Olten

Lukas Hartmann als Erzähler und Betroffener

Lukas Hartmann las im Schreiber aus «Auf beiden Seiten».

Lukas Hartmann las im Schreiber aus «Auf beiden Seiten».

Lukas Hartmann war mit seinem Werk «Auf beiden Seiten» zu Gast bei der Oltner Buchhandlung Schreiber.

Der Schweizer Erfolgsautor Lukas Hartmann widmet sich in seinen Romanen immer wieder historischen Stoffen. In seinem neuen Werk «Auf beiden Seiten» ist er aber nicht nur Erzähler, er ist auch Betroffener. Es ist ein sehr komplexes Buch, das sich vor allem den Ereignissen Ende der 1980er-Jahre widmet. Mauerfall, P26, die Fichenaffäre wie auch die GSoA haben sein Leben und das seiner Zeitgenossen wesentlich beeinflusst.

Diese Geschehnisse werden in Form von Rückblenden aufgearbeitet. Mario Sturzenegger, Journalist und ehemaliger Schüler von Armand Gruber, glühender Antikommunist, schildern die Dinge aus ihrer Sicht. Sturzenegger, Jahrgang 1954, besuchte 1970 das Gymnasium. Gruber unterrichtete damals Deutsch. Ein strenger Lehrer, der Hesse als «sentimentalen Rattenfänger» bezeichnet. Mario bewundert zu Beginn seinen Lehrer glühend, wendet sich aber später von ihm ab. Dies auch weil dieser ein von dem Schüler verfasstes Manuskript gnadenlos kritisiert. Jahre später heiratet Sturzenegger Grubers Tochter Bettina; dies gegen den Willen des Vaters.

Komplexer Aufbau

Das Buch ist sehr komplex aufgebaut. Neben den zwei Hauptfiguren meldet sich im zweiten Teil des Werks noch Katharina, die beste Freundin von Bettina, zu Wort. Hartmann verflechtet diese Rückblenden sehr geschickt. Er versteht es sehr gut, einem die Personen näher zu bringen.

Zu Beginn scheint insbesondere Gruber sehr holzschnittartig gezeichnet. In seinen Rückblicken werden die Personen nur mit Initialen bezeichnet. So ist St. der von ihm bewunderte Adalbert Stifter. Während Jahren schreibt er an einer Biografie über den Österreicher. Mit der Zeit gewinnt Gruber aber an Profil; er wird menschlich. Dies zeigt sich in der Freundschaft zu Sturzeneggers Vater.

Rückblende im Duett

Die zwei Männer erinnern sich zurück, zurück an die Schulzeit, zurück an die Tage im November 1989. Sturzenegger erfährt erst nachträglich vom Sturz der Mauer. Er war damals für eine Zeitung in Afrika unterwegs. Hartmann baut hier seine eigenen Erfahrungen ins Buch ein. Auch er war unterwegs in Afrika und erfuhr erst später, was geschehen war. Er thematisiert aber auch wichtige schweizerische Begebenheiten: Die Abstimmung zur Schweizer Armee, die Fichenaffäre und insbesondere die Sondereinheit P26 werden aufgearbeitet.

Es stellt sich heraus, dass der stramme Antikommunist Gruber Mitglied dieser Einheit war. So unsympathisch einem dieser Mensch vorkommt, so verständlich sei ein solcher Mann, meint Hartmann. Mit Jahrgang 1924 habe dieser die Zeit Hitlers erlebt, die Angst vor einer Invasion sei allgegenwärtig gewesen und darum auch nicht erstaunlich, dass sich Menschen in diese Richtung entwickeln würden.

Faden nicht verloren

Angesichts des komplexen Aufbaus der verschiedenen Rückblenden ist es erstaunlich, dass Hartmann nie den Faden verliert. Sturzenegger zum Beispiel kommentiert die gleichen Episoden aus verschiedenen Sichtweisen. Der Roman bleibt aber immer stimmig und in sich geschlossen. Man könnte meinen, dass Hartmann sich vor allem im Journalisten wiederfindet. Es stecke vor allem Gruber in ihm, sonst hätte er ihn nicht so glaubhaft darstellen können, gibt er auf eine entsprechende Frage Antwort. «Auf beiden Seiten» ist nicht nur ein historischer Roman, er ist gleichzeitig auch ein Familienroman. Zu empfehlen ist er vor allem auch jungen Lesern und Leserinnen, die die damalige Zeit nicht erlebt haben, sie vom blossen Hörensagen kennen und kaum wissen, was der Mauerfall für Europa bedeutet hat, und welchen Einfluss er auf das Leben, auch das Privatleben von den Menschen hatte.

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