Mein Olten
Marion raubt Männern den Schlaf und Pedro ist sauer

Thomas Knapp
Thomas Knapp
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Fiktives und Mögliches im Städtchen Olten.

Fiktives und Mögliches im Städtchen Olten.

Bruno Kissling

Dieses Gespräch ist nicht verbürgt. Aber es könnte sich so oder ähnlich im Städtchen zugetragen haben.

SIE: Geht’s dir gut?

ER: Ja, danke der Nachfrage. Und dir?

SIE: Ich bin hin- und hergerissen, ob ich Stadtpräsidentin werden soll.

ER: Und ich bin entschlossen, Stadtpräsident zu werden.

SIE: Du würdest also, sollte ich Stadtpräsidentin werden wollen, gegen mich antreten? Du weisst doch, dass ich bei den Stadtratswahlen 373 Stimmen vor dir lag.

ER: Es fängt wieder bei null an. Und: Warum sollen wir Männer schon wieder zurückstehen?

SIE: Meinst du das jetzt wirklich so, wie du es gerade gesagt hast?

ER: Ähm, ich meine, die Männer wurden bei den Parlamentswahlen zu Gunsten der Frauen von der Liste gekickt.

SIE: Wir meinen es halt ernst mit der Frauenförderung. Und die Basis sieht es auch so. Die Frauen sowieso.

ER: Wir sollten nicht streiten.

SIE: Eben.

ER: Du würdest nicht verzichten?

SIE: Würdest du verzichten?

ER: Ich muss mir das gut überlegen. Angenommen, ich lasse dir den Vortritt, würdest du dann sicher Stadtpräsidentin werden wollen?

SIE: Wir werden sehen. Komm, wir gehen auf ein Bier zu Alex.

ER: Du willst ihn fragen, was er dazu meint?

SIE: Nein, natürlich nicht. Das machen wir beide unter uns aus.

Anderes Thema, anderer Schauplatz: Olten ist eine Literaturstadt. Deshalb gibt es hier den Schweizer Schriftstellerweg. Auch Pedro Lenz ist auf dem Weg mit acht Geschichten zu hören. Jüngst war er mit seiner Schwester und den Kindern im Vögeligarten. Er wollte ihnen zeigen, wie seine Geschichte über einen QR-Code hörbar wird. Aber, oh Schreck: Ein von blossem Auge kaum sichtbarer QR-Code-Kleber war über das Original geklebt. Und so vernahm ein überraschter Pedro nicht seine eigene Stimme durchs Smartphone, sondern eine der anonymen Gruppe namens Literaturguerilla Olten, die mit dem Schriftsteller abrechnete. Sie missbrauchte die öffentliche Einrichtung, um an sieben von acht Standorten eine private Kampagne gegen Pedro zu führen.

Was ist der Grund für diese feige und hinterhältige Aktion? Minderwertigkeitsgefühl? Aufmerksamkeitsdefizit? Neid? Langeweile? Schreibstau? Ich weiss es nicht und habe keine Ahnung, was mit diesem diffamierenden Kampf gegen einen anständigen Literaten bezweckt werden soll. Sollte jemand ein Problem mit Pedro haben, kann er ihn ja zum Kaffee einladen. Er würde die Einladung gewiss nicht ausschlagen. Aber es ist halt einfacher, im stillen Kämmerlein einen Text aufzunehmen und in der Dunkelheit der Nacht als QR-Code aufzukleben. Nein, diese Aktion hat auch nichts mit Untergrundliteratur zu tun. Vielleicht überwindet der Urheber seinen Schreibstau und veröffentlicht bald seine Biografie. Ich hätte da einen passenden Titelvorschlag: Der Löli bin ig.

Zumindest würde das die Neugier wecken. Da lobe ich mir Politikerinnen und Politiker. Sie treten mit offenem Visier zu den Wahlen an. Nach geschlagener Schlacht kehrt wieder Frieden ein. So soll es sein. Da wären wir wieder zurück bei der Stadtpräsidiumswahl: Ob mit Marion Rauber, einem SP-Zweierticket oder gar unverhofft mit einem weiteren Kandidaten – bald werden wir es wissen: Denn bis am nächsten Montag, Punkt 17 Uhr, kann sich jedes Stadtratsmitglied für das hohe Amt bewerben.

Auch das folgende Gespräch im «Galicia»-Garten ist nicht verbürgt.

SIE: Es ist gut, dass wir miteinander reden können. Ich weiss jetzt, was ich tun werde.

ER: Lass mich raten: Du willst Stadtpräsidentin werden – oder doch nicht!?

SIE: (lacht) Lass dich überraschen. ER: (schweigt, leicht gequält. Und er spricht nicht aus, was er gerade denkt: Marion raubt Männern den Schlaf.)