Mein Olten
Wenn Motorsägen Nostalgie zerstören

Denise Donatsch
Denise Donatsch
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Autorin Denise Donatsch hat als Kind den Wald als begehrten Erlebnisraum erfahren.

Autorin Denise Donatsch hat als Kind den Wald als begehrten Erlebnisraum erfahren.

zvg

Ich wuchs am Oltner Stadtrand unterhalb des Säliwaldes auf. Es gab nichts Schöneres für uns Kinder aus dem Quartier, als im Sommer unsere Freizeit bis spätabends in der Natur zu verbringen. Im Rudel spielten wir Schnitzeljagd oder Verstecken. Und wir liebten es, auf dem Elefantenplatz miteinander zu quatschen oder eine Wurst zu braten.

Dies taten wir so lange, bis die kühleren Temperaturen und die bunter werdenden Blätter daran erinnerten, dass wohl der Herbst Einzug gehalten hatte.

Mit Körbchen im Schlepptau machten wir uns in dieser Jahreszeit gemeinsam auf, nach Kostbarkeiten wie Tannzapfen, Eicheln oder Buchnüssen zu suchen, woraus wir Dekorationen bastelten. Die Baumnüsse, die der damals noch aktive Landwirt stets liegen liess, sammelten wir ebenfalls ein und auch die Kastanien unten an der Gartenstrasse, die zu hunderten von den Bäumen niederprasselten.

Und was hat uns erst der Winter für ein Vergnügen bereitet. Bei der ersten Flocke, die vom Himmel fiel, rissen wir unsere Schlitten aus den Kellern und konnten es nicht erwarten, endlich wieder den Schärhoger hinunterzusausen. Stundenlang lieferten wir uns Schneeballschlachten, bis wir schliesslich – halb erfroren – den Weg nach Hause antraten.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass mich meine Erinnerungen an damals nicht etwas melancholisch stimmen. Noch heute sehe ich manches Erlebnis glasklar vor meinem geistigen Auge, fühle das Glück, das damals Herzschlag für Herzschlag durch meine Adern gepumpt wurde. Wie schön, dass ich all das in meinem Leben haben durfte.

Aber heute, wenn ich die Orte besuche, an denen all dies geschah, verspüre ich nicht selten Traurigkeit. Den Bauernhof mit den stolz gen Himmel ragenden Nussbäumen gibt es schon lange nicht mehr. Vor vielen Jahren verrieten laut aufheulende Motorsägen, dass ihr Ende gekommen war. Ihre dicken, knorrigen Stämme, die jahrzehntelang Wurzeln und Kronen miteinander verbanden, um Wasser und Energie bis in die äussersten Äste zu transportieren und dort Früchte wachsen zu lassen, fielen einfach tot um.

Und auch die Felder, auf welchen wir spielten, verschwanden Parzelle um Parzelle, unter immer noch mehr Neubauten – verschwinden noch heute. Stillschweigend schwindet der Abstand zwischen Häusern und Waldrand, obwohl in Olten die leere Wohnfläche deutlich über dem kantonalen Durchschnitt liegt. Doch wen kümmert das schon? Geld bringen die Neubauten, denn die Leute sind verwöhnt, haben Ansprüche. Da kann man die älteren Immobilien getrost verrotten und zu Geistersiedlungen mutieren lassen. Und wenn es die Finanzen erlauben, dann muss es natürlich ein nigelnagelneues Eigenheim sein. Schliesslich hat man bei genügend Geld ja auch das Recht dazu. Ironie off.

Wie lange werden die Kinder noch am Schärhoger schlitteln können? Wann kommt der nächste Immobilienhai, der genug Geld bezahlt, um sich das unbebaute Land unter den Nagel reissen zu können? Und wieso kann man sich Land überhaupt unter den Nagel reissen?

Kein Mensch hat je etwas dazu beigetragen, dass Land existiert. Kein Mensch hat es gebaut, gebastelt oder erfunden. Niemand. Warum kann es dann jemandem gehören? Warum hat irgendjemand das Recht dazu, den Kindern Schritt für Schritt die Wiesen, auf denen sie spielen können, wegzunehmen? Den Menschen diesen Raum wegzunehmen, zu Privatbesitz zu erklären? Vielleicht habe ich zu viel Rousseau gelesen – oder die meisten Menschen zu wenig.

Aber ich wünsche mir einfach, dass wir uns endlich wieder daran erinnern, dass wir alle nur Gäste auf Mutter Erde sind.

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