein weisser und ein lilafarbener Zweig Flieder heraus. Vor dem Stadtturm bleibt Franz Hohler stehen. Und schaut hoch zu dem mit blau-weissen Holzläden verriegelten Fenster, aus dem er seine Rede halten wird. Dann wendet er den Blick ab, geht hinüber zur «Suteria» und setzt sich an ein Tischchen.

Wovon seine Turmrede handeln werde?, fragt man den 74-Jährigen. Er zögert einen Moment. «Ich bin immer noch dran. Aber sie wird um die Literaturstadt Olten kreisen», sagt er. Gleich nach dem Besuch bei seinem Vater werde er sich wieder dahintersetzen. Hohler, der in Olten aufgewachsen ist, besucht seinen inzwischen 101-jährigen Vater jede Woche im Alters- und Pflegeheim St. Martin. Übrigens, sagt Hohler, sei es heuer nach 1997 bereits das zweite Mal, dass er an den Kabarett-Tagen die Turmrede halte.

Sie sprechen von der «Literaturstadt Olten», Herr Hohler: Ist sie das wirklich oder ist das einfach cleveres Marketing?
Ich mache mich schon auch ein bisschen lustig über den Begriff. Olten war für mich ja immer eine Literaturstadt. Ich fing schon in der Schule an zu schreiben und konnte meine ersten Texte im Oltner Tagblatt veröffentlichen. Auch Peter Bichsel ist in Olten aufgewachsen; Ueli Knellwolf kommt aus Trimbach, aber das löimer dure; Gerhard Meier hat über Olten geschrieben. Und natürlich Alex Capus und Pedro Lenz. Umgekehrt kann jede Stadt sagen, sie sei Literaturstadt. Solothurn mit den Literaturtagen etwa ist ein literarischer Treffpunkt der Schweiz.

Wie viel Olten steckt in Ihrem literarischen Schaffen?
Es ist nicht so, dass ich wie Capus einen Roman über Olten geschrieben habe. Aber Olten kommt bei mir immer wieder vor. In meinem letzten Buch «Ein Feuer im Garten» handelt etwa der Text «Aufwachsen» von meiner Jugend in Olten. In meinem Roman «Der neue Berg» gibt es eine Rendezvous-Szene beim Brunnen vor dem Bahnhof. Eine Figur nennt Olten darin «die schönste Stadt der Schweiz».

Olten die schönste Stadt der Schweiz? Man möchte es ihm gerne glauben. Hohler verbindet viele Erinnerungen mit ihr. So gehe er gerne über die alte Holzbrücke, schaue hinunter auf die Aare, wie sie fliesse. «Die Balken sind zum Teil noch von 1805», weiss er. Er, der auf der rechten Aareseite aufwuchs, musste jeweils über die Brücke, um sonntags zur christkatholischen Kirche zu gelangen. An der Aare, erinnert er sich, stand bis vor einiger Zeit an der Promenade auch eine riesige Birke. «Das war ein wunderschöner Baum, ich vermisse ihn jedes Mal.»

Quiz Oltner Kabarett-Tage

In Olten wurde Franz Hohler 1990 mit dem Prix Cornichon der Kabarett-Tage geehrt. Er ist bisher der einzige Oltner Preisträger, der die Auszeichnung erhalten hat. «Dann wäre es an der Zeit, dass beispielsweise Rhaban Straumann den einmal bekommt», erwidert er überrascht.

Wie haben sich die Kabarett-Tage in ihren Augen entwickelt?
Ich trete ja selber nicht mehr mit Bühnenprogrammen auf. Seit zehn Jahren mache ich nur noch Lesungen, weil ich kabarettistisch eine Sättigung erreicht hatte. Damit ist auch mein Interesse diesbezüglich zurückgetreten. Ich muss nicht mehr alles verfolgen. Aber die Leute, die ich kenne, sehe ich mir gerne an: schön&gut, Lorenz Keiser oder Joachim Rittmeyer etwa.

Seit Jahrzehnten lebt Hohler mit seiner Frau in einer alten Villa in Zürich-Oerlikon. Zürich, erzählt er, habe er immer als sozialen Schwerpunkt empfunden. Das meint er so: Viele Zeiterscheinungen würden da rascher sichtbar als in einer Kleinstadt, etwa Drogenprobleme oder die Multikulti-Gesellschaft. An diesen Dingen wolle er dran sein. «Ich betrachte mich gerne als Zeitgenosse», reicht er nach. Aber, wendet man ein: Vom Aussenquartier Oerlikon hat man doch fast gleich lange in die Zürcher Innenstadt wie von Olten.

Wieso wohnen Sie in Oerlikon und nicht in Olten?
Ja… das ist eine interessante Frage. (Er überlegt lange.) Es gibt Sachen, die ergeben sich so. Ich habe in Zürich studiert und hatte da auch ein Zimmer. Als ich mich unabhängig machte von der Uni und den Eltern, hatte ich das Bedürfnis, in Zürich zu bleiben. Zürich ist für mich ein starker kultureller Magnet. Und irgendwann bleibt man dort, wo man ist, das läuft nicht rein rational. Obwohl für mich als Kulturnomade Olten fast günstiger liegt. Trotzdem bin ich nie richtig ein Auswärtiger geworden. Ich wohne in Zürich und bin gleichzeitig Oltner geblieben: Meine Mutter wurde sehr alt, meinen Vater sehe ich jede Woche im Altersheim, mein Bruder wohnt in Aarburg. Ich empfinde Zürich als Vorort von Olten.

Dann kehren Sie vielleicht wieder nach Olten zurück?
Ich habe kein Bedürfnis, zurückzukommen. Wir haben ein Haus in Zürich-Oerlikon. Und aufs Alter hin haben wir uns umgeschaut, es gibt in Zürich ein Altersheim, das uns gefällt.

Es ist zwanzig vor zwölf. Um Viertel vor möchte er im Altersheim St. Martin sein, sein Vater warte auf ihn. Er erzählt, wie er einmal mit seinem Vater hinter der katholischen Kirche spazierte, zweistimmig laut «Am Brunnen vor dem Tore» singend. Ein Bekannter des Vaters sei ihnen entgegengekommen und habe erzählt, dass er nun eine neue Hüfte habe. «Das sind Oltner Altersgeschichten», meint Hohler lächelnd. Aber nun wolle er sich beeilen. Bloss eine Frage noch, Herr Hohler: Halten Sie sich über das politische und kulturelle Geschehen in Olten auf dem Laufenden? Das Oltner Tagblatt blättere er jeweils durch, wenn er bei seinem Vater sei. Aber abonniert habe er es nicht. Das sei auch nicht nötig, sagt er: «Ich habe ja genug Verbindung mit Olten.»