Mein Olten
Mensch Olten!

Rebekka Salm
Rebekka Salm
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Unsere Autorin meint: Wenn Timomammi jedes Mal, wenn sie ihr das Herz ausschütte, einen Fünfliber bekäme, sie wäre die reichste Frau der Stadt.

Unsere Autorin meint: Wenn Timomammi jedes Mal, wenn sie ihr das Herz ausschütte, einen Fünfliber bekäme, sie wäre die reichste Frau der Stadt.

ZVG

Ich liebe Weihnachten. Deshalb war der Plan: Ich schreibe diese Kolumne über Weihnachtsshopping in Olten. Die Realität sah allerdings anders aus: Erst war ich krank, dann das Kind. Als ich endlich losziehen konnte, um ein paar Shops mit Fragen zu originellen Weihnachtsgeschenken zu löchern, stand ich vor verschlossenen Ladentüren.

Gefrustet wie ich war, griff ich zum Handy und wählte zwecks Jammerei die Nummer einer Frau, die in meinem Telefonbuch als Timomami abgespeichert ist. Kennengelernt habe ich sie vor Jahren an einem regnerischen Nachmittag im Vögeligarten, wo wir Seite an Seite unsere Kinder aus trüben Pfützen fischten. Am Ende des Tages tauschten wir Telefonnummern. Sie war meine allererste Bekanntschaft hier in Olten und ein Glücksfall. Heute geht Timomami für mich einkaufen, wenn mich ein Noro-, Hand-Mund-Fuss- oder sonst ein niederträchtiger Virus fest im Griff hat. Und wenn sie jedes Mal, wenn ich ihr mein Herz ausschütte, einen Fünfliber bekäme, sie wäre die reichste Frau der Stadt. Timomami ist mein Olten.

Mir war sauwohl. Jemand hatte mir geredet!

Als ich 2013 von Basel nach Olten zog, kannte ich hier niemanden. Und niemand kannte mich. Auch Christian Meyer, Inhaber der Buchhandlung Klosterplatz, hatte nicht die leiseste Ahnung, wer ich war. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, mich bei einem Bücherverkauf der Stadtbibliothek anzusprechen. Vom Inhalt unserer Plauderei weiss ich nichts mehr. Aber an das Gefühl danach erinnere ich mich genau: Mir war sauwohl. Jemand hatte mit mir geredet! Und das nicht, weil er mir eine lebenslange WWF-Mitgliedschaft andrehen oder mir die Lehre Krishnas näherbringen wollte. Seither bin ich regelmässig in Christians Laden anzutreffen. Der Bücher wegen – und weil es dort immer was zu schwatzen gibt. Christian ist mein Olten.

Von Bernadette weiss ich nur zwei Dinge: Ihren Vornamen und ihren Arbeitsort. Die Frau mit den kurzen Haaren serviert in der Suteria und begrüsst mich stets mit den Worten «Einen Earl Grey wie immer?». Ich bin mir nicht sicher, ob meine eigene Mutter weiss, was mein Lieblingsgetränk ist. Bernadette hingegen weiss es sehr genau. Thomas wiederum ist der Vater eines Mädchens, das mit meiner Tochter zur Schule geht. Treffen wir uns am Sonntagnachmittag zufälligerweise auf der Kunsteisbahn, werfen wir uns über die drölfzillionen auf dem Eis herumrutschenden Kinder hinweg mitleidige Blicke zu. Wir reden kaum, während wir unsere Runden drehen. Dafür kennen wir uns zu wenig. Und dafür ist es viel zu laut. Und doch: zusammen fühlen wir uns weniger allein. Bernadette und der Schlittschuhpapa sind mein Olten.

Auch der Nachhilfelehrer ist mein Olten

Vor ein paar Monaten habe ich dann einen netten Mann kennengelernt. Er ist hier aufgewachsen und kennt die Stadt wie seine Westentasche. Es ist ihm unbegreiflich, dass ich nach all der Zeit hier noch immer nicht weiss, wo man in Olten das beste Cordon bleu isst. Dass ich noch nie in der Waadtländerhalle oder im Terminus war. Und dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, was ein Obernaar ist. Ich habe ihm vorgeschlagen, mir in Sachen Olten Nachhilfeunterricht zu geben. Das könnte bei meinen Wissenslücken aber eine Weile dauern. Er ist einverstanden . Der nette Nachhilfelehrer ist mein Olten.

Mein Olten, das sind zugewinkte Grüsse auf dem Arbeitsweg, kurze Wortwechsel beim Einkaufen und es sind einige der Namen, die in meinem Handy unter «Favoriten» aufgelistet sind. Mein Olten, das sind Menschen. Und jeder einzelne von ihnen ist ein Geschenk. Ein bisschen wie Weihnachten halt – aber 365 Tage im Jahr.

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