Mein Olten
Ein als Kleinstadt getarntes Dorf

Lily Diemer
Lily Diemer
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Olten: Da gibts manchmal noch die Beschaulichkeit eines Dorfes.

Olten: Da gibts manchmal noch die Beschaulichkeit eines Dorfes.

Bruno Kissling / OLT

«Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte ich ein Stück Olten hier bei mir», sagt sie, als wir am Ufer der Elbe entlang schlendern. Seite an Seite, was schrecklich selten vorkommt. Unsere Freundschaft hat einen einzigen Haken: 855 Kilometer trennen uns. Die Nacht bricht an – dunkler Himmel, das Wasser unruhig, der Hamburger Hafen durch unzählige Lichter beleuchtet. Ich kenne die Stadt nicht im Ansatz so gut wie meine eigene. Trotzdem fühlt es sich immer vertraut an, im Norden aus dem ICE zu steigen. Ich lächle vor mich hin, überrascht von ihren Worten. An Olten habe ich gerade überhaupt nicht gedacht. Aber es freut mich, dass sie es getan hat.

Als Kind habe ich von der Grossstadt geträumt, war beflügelt, sobald das Rattern einer U-Bahn zu hören war. Habe mir gewünscht – sobald es möglich wäre – in eine grössere Schweizer Stadt zu ziehen oder in ein anderes Land. Ich konnte nicht verstehen, weshalb meine Eltern noch immer in Olten wohnen, wo doch so viele Städte mehr zu bieten haben. Kulturell, architektonisch, gastronomisch. Attraktivere Fahrradwege, die mich begeistern und riesige Flächen, auf denen sich gemütlich Menschen tummeln – die nicht dauerhaft reserviert sind, um lediglich Fahrzeuge darauf abzustellen.

Warum bleibt man nur hier?

Ich habe mich damit abgefunden, dass so was in Olten nicht geht, da es zu spät für solche Ideen ist. Daher umso mehr: Warum bleibt man in Olten, wenn es so viele andere spannende Orte gibt? «Wie schön, dass man von hier die Berge sieht!», sagte sie letzten Sommer bei ihrem Besuch in Olten begeistert. Staunend schaute ich von unserem Balkon in Richtung Hauenstein. Nie im Leben hätte ich Olten als «von Bergen umgeben» bezeichnet – nicht einmal den Born nehme ich als Berg wahr.

Zwar halte ich Hamburg für viel spannender, doch drehen sich unsere Gespräche oft um Olten. Seit diesen Gesprächen sehe ich meine Heimat mit anderen Augen. Es entstand ein neues Gefühl zu der Kleinstadt, die ich nicht so ganz einordnen kann. Wenn ich mich als Stadtkind bezeichne, lacht sie – denn Olten ist schon ein ziemliches Dorf. Der Gedanke nun, da ich in Bern studiere, aus Olten wegzuziehen, ist weit entfernt. Viel zu sehr liebe ich es, mit dem Fahrrad durch die Strassen zu sausen, die mir so bekannt sind wie meine eigene Hosentasche. Weil ich schon auf beiden Stadtseiten gelebt habe, fühle ich mich im Säliquartier genauso zuhause wie auf der linken Aareseite.

Heimkommen - Vertrautes sehen

Irgendwie ist Olten ein grosser Kiez, ein grosses Dorf, getarnt als Kleinstadt. Ländlich ist Olten nicht. Aber richtig Stadt eben auch nicht. Wahrscheinlich ist genau das die Geheimrezeptur, die von den Auswärtigen übersehen wird, von den Oltnern aber geschätzt wird – sonst würde man ja nicht sein ganzes Leben hier verbringen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mit dem Zug über die Aare fahre, wieder heimkomme und die Stadt in tolles Licht eingehüllt sehe. Wie schön, dass alles so überschaubar und trotzdem nicht langweilig ist.

Ich freue mich darüber, dass die Stadt von grünen Wäldern umgeben ist und ich im Sommer mit Blick auf die Altstadt in der kühlen Aare schwimmen kann. Manchmal ist es nötig, auch offensichtliche Dinge zu bemerken – und wertzuschätzen. Olten hat Potenzial: Tolle Lage, perfekte Grösse, es gibt Platz für Innovation und Mitsprache. Ich fände es schön, wenn man gemeinsam offen wäre, die Stadt zu verändern, alte Dinge loszulassen und sich Neues zu trauen. Denn man soll es doch ausnutzen, in einem Dorf getarnt als Kleinstadt zu leben, in dem man eine Chance hat, gehört zu werden, oder?

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