Mein Olten
Die grösste Verlegerin aller Zeiten

Denise Donatsch
Denise Donatsch
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Verlegen schon, aber richtig, findet unsere Autorin.

Verlegen schon, aber richtig, findet unsere Autorin.

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Es war einmal eine Verlegerin aus Olten, wie sie im Bilderbuche steht. Denn in der Tat: Sie war eine Meisterin ihres Fachs. Von Kindesbeinen an schien ihre Begabung offensichtlich, ja sie musste es im Blut haben. Denn was sie auch anfasste: Sie verlegte es. Nicht dass sie stolz darauf gewesen wäre, im Gegenteil. Das ständige Verlegen von allem Möglichen stimmte sie äusserst verlegen und hätte man sie danach gefragt, was sie denn schon alles verlegt habe; sie hätte von unzähligen Erlebnissen berichten können.

Schon zu ihrer Primarschulzeit nahm ihr Schicksal seinen Lauf. Damals, sie erinnerte sich noch ganz genau, besuchte sie gerade einmal die erste Klasse. Frohen Mutes nahm sie ihren Schulweg in Angriff, freute sich darauf, etwas Neues zu lernen, nur um schliesslich – dort angekommen – festzustellen, dass sie ihren Bleistift nicht mehr fand.

Weg, verschwunden, vom Erdboden verschluckt

Er war einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Sie musste ihn verlegt haben. Das kam bei der Lehrerin gar nicht gut an. Anstatt einen schönen Schultag zu erleben, hing nun eine dicke, dunkelgraue Wolke – dem Damoklesschwert gleich – über ihrer Schulbank, welche die Lehrerin mit den Worten «wer nicht Ordnung halten kann, wird es zu nichts bringen!» zum Leben erweckt hatte – wegen eines Bleistiftes.

Und sie wog schwer, diese Wolke. So schwer, dass die kleine Verlegerin sich auf nichts anderes mehr konzen­trieren konnte als auf ihr – laut Lehrerin – ausgeprägtes Ordnungsdefizit. Da sie nun wusste, dass sie dringend lernen musste, Ordnung zu halten, weil sie es sonst zu nichts bringen würde, strengte sie sich ganz fürchterlich an, ja nichts mehr zu verlegen! Leider ohne Erfolg.

Die ganze Mühe vergebens

Je mehr sie sich bemühte, umso schlimmer entwickelten sich die Dinge. Und auch als sie älter wurde, schien keine Besserung in Sicht. Da war beispielsweise ihr persönliches Notizbuch, in welchem sie festzuhalten versuchte, wo sie sich zuletzt aufhielt. Um zu wissen, wo sie suchen musste, falls sie wieder einmal etwas verlegen sollte – welches sie ständig verlegte. So entschied sie sich, aus ihrer Schwäche eine Tugend zu machen, und plante von da an ganz bewusst, Dinge zu verlegen. Zum Beispiel die Aare. Sie heckte Pläne aus, wie man den Fluss, ausgehend von seiner jetzigen Lage, mitten durch die Altstadt verlegen könnte. Links von der Badi würde sie dann entlang fliessen und direkt den Kirchplatz passieren.

Alles, was die Aare dabei überschwemmte, würde entweder etwas weiter nach Osten oder nach Westen verlegt. Ideal wäre das, fand sie, da es dann viel mehr Möglichkeiten gäbe, direkt an der Aare einen Kaffee zu trinken. Als sie in ihrem Bekanntenkreis eine Umfrage startete, was dieser von ihrer Idee hielt, wurde der Verlegerin jedoch schnell klar, dass ihr Vorhaben auf einige Probleme stossen könnte – allein das Verlegen der riesigen Stadtkirche würde wohl Jahre dauern. Resigniert stellte sie fest, dass aus ihrem Ansinnen wohl nichts werden wird.

Im Zeichen der Literatur-Stadt

Was also tun? Sie fasste einen Entschluss, den sie schon lange hätte fassen sollen. Wozu in der Literatur-Stadt Olten geboren und aufgewachsen sein, um doch nicht Verlegerin zu werden? Also im eigentlichen Sinne, mit Büchern und so. Von da an verlegte sie Buch um Buch. Das eine oder andere wurde sogar richtig erfolgreich, aber das Wichtigste dabei: Der Bann schien endlich gebrochen zu sein.

Die dicke, dunkelgraue Wolke war auf einmal weg und die Dinge verschwanden nur noch auf erklärliche Weise. Still dachte die grösste Verlegerin aller Zeiten dann und wann bei sich: Lehrpersonen sollten des Öftern nachdenken, bevor sie sprechen.

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