«Übungsabbruch!», sagt Andres Z.* Der 68-Jährige sitzt in der Mitte des Gerichtssaals. Fast lässig wirkt seine Haltung, zurückgelehnt, die Arme baumeln neben der Stuhllehne. Mit «Übung» meint Z. die Verhandlung vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen. Er ist bekannt als St.-Ursen-Brandstifter. 2011 zündete er den Altar der Solothurner Kathedrale an. Die Strafe dafür hat er bereits abgesessen: Ursprünglich sollte er 14 Monate hinter Gitter verbringen. Daraus wurden fast sechs Jahre.

Das Solothurner Obergericht und auch das Bundesgericht beschlossen 2016: Z. muss freikommen. Der Oltner wurde aber weiter in Untersuchungshaft festgehalten. Dort zündete er seine Zelle an – sendete «Rauchzeichen», um auf die unrechtmässige Haft hinzuweisen, erklärt er. Für den Zellenbrand stand er nun erneut vor Gericht. Dort fordert er «Übungsabbruch», er mache «bei diesem Theater nicht mehr mit».

«Blackbox» und «Mafia»

Die Verhandlung beginnt um 8 Uhr. Vor dem Amtsgericht stehen Journalisten mit Kameras, die Bilder von Z. machen wollen. Auch Familienangehörige und Freunde von Z. erscheinen. Sie alle werden beim Eingang von Polizisten kontrolliert, dürfen weder Jacken noch Taschen in das Gericht mitnehmen. Darunter auch Kuno W.*, welcher vor einer anderen Verhandlung von Z. einen Richter biss. Die Beamten folgen den Zuschauern bis in den Gerichtssaal und stellen sich links und rechts von der Türe auf.

Die Verhandlung dauert nicht lange, nicht einmal eine Stunde. Sie beginnt mit einer Vorbemerkung von Z. Dieser spricht, wie schon bei früheren Verhandlungen, von Justizirrtümern, dem Schurkenstaat Schweiz. Mehr habe er nicht zu sagen. So will er Richterin Barbara Hunkeler auch nicht bestätigen, dass er Andres Z. ist. Diese muss – wie dies zu Beginn von Gerichtsverhandlungen üblich ist – seine Personalien überprüfen. Z. macht deutlich, dass er nicht viel von dieser «Übung» hält; die Richterin sei eh Teil der «Mafia» – der Justiz. Nach mehrminütigem Nachhaken gibt die Richterin auf. Sie fordert Z. auf, zum Zellenbrand Stellung zu nehmen. Er will aber nicht. «Res», ruft da sein Bruder von den Zuschauerrängen, «jetzt sag doch, dass du unrechtmässig festgehalten wurdest.» Die restlichen Zuschauer murmeln zustimmend.

So kommt Z. doch noch zum Erzählen, er schweift ab, bezeichnet die Justiz als «Black Box», kritisiert die Religion, spricht von «klerikal-faschistischem Justizraubmord». Er habe nie einen fairen Prozess gehabt. Die Zuschauer rufen immer wieder dazwischen, lachen, wenn Z. ironisch wird. Eine Zuhörerin verlässt kopfschüttelnd den Saal. Die Richterin verwarnt das Publikum mehrmals. Sie droht, die Polizei könne unruhige Besucher aus dem Saal führen. Dazu kommt es aber nicht.

Gericht anerkennt Z.s Motive

Die Richterin lässt Z. reden. Ab und zu erinnert sie ihn daran, dass es um Sachbeschädigung geht. Nicht um das Unrecht, das Z. schildert. Sie verstehe auch nicht genau, was er wolle. Schliesslich hat Z. Einsprache gegen den Strafbefehl erhoben, der auf den Zellenbrand folgte – weshalb es überhaupt erst zu dieser Verhandlung kam. Und nun sage er nichts dazu. «Gerechtigkeit will er», ruft Kuno W. durch den Saal.

Als das Gericht das Urteil berät, warten Kuno W. und die Zuschauer vor dem Gerichtssaal. Z. verteilt A4-Blätter mit seinen Argumenten an die Journalisten. Wie die heutige Verhandlung verlaufe, sei ihm eigentlich egal, erzählt er schulterzuckend. Wichtiger sei, dass die Wahrheit ans Licht komme. Das Urteil nimmt Z. kurz darauf still zur Kenntnis: Schuldig. Laut Richterin Hunkeler habe es sich bei Z.s Situation aber um einen «entschuldbaren Notstand» gehandelt. In einem solchen Fall kann das Gericht das Strafmass mildern oder ganz davon absehen. Die Tat werde nicht gutgeheissen, die Motive dafür aber anerkannt, erklärt Hunkeler.

So bleibt Z. die von der Staatsanwaltschaft geforderte Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 30 Franken erspart. Die Forderung des Untersuchungsgefängnisses Olten verweist die Richterin auf den Zivilweg. Einzig Verfahrens- und Verteidigungskosten werden dem Verurteilten auferlegt. Da der frühere Filmtechniker kein Einkommen hat, übernimmt die Kosten der Staat, sofern Z. sie nicht innerhalb von 10 Jahren zurückzahlen kann. «Sie können mir nichts wegnehmen, ich habe ja nichts», sagt Z. nach der Verhandlung vor dem Amtsgerichtsgebäude. Ob er das Urteil weiterziehe, wisse er noch nicht. Er wolle aber, dass sein Fall «sauber aufgearbeitet wird». Er höre nicht auf, für «seine Sache» zu kämpfen.

* Namen der Redaktion bekannt.