Dem Fotografen ist kein Versehen passiert, als er die neue Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz vor der katholischen Kirche St. Marien statt vor der reformierten Friedenskirche ablichtete. Damit will Gabriela Allemann verdeutlichen, wie wichtig ihr Ökumene ist. «Ich bin reformiert, mein Mann katholisch. Wir sind in unseren jeweiligen Konfessionen verwurzelt. Unsere Kinder sollen beide Traditionen kennen lernen, weshalb wir als Familie ökumenisch unterwegs sind.» Sie selbst singt im Marienchor, die beiden Töchter im Kinder- und Jugendchor der Pfarrei mit. Ausserdem engagiert sich die 41-Jährige, die seit einem Jahr in Olten wohnt, im Vorstand der ökumenisch getragenen Offenen Kirche Region Olten.

Zu ihrem neuen Amt bei den Evangelischen Frauen Schweiz kam sie durch ein anderes Steckenpferd: Seit ihrer Jugend beschäftigt sich Gabriela Allemann mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen aus feministischer und christlicher Perspektive. Geprägt hätten sie dabei die Gespräche am Küchentisch mit ihrem Grossvater, einem Pfarrer; den Wunsch, Pfarrerin zu werden, habe sie selbst erst während des Theologiestudiums entwickelt, erzählt sie. Nach ihrer Ausbildung trat sie eine Stelle im bernischen Münsingen an. Obwohl ihr die Arbeit im Pfarramt gut gefiel, war nach zehn Jahren die Zeit reif für einen Wechsel. Auch für ihren Mann: Er nahm im letzten Sommer eine neue berufliche Herausforderung in Basel an und die Familie tat, was auch viele andere in dieser Situation tun: Sie zog in die Dreitannenstadt, um die Pendeldistanz zu verkürzen.

Zwar eine Ahnung gehabt, aber nicht vom Ausmass

Gabriela Allemann ahnte zwar, dass der neue Wohnort auch ihr Vorteile bringen würde – aber noch nicht in welchem Ausmass: «Da die Evangelischen Frauen Schweiz als nationaler Dachverband Mitgliedervereine in der ganzen Schweiz haben, bin ich froh darum, von Olten aus viele Destinationen in kurzer Zeit zu erreichen.» Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, arbeitet sie von zu Hause aus. Ihr Pensum beträgt 45 und 60 Prozent. Auf das Amt der Präsidentin ist Gabriela Allemann durch eine Ausschreibung aufmerksam geworden. Sie durchlief erst das übliche Bewerbungsverfahren und wurde dann im Mai von der Delegiertenversammlung für drei Jahre gewählt. Ihre Motivation? «Bei den Evangelischen Frauen Schweiz kann ich mich mit einem Themenkomplex befassen, der mich schon von klein auf fasziniert: die Schnittstelle von Kirche, Politik und Gesellschaft aus Frauensicht.» Pointierte Aussagen kommen ihr leicht über die Lippen – auch bei der Frage, obs denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch frauenspezifische Interessenverbände braucht: «Auf jeden Fall! In den letzten Jahrzehnten hat sich zwar in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter einiges getan, aber das patriarchalische System ist noch lange nicht überwunden.» Wobei sie betont, die Überwindung ebendieses Systems würde nicht nur Frauen, sondern auch Männern und überhaupt der ganzen Gesellschaft zugutekommen.

Die Perspektive der Frauen einbringen

Um Frauen und ihren Anliegen Gehör zu verschaffen, äussern sich die Evangelischen Frauen Schweiz im Rahmen von Vernehmlassungsverfahren zu nationalen Gesetzesvorlagen, beziehen Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Auch innerhalb der kirchlichen Strukturen versucht der Verband, die Perspektive der Frauen einzubringen. Zwar ist die rechtliche Gleichstellung in den reformierten Landeskirchen erreicht – auf dem Papier zumindest. Doch 2000 Jahre Kirchengeschichte wirken nach: «Wir als Frauenorganisationen müssen immer wieder den Mahnfinger hochhalten, damit erkämpfte Errungenschaften wie etwa die Frauenordination nicht wieder hinterfragt oder rückgängig gemacht werden.» Gabriela Allemann vertritt eine klare Haltung, ohne dabei verbissen zu wirken. Sie führt keinen Kampf – das würde ihrem Verständnis des Evangeliums als Botschaft von Gerechtigkeit und Frieden zuwiderlaufen. Es geht ihr vielmehr darum, dass alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, von unterdrückenden Strukturen und einengenden Denkmustern befreit werden. Sie sieht vor allem in drei Bereichen Handlungsbedarf: bei den Rollenzuschreibungen, den Arbeitsbedingungen und beim Sprachgebrauch. So müssten beispielsweise Frauen dazu ermutigt werden, Leitungsfunktionen zu übernehmen, statt diese dem angeblich führungsstärkeren männlichen Geschlecht zu überlassen. Mit familienfreundlichen Anstellungsverhältnissen müsse es nicht nur Müttern, sondern auch Vätern ermöglicht werden, ihren Betreuungspflichten nachzukommen. Und eine geschlechtersensible Sprache würde eine differenziertere Auseinandersetzung mit Geschlechter- und auch Gottesbildern erlauben.

«Bis die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft der Vergangenheit angehört, braucht es noch ein grosses Engagement – und Ausdauer.» Gabriela Allemann klingt bei diesen Worten nicht resigniert, sondern motiviert: als könne sie es kaum erwarten, sich den Herausforderungen ihres neuen Amtes zu stellen.