Interview

Pedro Lenz über Live-Streams und Corona: «Nichts ersetzt die menschliche Begegnung»

Pedro Lenz vor dem geschlossenen Restaurant Flügelrad, in der Nähe des Oltner Bahnhofes.

Pedro Lenz vor dem geschlossenen Restaurant Flügelrad, in der Nähe des Oltner Bahnhofes.

Was geschieht mit einem Schriftsteller, der gerne durch die Stadt schlendert und das Alltagsleben aufsaugt, wenn seine Stadt sich im Ausnahmezustand befindet? Der Oltner Autor Pedro Lenz im Gespräch über seine Beiz, sein erneutes Vaterwerden und über Live-Streams in Zeiten der Coronakrise.

Pedro Lenz hat sich in der Schweizer Literaturszene mit seinen Romanen und Kurzgeschichten in Mundart und Hochdeutsch bestens etabliert. In Olten zu Hause schlendert der 55-Jährige gerne durch die Stadt oder setzt sich in Cafés, auf der Suche nach Inspiration. Seine Liebe zur Gastroszene hat ihn auch dazu gebracht, Mitinhaber des Restaurants Flügelrad neben dem Oltner Bahnhof zu werden.

Im Telefon-Interview spricht Lenz über die Auswirkungen der Coronakrise auf das «Flügelrad», auf sein künstlerisches Schaffen und sein Privatleben. Und ein wenig über die Welt, die wohl nach der Krise nicht besser wird und die unersetzlichen menschlichen Begegnungen.

Das Restaurant Flügelrad, bei dem Sie Mitinhaber sind, ist ebenfalls geschlossen. Wie hoch ist der finanzielle Verlust?

Pedro Lenz: Wir spüren es schon. Der Pächter zahlt uns Pachtzinsen gemäss Umsatz. Im Moment erhalten wir nur den Minimalzins. Und mein Geschäftspartner Werner De Schepper und ich werden ihm noch etwas entgegenkommen. Gut ist, dass das Personal selber geschützt ist, da der Pächter einen Antrag auf Kurzarbeit gestellt hat. Das gesamte Ausmass kann ich Ihnen aber nicht in Franken und Rappen sagen, nicht zuletzt auch deswegen, weil vieles unklar ist: Dauert der Notstand ein, zwei, sechs Monate? Im Moment greifen wir auf unsere Reserven zurück.

Wurde Ihre Tour mit dem Gitarristen Max Lässer abgesagt?

Wir schauen jeden Auftritt einzeln an. Wir hätten nur noch bis Mitte Mai welche gehabt. Natürlich wurden sämtliche meiner Lesungen und Auftritte bis am 19. April abgesagt. Aber meine Sekretärin versucht, neue Daten zu finden, in der Hoffnung, dass es danach wieder losgeht, irgendwann. Fakt ist, dass ich im Moment null Einnahmen durch Auftritte habe. Aber ich hoffe, einen Grossteil davon nachholen zu können.

Mir geht es ähnlich wie einem Autoverkäufer, der zwar im Moment seine Autos nicht verkaufen, sie aber für nach der Krise aufbewahren kann. Im Gegensatz zu Beizen: Ein Wirt kann die Mahlzeiten, die jetzt ausfallen, nach dem Ende der Einschränkungen nicht mehr servieren. Bei mir bedeutet das allerdings, dass alles durcheinander kommen wird: In der Regel versuche ich, nicht mehr als dreimal pro Woche aufzutreten, damit ich auch Zeit mit der Familie verbringen kann. Im September, Oktober und November trete ich aber nun praktisch täglich auf.

Wie gehen Sie persönlich mit der Krise um?

Ich bin ein fatalistischer Typ. Ich versuche, mich nicht aufzuregen über Sachen, die ich persönlich nicht ändern kann. Ich halte mich an alle Weisungen und bleibe zu Hause. Den Rest habe ich nicht der Hand.

Also sehen Sie diese Pandemie als etwas an, das wir über uns ergehen lassen müssen.

Ja. Natürlich braucht es aber auch Disziplin, gerade mit einer Familie – das Arbeiten, die Kinder hüten, jetzt ist alles anders. Grosseltern fallen als Babysitter aus, die Betreuung durch die Kita auch. Wir haben einen Zweijährigen zu Hause und er will beschäftigt sein. Der Alltag ist ein völlig anderer und es ist viel Belastbarkeit gefordert.

Kommen Sie in diesem umgekrempelten Alltag noch zum Schreiben?

Ich versuche, jeweils einen halben Tag dem Schreiben zu widmen. Aber es ist nicht das gleiche Schreiben wie sonst. Ich gehe gerne ins Café – zum Lesen, um sich mit ein paar Kollegen auszutauschen. Ich bin einer, der in der Stadt herumgeht und sich bewegt.

Leidet Ihre Inspiration darunter?

Nein. Denn ich weiss noch, was ich schreiben will, habe ein paar offene Ideen. Aber es ist klar, ich werde stark von menschlichen Begegnungen getragen, auch oberflächliche: Die schnellen Interaktionen, die wir haben, wenn wir durch die Stadt schlendern, die wenigen Worte, die wir mit dem Verkäufer austauschen, das fehlt mir. Aber Inspiration ist nicht ein Problem. Ich ziehe viel davon aus dem Nachdenken. Und jetzt haben wir ja viel Zeit dazu.

Ein solcher Bruch im Alltag könnte also auch inspirierend sein?

Es kann. Im Moment arbeite ich an einem Text zu Corona für die «Schweizer Illustrierte», aber es bleibt noch sehr oberflächlich. Das Problem ist, dass es zuerst eine Bearbeitungszeit braucht, etwas Abstand, um literarisch etwas darüber sagen zu können.

Können Sie diesen Gedanken des Abstandes ausführen?

Wir werden ein paar Jahre brauchen, um auswerten zu können, wie sich das Leben durch die Coronapandemie verändert und wie sie sich in unserem Bewusstsein eingeprägt hat. Es könnte ja sein, dass in zwei Jahren kein Mensch mehr davon spricht und wir genauso leben wie bisher. Der Mauerfall 1989 war zum Beispiel ein so einschneidender Moment, von dem wir erst nach ein paar Jahren sagen konnten, dass er ein solcher war – bis klar wurde, was er ausgelöst hat und wie er sich ins kollektive Gedächtnis eingetragen hat.

Freuen Sie sich an der Solidarität, die in der Krise aufkommt, oder regen Sie sich eher über die Hamstereinkäufe auf?

Im Moment finde ich diese zwischenmenschlichen Beziehungen sehr interessant: Ich finde es schön, wenn Leute um 12.30 Uhr jeweils klatschen. Aber es kostet halt nichts. Die Bereitschaft, für ältere Leute einkaufen zu gehen und ihnen zu helfen, empfinde ich durchaus als positiv. Die Frage ist jeweils immer, wie nachhaltig es ist. Ich bekam jedenfalls keine Hühnerhaut beim 24-Stunden-Konzert «Alles wird gut», den der Musiker Seven mitorganisiert hat und wo der Moderator Nik Hartmann alleine in einem leeren Hallenstadion stand. Es sind bloss Verlegenheitsversuche, die uns erkennen lassen, dass nichts der Mensch ersetzen kann: der Live-Act, die direkte Auseinandersetzung mit den Leuten. All diese Telefonkonferenzen und Livestreams, alles gut, aber es ersetzt nicht die menschliche Begegnung. Das wird allen in dieser Zeit ganz klar bewusst.

Dasselbe gilt für Interviews. Ich hätte vorgezogen, dieses Gespräch mit Ihnen in einer Beiz zu führen.

Genau. Selbstverständlich ist es auch so, dass wir momentan uns unserer eigener Verletzbarkeit bewusst werden. Wobei: Ich habe immer diese Möglichkeit gesehen, dass die Menschheit durch ausserordentliche Bedingungen eingeschränkt werden könnte. Ich habe nie als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass das Leben einfach so ruhig weitergeht, arbeiten, Lohn erhalten, Miete zahlen, einkaufen.

Hoffen Sie auf eine bessere Gesellschaft, wenn all das vorbei ist?

Da bin ich eher etwas pessimistisch. Ich glaube nicht. Wenn der Virus einmal behandelbar ist, werden die Leute wieder genauso ohne Hinterfragen handeln und nach New York für Shoppingtrips oder nach Sri Lanka zum Kite-Surfen fliegen.

Als Nachholbedarf?

Nein, einfach genauso wie früher. Im Moment ist ja alles möglich, und wir werden auch all diese Möglichkeiten nutzen. Damit wir nachhaltiger und sozialer leben, wird es noch mehr Druck brauchen.

Sie werden im Frühsommer erneut Vater. Was heisst das für Sie in einer solchen Krisenzeit?

Das ist die uralte Frage: Soll man noch Kinder in die Welt setzen? Diese Frage habe ich mir aber nicht erst mit der Krise gestellt. Und ich habe sie schon vor langer Zeit bejaht, wie mein Erstgeborener beweist. Zukunftsängste sind immer da – wird die Welt, in der meine Kinder gross werden, eine andere sein als meine? Wird sie sowieso. Die Fragen, die meine Frau und ich uns momentan stellen, sind eher ganz praktischer Art: Darf ich bei der Geburt dabei sein? Was ist, wenn wir positiv getestet werden? Darf meine Frau nach der Geburt Besuch empfangen? Das wird davon abhängen, wie sich die Lage entwickelt. Ob die Spitäler total überfordert sind wie in Italien, oder ob sich die Situation bis dann abgeschwächt hat. Klar ist, dass wir uns ein wenig Sorgen machen. Und daher im Alltag momentan so vorsichtig sind, wie wir können.

Die Coronakrise hat auf unseren Alltag vor allem negative Folgen. Gibt’s aber für Sie neben der Solidarität auch andere Lichtblicke?

Ich will nicht zum Coronaesoteriker mutieren und hier als Welterklärer dastehen, der diese Krise als Gottesstrafe oder sonst was deutet. Ich bin zwar ein Pessimist in vielen Sachen, aber im Unterschied zu vielen Verschwörungstheoretikern habe ich grosses Vertrauen in unsere Institutionen – Spitäler, Ärzte, Wissenschaftler, die Regierung und das Parlament. Die machen sicher Fehler, klar, das ist auch unvermeidbar. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass sie im grossen Ganzen gute Entscheide fällen. Das hat vielleicht auch mit dem Alter zu tun: Ich habe mehr Erfahrung, kenne mehr Menschen und habe deshalb auch mehr Verständnis. Vielleicht hätte ich mit 20 auch gegen die Regierung geflucht, weil ich noch ungeduldiger war.

Meistgesehen

Artboard 1