Hand aufs Herz: Hätten Sie als Automobilist keine Mühe, die Tempolimite von 30 Kilometern pro Stunde konsequent einzuhalten?

Andreas Heller: Bisher hatte ich immer das Gefühl, ich fahre angepasst, jetzt habe ich überprüft: Wie fahre ich tatsächlich? Ich wohne «am Hoger» und bergauf halte ich die Limite problemlos ein. Wenn ich es bergab im dritten Gang ziehen liess, war ich zu schnell unterwegs.

Was glauben Sie: Missachten viele Dorfbewohner die Geschwindigkeitsgrenze?

Ich jogge häufig durchs Dorf. Dabei fällt mir auf, dass viele Leute zu schnell unterwegs sind. Meist nicht gemessen am Tempo, oft aber gemessen an der Vernunft. Es gibt viele Situationen, in welchen die menschliche Reaktion einen Unfall nicht mehr verhindern könnte. Dann denke ich jeweils: Darum diskutieren wir über Tempo 30.

Ebendiese Diskussion ist im Dorf seit vergangenem Herbst Thema Nummer eins. Weshalb wird die politische Debatte so heftig geführt?

Wie die Erfahrung in anderen Dörfern zeigt, flammt bei diesem Thema immer eine Diskussion auf. Über Facebook melden sich selbst meine auswärtigen Kollegen. Es gibt Leute, die unpolitisch sind, doch zum Verkehr hat fast jede Person eine Meinung.

Vielleicht, weil die Menschen die Einschränkung als Angriff auf die persönliche Freiheit empfinden.

Manchmal kommt dieses Argument auf den Tisch. Bei jenen, die das Auto als wichtig oder gar als Statussymbol empfinden, mag dieses Gefühl zutreffen. Doch für mich ist das Auto ein reiner Gebrauchsgegenstand. Mein Blickwinkel ist daher ein anderer. Wenn Kollegen fast verzweifeln, wenn sie einen Kratzer am Auto feststellen oder gar Politiker über die Pferdestärken ihrer Autos sprechen, dann ist das nicht meine Welt.

Es ist etwas skurril, welche Argumente die Gegnerschaft anführte: Kinder müssten lernen, mit dem Verkehr umzugehen. Oder Quartierbewohner könnten die Stelle verlieren, weil sie das Autobillett abgeben müssten.

Sie nennen es skurril. Aber ich sage: Das ist legal. Man darf in diesem Land auch emotional abstimmen. Eigentlich hätte der Gemeinderat den Entscheid in eigener Kompetenz fällen können. Doch wir wollten von Beginn an die Bevölkerung einbeziehen, auch beim Entscheid. Es geht um 5000 Leute, nicht um sieben.

Demokratie bedeutet auch Widerstand. Das Nein-Komitee soll gemäss eigenen Angaben mehrere 10'000 Franken für den Wahlkampf aufwenden und führt ausserdem eine eigene Website. Hat Sie dies überrascht?

Der Widerstand nicht, die Summe schon. Es ist legitim. Was mich an der Gegnerschaft stört, ist, dass sie teilweise nicht mit offenen Karten spielt. So sind einige Argumente und Darstellungen ungenau oder schlicht falsch.

Die Tempo-30-Gegner sagen zum Beispiel, es habe zwischen 2011 und 2016 bloss eine Handvoll Unfälle auf Quartierstrassen gegeben, bei welchen sich Menschen verletzten. Nützt Tempo 30 in den Quartieren überhaupt etwas?

Die Gegnerschaft berücksichtigte meiner Ansicht nach nur jene Unfälle nördlich der Kantonsstrasse. Es gab auch in der Industriezone Unfälle mit Verletzten. Wie so vieles in der Broschüre der Gegnerschaft, sind auch diese Angaben ungenau. Darum fällt es mir schwer, in der Debatte neutral zu bleiben. Wenn man die Sicherheit verbessern will, muss man Eintrittswahrscheinlichkeiten und Schadensausmass senken. Bei einer tieferen Tempolimite wird die Verkehrsteilnahme sicherer, davon bin ich überzeugt und es ist auch logisch.

Tempo 30 auf Gemeindestrassen mit hoher Mischnutzung ist ziemlich unbestritten. Mehr Sicherheit, klar. Aber gleich flächendeckend?

In den Quartieren ist die Überlegung Tempo 30 flächendeckend einzuführen, richtig und intelligent. Im ganzen Dorf haben wir zahlreiche heikle bis gefährliche Strassenabschnitte. Beispielsweise am Rolliweg müssen talwärts verkehrende Fahrräder links über die Fahrbahn abbiegen. Und es gibt nur auf einer Seite ein Trottoir. Im oberen Teil des Dorfes lassen die Strassen ohnehin kaum eine Geschwindigkeit von 50 km/h zu. Ausserdem warnen Experten davor, innerhalb von Quartieren verschiedene Geschwindigkeitslimiten zu mischen.

Was ist denn mit der Industrie? SVP-Präsident Tobias Fischer sagte: «Wenn Sie ans Industriequartier denken, wird klar, dass die Vorlage deutlich übers Ziel hinausschiesst.»

Auf der Westseite ist es sehr unübersichtlich und es rangieren Lastwagen. Auf der Ostseite hat es mindestens eine Wohneinheit und viele Werksausfahrten. Auch ich fragte mich: Braucht es in der Industrie Ost Tempo 30? Aber weil es dort einige Unfälle gab und wir den Schleichverkehr unterbinden wollen ist klar: Die Beschränkung macht auch hier Sinn.

Am Bahnhof, im Gebiet Nellen, im Dorfzentrum und vor dem Kindergarten Rolli hat der Gemeinderat unabhängig von der jetzigen Debatte bereits Verkehrsmassnahmen beschlossen. Nimmt er hiermit der Vorlage vom 4. März nicht den Wind aus den Segeln?

Das ist möglich. Die bereits eingeleiteten Tempo-30-Zonen sind zwingend notwendig. In meiner Wahrnehmung sind diese Abschnitte in der Bevölkerung unbestritten. Somit sind wir den Leuten gegenüber transparent, das ist nur fair.

Auf Facebook und in der Öffentlichkeit äusserten Sie sich bisher unparteiisch, nun beziehen Sie im Gespräch klar Position. Sie werden Ja stimmen.

Als Gemeindepräsident möchte ich mich nicht zu stark positionieren. Doch es ist so, ich werde Ja stimmen. Die Stimme gibt der «Heller» ab. Der Einwohner, Vater, Verkehrsteilnehmer, welcher im Quartier wohnt und Tempo 30 für richtig hält. Was ich an Zeit verlieren könnte, ist eine sinnvolle Investition in die Sicherheit.

Das Gemeinderatsgremium hütet sich dagegen davor, eine Empfehlung abzugeben. Weshalb?

Normalerweise würde das Gremium sich äussern. In diesem Fall wählten wir von Beginn weg den Weg eines Volksentscheides. Auf ausdrücklichen Wunsch der Gegner sogar an der Urne. In meinen Augen wäre es daher widersprüchlich, wenn der Gesamtgemeinderat eine feste Meinung äussern würde. Allein die Stimmberechtigten sollen entscheiden.

Sie haben viel Zeit in diese Vorlage investiert. Wie gross wäre der Frust, wenn die Vorlage abgelehnt würde?

Ich hänge weder mein Glück noch viel Emotionen rein. Es ist eine gute, aber keine existenzielle Sache für das Dorf.