Mein Olten

Spontane Solidarität

«Olten hat grosses Potenzial, ein intelligentes Verkehrssystem zu erschaffen.» (Archivbild)

«Olten hat grosses Potenzial, ein intelligentes Verkehrssystem zu erschaffen.» (Archivbild)

Vor ein paar Wochen war ich wie gewöhnlich mit meinem Drahtesel in Olten unterwegs. Nach der Alten Holzbrücke beobachtete ich in der Altstadt eine interessante Situation: Die Kantonspolizei hatte sich mitten auf der Hauptgasse platziert und fing alle ab, die sich mit dem Velo den Umweg – inklusive gefährliche Situationen mit aus- und einparkierenden Autos – über den Klosterplatz ersparen wollten und durch das Fahrradfahrverbot radelten. Jedoch bildete sich bald ein Grüppchen von Passantinnen und Passanten bei der Alten Holzbrücke und beim Oberen Graben, welche wiederum die anderen Velofahrerinnen und Velofahrer vor der Polizei warnten und sie so vor einer Ordnungsbusse zu bewahren versuchten.

Die meisten Velofahrerinnen und Velofahrer hielten an und schonten so ihre Geldbörse. Und die wenigen, welche mit überdimensionalen Kopfhörern auf den Ohren und mit gefühlt 50 Stundenkilometern vorbeiflitzten, ohne auf die Warnung zu hören, haben die Busse meiner Meinung nach auch verdient.

Mir blieb diese Szene noch über längere Zeit im Kopf haften: Fremde Menschen werden vor einer Busse verschont, ohne dass die helfende Person selbst einen Nutzen davon trägt. Schon fast ein Akt zivilen Ungehorsams. Man solidarisiert sich mit Gleichgesinnten, welche das Fahrverbot wohl auch nicht verstehen können. Ein spontaner und gemeinsamer Protest gegen die Verkehrssituation der Zweiräder in Olten!

Ja, die Polizei kann nichts für dieses Fahrverbot in der Oltner Altstadt. Und ja, vielleicht wäre die Auflösung dieses Fahrverbots auch nicht zwingend die beste Lösung. Doch die Altstadt und der Klosterplatz sind nur zwei Beispiele von neuralgischen Punkten in unserer Kleinstadt. Ich sage lediglich: Post- und Citykreuzung, die Anfahrt an den Sälikreisel vom Sälipark aus (mit dem wunderbaren 80 Zentimeter breiten roten «Fahrradstreifen», welcher bei Regen glitschig wird wie nasses Laub) oder die Velo-Abstellsituation am Bahnhof auf der linken Aareseite. Hoffentlich wird ein Teil dieser Problemzonen bald mit dem Bau des neuen Bahnhofsplatzes gelöst.

Doch die Verkehrssituation wird weiterhin beschäftigen, sowohl Politik und Wirtschaft, als auch uns Oltnerinnen und Oltner im Alltag. Die Zukunft braucht eine mutige Vision der Mobilität. Die Zeiten des motorisierten Individualverkehrs in den Städten ist längst vorbei. Immer mehr Menschen steigen aufs Fahrrad um, übrigens auch in Zeiten von Corona ein sicherer Wert (vom Tandemausflug mit weniger als 1,5 Meter Abstand mal abgesehen) und verzichten aufs Stau-Verursachen mitten in der Stadt.

Basel macht es vor: In den nächsten Jahren werden dort rund 500 Parkplätze an strategisch ungünstigen Orten aufgehoben, um mehr Sicherheit für Velofahrerinnen und Velofahrer zu gewährleisten. Fahrräder und gute Fahrradwege sind dabei nur ein Teil des Mobilitäts-Puzzles: Mehr und bessere Sharing-Angebote für Cargobikes und erneuerbar betriebene Autos, aber auch eine intelligente Vernetzung der Ampeln, um spritintensives Stop-and-Go zu vermeiden, gehören dazu. Es gibt unzählige Möglichkeiten.

Olten hat grosses Potenzial, ein intelligentes Verkehrssystem zu erschaffen. Dieses Verkehrssystem ist ressourceneffizienter, nachhaltiger und nervenschonender. Durch kleine aber feine Protestaktionen der Oltner Bevölkerung, wie die anfangs beschriebene Szene, hoffe ich, wird der (Velo)-Weg geebnet für eine angenehmere Verkehrsführung für alle im Alltag. Damit ich in ein paar Jahren in Olten nur noch spontane Solidarität beobachten kann, wo es sie auch wirklich braucht.

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