Olten

Turmfee stiehlt dem Obernaaren Hilarius 100. beim Naarenstopf die Show

Obernaar Hilarius 100. alias Philipp Müller hat am Mittwoch die Macht in Olten übernommen. Mit dem Motto «100 Bro Hilari» steht der 100. Geburtstag der Zunft im Mittelpunkt. Doch auch das Fasnachtsvolk kommt auf seine Kosten, wie die kreative Umsetzung des Naarenstopfs zeigt.

Es scheint, als wollten die Zünfte beim Naarenstopf, wenn sich der Obernaar auf dem Ildefonsplatz ein erstes Mal dem Fasnachtsvolk zeigt, die Messelatte jedes Jahr ein bisschen höher setzen: 2018 stieg Obernaar Rahel der Rätschwyber-Zunft mit der Strickleiter den Stadtturm hoch – und liess sich am Schluss ihrer Proklamation wieder nach unten fallen. Letztes Jahr überzeugte Reto dr Auerletscht und seine Säli-Zunft mit eingeblendetem WhatsApp-Chat und beleuchtetem Ildefonsplatz.

Am Mittwochabend hat die Hilari-Zunft nun ihren Obernaaren Hilarius 100. kaum mehr zu Wort kommen lassen. Kurz nachdem er mit seiner Proklamation nach dem obligaten Naarenchlapf begann, wurde er auch schon zum Schweigen gebracht: Turmfee Fonsuela wird auf dem Stadtturm eingeblendet – die Stimme stammt von «Rathskeller»-Mitarbeiterin Manuela Widmer. Sie unterbricht ihn und nervt sich über den «langweiligen Seich», den sie sich jedes Jahr von neuem anhören muss. Während der Obernaar weiter bei ausgeschaltetem Mikrofon gestenreich seine Proklamation runterleiert – Müller kann hier sein Talent als Laienschauspieler zeigen –, werden nacheinander nationale Bekanntheiten wie Tennisstar Roger Federer, SVP-Nationalrat Roger Köppel oder Sänger Baschi auf den Stadtturm projiziert und geben ihren Senf zur Oltner Fasnacht ab. So fordert etwa Grüne-Nationalrat Bastien Girod eine umweltfreundlichere Fasnacht: «Es braucht einen Umzug mit Velos, Recycling von Konfetti, Bier aus Bambusbechern oder direkt ab dem Zapfhahn!»

Zum Schluss kommt der Obernaar wieder ins Spiel: Er verkündet, dass es in der «Kreuz»-Bar 100 Minuten Freibier gibt. Nach dem Auftritt der Obernaaren-Band auf der vor dem Stadtturm installierten Bühne stürzt dieser als Lichtshow in sich zusammen. Das Naarenvolk tobt.

Auch für die Schlüsselübergabe ein paar Stunden vorher hat sich die Hilari-Zunft etwas Spezielles einfallen lassen: Statt im Foyer des Oltner Stadthauses ging diese wie im vergangenen Jahr erneut in der Altstadt über die Bühne – diesmal auf dem Kaplaneiplatz. Dort, wo das Denkmal des verstorbenen Katers Toulouse steht. Obernaar Hilarius 100. verfügte in seiner ersten Amtshandlung nach der symbolischen Schlüsselübergabe, dass der Kaplaneiplatz in «Hilari-Platz» umgetauft wurde. Als Zeichen der Machtübernahme haben die Hilari-Zünftler auch weitere Orte Oltens verwandelt oder eingenommen: So weht die Zunftflagge vom Stadthaus und beim Bahnhof, die Bronzeplastik Remonte! am westlichen Ende der Bahnhofbrücke trägt ein gelb-schwarzes Gewand – die Farben der Hilari-Zunft –, und die «Kreuz»-Bar wurde für die fünfte Jahreszeit zum «Hilari-Schloss».

Olten hat ein neues Kunstwerk auf dem «Hilari-Platz»

Die stärkste Verwandlung hat die Altstadt allerdings beim Brunnen auf dem Kaplanei- respektive «Hilari-Platz» erfahren: Auf dem Brunnenstock steht neu eine Eule aus Chromstahl, das Wappentier der Hilari-Zunft. Das Stadtkater-Denkmal hat «Konkurrenz» erhalten, wie es Obernaar Hilarius 100. ausdrückte. Geschaffen hat das Werk der Trimbacher Christoph Fröhle in dreimonatiger Handarbeit im Auftrag seines Schwagers, dem Obernaaren.

Der neue Obernaar versprach in seiner einwöchigen Amtszeit bis zum Aschermittwoch, der «Hilari-Republik», «Olten great again» zu machen: Dies auch dank der Tatsache, das nun «kurze Wege» herrschten, weil das «hilarische Triumvierat» regiere: Sowohl der Obernaar wie auch Fukorats-Präsident Beat Loosli, Gemeindeparlamentspräsident Daniel Probst und Stadtpräsident Martin Wey sind Mitglieder der Hilari-Zunft. Eine wohl einmalige Konstellation – und dies zum 100-Jahr-Jubiläum der Zunft.
Der entmachtete Stadtpräsident Wey sprach deswegen von einem «Insidergeschäft»: Der Stadthaus-

Schlüssel ging von einem zum anderen
Hilari-Zünftler über. In seiner kurzen Ansprache zählte er noch ein paar «schräge Vögel» dieser Stadt auf, die immer wieder «im lokalen Blättli» vorkämen. Parlamentspräsident Daniel Probst nahm in seiner Rede den Faden auf: Der Stadtpräsident hätte die «schrägsten Vögel» der Stadt vergessen – nämlich die Stadträte selbst. So verpasste Probst den fünf Mitgliedern – übrigens vier davon selbst in Fasnachtszünften – Namen verschiedener Eulen-Arten. Weil die Vogeltiere als nachtaktiv bekannt seien und am Tag schliefen, «wissen wir jetzt, warum wir das Stadthaus ‹Fuulturm› nennen». Zudem seien die Eulen als Fleischfresser «denkbar schlecht geeignet als Vorbilder für den Oltner Klimanotstand», resümierte Probst.

Die Oltner Fasnacht ist gestern bei winterlichen 7 Grad Celsius am Nachmittag respektive 4 Grad am Abend gestartet. Während der Rede des Obernaaren gestern Nachmittag fielen sogar ein paar Schneeflocken vom Himmel. Für die nächsten Tage sind aber wärmere Temperaturen und sonnigeres Wetter angesagt. Jetzt muss nur noch der Weisswein besser werden, dann wird das eine «unglaubliche Fasnacht», wie Obernaar Hilarius 100. in seiner Proklamation versprochen hat: Der portugiesische Tropfen am Eröffnungsapéro, der von der Stadt bezahlt wurde, war nämlich ungeniessbar. 

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