Mein Olten
Olten liest (Trash)

Rebekka Salm
Rebekka Salm
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Der offene Bücherschrank, im Bild derjenige beim Oltner Bifangplatz, verrät viel über die Lesegewohnheiten seiner Nutzenden.

Der offene Bücherschrank, im Bild derjenige beim Oltner Bifangplatz, verrät viel über die Lesegewohnheiten seiner Nutzenden.

Bruno Kissling / OLT

Mein Olten ist weithin bekannt als die Stadt der guten Bücher und Geschichten. Dafür sorgen namhafte Schriftsteller wie Alex Capus, Franz Hohler und Pedro Lenz. Capus Liebesroman «Léon und Louise» etwa wurde nach seinem Erscheinen 2011 von der Kritik einhellig bejubelt und im selben Jahr für den deutschen Buchpreis nominiert. «Der Goalie bin ig», eine 2010 publizierte Aussenseitergeschichte von Pedro Lenz, kann man sich unterdessen in zehn Sprachen, als Theaterstück und als preisgekrönten Film zu Gemüte führen. Und auch weniger bekannte Schreibende wie Alexandra von Arx oder Rhaban Straumann heimsen von den Feuilletonisten dickes Lob für ihre Arbeit ein.

Was wird dort, wo gute Literatur geschrieben wird, eigentlich gelesen?

Die interessante Frage ist nun: Wird dort, wo gute Literatur geschrieben wird, auch gute Literatur gelesen? Auf der Suche nach einer schlüssigen Antwort habe ich Oltens offene Bücherschränke abgeklappert. Einer dieser Schränke befindet sich neben dem Café/Bar Gryffe, ein weiterer versteckt sich in einer ausrangierten Telefonkabine auf dem Bifangplatz und der Neuste im Bunde steht im Bahnhof auf dem Perron von Gleis 7. Die Bedienung ist ganz einfach: Person A legt ein Buch in den Schrank, Person B findet genau dieses Buch spannend und tauscht es mit einem eigenen, gebrauchten aus. Alles, was in diesen Schränken steht, hat also irgendwann einmal jemand gelesen und dann weggegeben.

Den Inhalt dieser Bücherschränke zu studieren ist folglich in etwa so, wie wenn man heimlich im Abfall des Nachbarn wühlt – es ist ein bisschen intim und sehr aufschlussreich. Das erste, was mir auf meinem Streifzug entlang Oltens literarischer Hinterlassenschaften auffiel, war eine Affinität für amerikanische Spitzenpolitiker. Die zerfledderte Biografie John F. Kennedys stand nicht weit entfernt von Hilary Clintons Autobiografie «Geliebte Geschichte». Ebenfalls zur Auswahl stand ein Werk von Donald Trump, das den geneigten Leser dazu ermutigte, sich diesen «schillernden Selfmademan» in nahezu allen Lebensbereichen zum Vorbild zu nehmen.

Keller, Gotthelf, Twain und - Konsalik

Ich persönlich wünsche ja demjenigen, der dieses Buch in den Bücherschrank gestellt hat, dass er zumindest in Sachen Frauenbild, Frisur und Selbstbräuner einen anderen Weg einschlägt. Vereinzelt finden sich bekannte Namen wie Gottfried Keller, Jeremias Gotthelf und Mark Twain auf den Regalen. Die Leseherzen der Oltnerinnen und Oltner lässt aber ein deutlich weniger renommierter Autor höherschlagen: Heinz G. Konsalik – der König des Trashs. Der erfolgreiche deutsche Schriftsteller hat Zeit seines Lebens je nach Quelle zwischen hundertfünfzig und hundertachtzig Romane geschrieben – Arzt-, Kriegs- und Liebesgeschichten, die zu einem Gutteil im fernen Russland spielen und mit leidenschaftlichen Frauen bestückt sind, deren Seelen tiefer sind als der Baikalsee und die «wahre Kuheuter» von einem Busen vor sich hertragen.

Und ich schwöre, in den Bücherschränken von Olten findet sich jeder einzelne dieser Kitsch-Romane. «Die Liebenden von Sotschi», «Wer stirbt schon gerne unter Palmen» (Teil 1 und 2), «Liebesnächte in der Taiga», «Der Arzt von Stalingrad» – Olten hat sie alle gelesen. Einen Lenz, einen Capus oder einen Hohler suchte ich hingegen vergebens in den offenen Bücherschränken. Vielleicht würde es ja helfen, wenn besagte Autoren ihre Frauenfiguren zukünftig mit mehr Kampfesgeist, Charakterstärke und Leidenschaft ausstatten. Oder mit mehr Busen. Das reicht vermutlich auch.

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