Unübersehbar ragt aus dem Oltner Industriequartier ein riesiger, fast fensterloser Betonblock heraus. Aus jedem Zug, der den Bahnhof in Richtung Zürich oder Basel verlässt, ist der Schriftzug «silo olten» gross zu lesen. Die auffällige Bemalung, 2006 angebracht, wirkt auch nach bald zehn Jahren frisch und verleiht dem klobigen Gebäude fast so etwas wie Eleganz.

«Der Farbanstrich hat den Lotuseffekt, Wasser und Schmutz perlen ab», erklärt Andreas Friedl und verrät die Idee des zeitlosen Designs: Die durchdachte farbliche Abfolge strenger geometrischer Formen spiegelt die Naturelemente der Umge-
bung – Wälder, Jura, Aare. 

Niemand kennt den Oltner Silo besser als Andreas Friedl. Der 50-jährige gelernte Elektromonteur ist der Silomeister und arbeitet seit 21 Jahren hier. Vieles über das Gebäude weiss er von seinem Vater, der schon 1972 dabei war: In jenem Jahr wurden die Silo Olten AG gegründet und der «Altbau» erstellt. Mit dem 1974 angebauten «Neubau» bildet er einen einzigen Komplex, neben dem schon vorher bestehenden «Schoggiturm» von Lindt.

50 Meter hoch, 25 Meter breit, 75 Meter lang – und das Ganze bis 10 Meter tief unter die Erdoberfläche: Das sind die «Traummasse» des Oltner Silos. Das gesamte Fassungsvermögen beträgt 75 000 Kubikmeter oder 54 000 Tonnen. Damit steht beim Bahnhof Olten der zweitgrösste Silo der Schweiz.

Vorräte für Mensch und Tier

Aber jetzt, Herr Friedl, heraus mit der Sprache: Was versteckt sich in Ihrem Silo? Aus dem Kommandoraum mit den Bildschirmen der neu installierten Serversteuerung führt uns der Silomeister im engen Lift ins tiefste Untergeschoss. Hier lässt er die Katze aus dem Sack: «Getreide: Weizen, Hafer, Gerste, Dinkel im Spelz, Mais und Roggen. Aber auch Raps, Sojaextraktionsschrot, Erbsen, Sonnenblumenkerne. Und immer separat gelagert: Biogetreide, Bio-Ackerbohnen.» Futtermittel für Tiere und Lebensmittel für Menschen also. Gut möglich, dass das Mehl für die Mailänderli der Weihnacht 2016 zurzeit noch in Form von Weizenkörnern im Silo Olten lagert.

«Uns gehört gar nichts davon», unterstreicht der Führer. Die Rohstoffe gehören Importeuren, Grosshändlern und Mühlen, die sie hier fachgerecht lagern lassen. Mit einem einzigen Zug können 1000 bis 1300 Tonnen Getreide vor den Silo angeliefert werden. «Wenn die Inlandernte vorbei ist, folgen bis im März die Importe», erklärt Andreas Friedl. Ausser aus der Schweiz kommt das Getreide aus Deutschland, Frankreich, Tschechien, der Slowakei, Österreich, Ungarn oder Rumänien, aber auch schon mal aus China oder Australien.

Bei der Anlieferung wird die Qualität von Proben kontrolliert und taxiert: optisch mit der Lupe, durch Sieben, mit dem Schnell-Feuchtebestimmer und nach dem Geruch. Zur Lagerung verfügt der Silo
Olten über rund 200 Zellen von bis zu 700 Kubikmetern Inhalt. «Eine Zelle ist ein Lichtschacht ohne Türen: Das Getreide geht oben rein und kommt unten raus», klärt Friedl den Besucher auf.

«Bei frischer Ernte soll der Wassergehalt des Korns maximal 15 Prozent betragen», so der Silomeister. «In der Zelle ‹atmet› das Getreide, es gibt Wärme ab, und es kann Geruch und Kondenswasser entstehen.» Die Normtemperatur liegt zwischen 13 und 17 Grad, zuoberst in der Zelle kann sie bis 25 Grad erreichen. Kalte Luft wird aus einem Kühlgebläse zugeführt.

Schädlinge wie Mäuse, Kornkäfer oder Motten bekämpft der Silomeister vorbeugend mit einem Stickstoff-Überdruck in den Zellen, mit CO2 und wenn nötig punktuell mit Chemie. Die Biozellen bleiben immer getrennt von Zellen für konventionelle Ware, der Inhalt wird niemals gemischt. Die Arbeit in dem riesigen Getreidelager bewältigt der Silomeister mit einem einzigen Mitarbeiter, Rolf Leuenberger, und einer Aushilfe.

Zum Schluss nimmt uns Andreas Friedl mit auf den Verteilboden, ganz oben unter dem Dach des Silos. Nur hier oben lassen Fenster Tageslicht in den Silo – der Ausblick aus 50 Metern Höhe ist schwindelerregend. Friedl öffnet das Gitter über der Zelle Nr. 310: Unter uns lagern 570 Tonnen Mais. Dann zeigt der Hausherr augenzwinkernd auf eine Zelle mit Mahlweizen: «Wir lagern hier ziemlich viele Chrömli.»

Das hätte ich mir nicht träumen lassen: Von den unzähligen Spitzbuben, die seit der Kindheit auf meiner Zunge zergingen, sind wohl etliche lange vor mir durch den Silo Olten gegangen.