Die Grossbaustelle beim Südportal des Belchentunnels ob Hägendorf lässt erahnen, dass es langsam ernst wird mit dem Bau der dritten Tunnelröhre, deren Inhalt in der Fasiswaldgrube deponiert werden soll. Bereits im vergangenen Jahr hatte eine Gruppe von 20 Helfern aus den Gäuer Natur- und Vogelschutzvereinen (Navgu) in den Monaten April bis August nachts in dieser Tongrube über 500 Geburtshelferkröten eingesammelt und in drei neu geschaffene Ersatzlebensräume umgesiedelt. Diese befinden sich nur 250 Meter von der Tongrube entfernt, liegen aber in einer anderen Geländekammer. Unterstützt wurde diese Aktion vom Bundesamt für Strassen (Astra), dem Amt für Raumplanung des Kantons Solothurn und Armasuisse Immobilien, der Eigentümerin der Parzelle, denen die Rettung dieser ausserordentlich grossen Population ein Anliegen war.

Das von Menschenhand geschaffene Ersatzbiotop im Fasiswald.

Das von Menschenhand geschaffene Ersatzbiotop im Fasiswald.

Solche Umsiedlungsaktionen sind gleichzeitig auch eine Chance, betroffene Arten genauer kennen zu lernen. So wurde diese Aktion von Anfang an wissenschaftlich geplant und begleitet durch das in Reinach BL ansässige Unternehmen Hintermann & Weber AG. Die Projektleiterin Dr. sc. dipl. Forsting. ETH Barbara Schlup und ihre Mitarbeiter erhoffen sich, durch ihre akribische Forschungsarbeit mehr über das Verhalten und die Lebensgewohnheiten der im Volksmund «Glögglifrosch» genannten, nachtaktiven Amphibien zu erfahren.

Nebst der zum Teil sehr mühsamen Suche nach den versteckt lebenden Tieren wurden wöchentlich von allen gefundenen jeweils zwei Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen. Teilweise entnahm man auch mit Wattestäbchen DNA-Proben aus dem Maulbereich. Diese sollen Auskunft über die verwandtschaftlichen Zusammenhänge innerhalb der Population geben. Soweit es überhaupt möglich war, wurde auch das Geschlecht bestimmt. Wer mit Eiern auf dem Rücken unterwegs war oder den glockenhellen Ruf erklingen liess, war mit Sicherheit ein Männchen. Erst nachdem alle sicheren Erkenntnisse protokolliert waren, wurden die Kröten in einem der drei Ersatzgebiete ausgesetzt.

Ein trächtiges Weibchen kurz vor dem DNA-Test.

Ein trächtiges Weibchen kurz vor dem DNA-Test.

Am Ende der Fangperiode 2014 wurde der ursprünglich innerhalb der Grube gelegene Weiher entwässert. Dabei konnten bei einem Pegelstand von nur noch fünf Zentimetern nahezu 2000 fünf bis sieben Zentimeter lange Larven (Rossköpfe) gerettet und in die Ersatzstandorte gebracht werden.

Vor Beginn der Fortpflanzungsperiode 2015 zogen Bauarbeiter einen 500 Meter langen Amphibienzaun um den offenen Teil der Lättgrube. Dieser verhinderte erfolgreich den Zutritt unzähliger Grasfrösche und Erdkröten, die den nicht mehr vorhandenen Weiher bisher auch als ihr Laichgebiet beansprucht hatten. Freiwillige Helfer siedelten in der Folge im März und anfangs April über 4000 Grasfrösche, 500 Erdkröten und hunderte von Bergmolchen um. Für die Glögglifrösche war nun ebenfalls keine Rückkehr in die Grube mehr möglich.

Parallel zu den Vorbereitungsarbeiten im Innern der zukünftigen Deponie begann die Umsiedlungsaktion Anfang Mai und dauerte bis Ende Juli. Die Suche wurde gegenüber dem Vorjahr intensiviert, ja beinahe verdoppelt. Bis zum vergangenen 27. Juli wurden insgesamt 790 Geburtshelferkröten gefunden, registriert und danach umgesiedelt. Davon waren 329 Männchen, welche bereits Eischnüre mit sich trugen. In vor Ort abgestellten Baggerschaufeln, welche nach Regenzeiten mit Wasser teilweise gefüllt waren, konnten ungefähr 400 bereits geschlüpfte Larven geborgen werden.

Der mit der Inventarisierung betraute Sachverständige, Christian Stickelberger, zieht aus der diesjährigen Fangaktion folgende erste Schlussfolgerungen: Im Schnitt waren 2015 konstantere Fangergebnisse zu verzeichnen als im Vorjahr. Als Gründe dafür nennt er das permanent gute Wetter, den fehlenden Weiher und dessen Ufervegetation, aber auch die grössere Erfahrung der freiwilligen Helfer. Männchen mit Eischnüren irrten in Ermangelung des Weihers mehr auf der Baustelle umher und waren deshalb leichter zu finden.

In beiden Jahren zusammen wurden beinahe 1300 Geburtshelferkröten gerettet und umplatziert. Vorläufig kann noch nicht gesagt werden, wie viele Individuen im zweiten Jahr erneut gefangen wurden. Wiederfänge sind aber belegbar. Genauere Ergebnisse, auch in Bezug auf die wirkliche Populationsgrösse, sind erst nach der Auswertung der Fotos zu erwarten. Belegt ist mindestens ein ganz sicherer Wiederfang, nämlich der eines fünfbeinigen Glögglifrosches, der nach der Umsiedlung im vergangenen Jahr – getrieben vom Drang, den eigenen Geburtsort wiederzufinden – auch in diesem Jahr erschienen ist.

Der fünfbeinige Wiederkehrer.

Der fünfbeinige Wiederkehrer.

Mehr als 25 Helferinnen und Helfer haben zusammen über 200 Arbeitsstunden jeweils zwischen 22 Uhr und Mitternacht verrichtet und diesmal teilweise auch Wochenenden geopfert. In den drei Einsatzmonaten retteten die Suchenden ausserdem noch 100 Bergmolche, 14 Feuersalamander, 70 Erdkröten und 37 Grasfrösche. Ob nun die Geburtshelferkröten ihre neuen Lebensräume auch angenommen haben, kann vorerst noch nicht definitiv beantwortet werden. Dennoch sind erfreulicherweise erste Erfolge zu vermelden. Rufende Männchen suchten in den Ersatzlebensräumen nach Weibchen, welche ihnen die Eier zur Brutpflege übergeben sollten. In allen Tümpeln stellte man zudem in diesem Jahr bereits Larven fest und derzeit verlassen metamorphere Jungtiere die neuen Tümpel.

Die in diesem Herbst noch geplanten wissenschaftlichen Auswertungen und die in den kommenden Jahren durchzuführenden Erfolgskontrollen werden aufzeigen, ob die aufwendige Arbeit modellhaft andernorts auch übernommen werden kann.

Wenn demnächst die Tunnelbaumaschine am südlichen Eingang der dritten Röhre zu arbeiten beginnt, wird ein Förderband die 470 000 Kubikmeter Abbaumaterial über einen der drei Ersatzlebensräume hinweg zur Fasiswaldgrube hinauf transportieren. Nach Ablauf der Bauzeit, wenn die alte Tongrube fast wieder aufgefüllt sein wird, entsteht dereinst auf dem neuen Niveau ein Laichgebiet für ortsansässige Amphibien, Reptilien und anderes mehr, für die Nachkommen jener Tiere also, die jetzt umgezogen sind.