Buchfestival

Kulturzentrum Olten platzte aus allen Nähten – Mike Müller und Peter Bichsel dialogisieren

Mike Müller (links) und Peter Bichsel während ihres Gesprächs in der Oltner Schützi am Sonntagmorgen. Schätzungsweise 300 Leute wollten den beiden Schriftstellern zuhören.

Mike Müller (links) und Peter Bichsel während ihres Gesprächs in der Oltner Schützi am Sonntagmorgen. Schätzungsweise 300 Leute wollten den beiden Schriftstellern zuhören.

Ein Gespräch unter Freunden: Mike Müller und Peter Bichsel trafen sich im Kulturzentrum Olten. Sie starteten den Oltner Sonntag am Buchfestival mit einem Dialog über Grossstädte und Buchklassiker.

«So, Sie zehn kann ich noch hineinlassen, dann ist Schluss», sagt Georg Berger, der Präsident des Vereins Buchfestival Olten, am Sonntagmorgen beim Eingang in die Schützi. Das Kulturzentrum ist rappelvoll. Und dies nicht nur wegen der Büchertische, die im ganzen Raum aufgestellt sind. Der Grund sind Schauspieler Mike Müller und Schriftsteller Peter Bichsel. Sie eröffnen mit einer Gesprächsrunde den Oltner Sonntag des Buchfestivals. «Wir mussten Leute abweisen», wird Schützi-Geschäftsführer Thomas Knapp nach dem Gespräch sagen.

Pünktlich starten die beiden ihren Dialog. «Wir haben keinen Talkmaster, sondern schwätzen frisch von der Leber weg», sagt Mike Müller. Am Anfang des 60-minütigen Gesprächs ist es primär der 56-Jährige, der Bichsel Fragen stellt: «Wieso stammen so viele Schriftsteller aus Olten?» Bichsel überlegt und lächelt. «Ich weiss es nicht. Aber wir haben auf jeden Fall die Frechheit, nicht aus Zürich zu sein.» Er erntet laute Lacher und Klatscher aus dem Publikum.

Weiter will Müller wissen, wie es dem Schriftsteller ohne das Schreiben gehe. Wieder pausiert Bichsel. «Es geht auch ohne», antwortet er. Er sei nie ein leidenschaftlicher Schreiber gewesen. «Du hattest aber ein spannendes Leben mit all deinen Reisen», wirft Müller ein. «He ja. Aber ich habe das nie als Reisen angeschaut. Ich bin halt einfach dort hingegangen», antwortet Bichsel. Er habe früher gemeint, Zürich sei eine Grossstadt. «Dann habe ich herausgefunden: Ich mag Grossstädte nicht» schaut er zurück. Mit 30 Jahren habe er dann realisiert, dass er Grossstädte doch möge. Aber dass Zürich keine sei.

«Welches Buch würdest du mir empfehlen?»

«So, nun musst auch du einmal etwas sagen. Sag mir, was ich dich fragen soll», fordert Bichsel Müller auf. «Komm, wir sprechen über Bücher», findet dieser und fragt: «Welchen Bücherklassiker würdest du mir als junger Künstler empfehlen?» Bichsel macht eine lange Pause. «Nichts. Entweder man kommt selbst drauf, oder man lässt es sein», antwortet er schliesslich. Beim Lesen gehe es darum, auf Entdeckungsreise zu gehen. «Was liest du denn gerade?», will Bichsel von Müller wissen. War der 84-Jährige bisher vor allem in der Position des Antwortenden, stellt er jetzt auch einige Fragen an sein Gegenüber. «Ich lese sehr gerne Romane. Zum Beispiel ‹Gespräche mit Freunden› von der britischen Autorin Sally Rooney», sagt Müller. Oder auch politische und soziologische Bücher. Etwa eines darüber, was die Digitalisierung mit dem Leben, der Liebe mache. «Wie liest du deine Bücher?», fragt der Schauspieler. «Nur auf Papier», sagt Bichsel. Aber der Umbruch vom Buch zum E-Reader sei für ihn selbstverständlich geworden.

Vom Lokalpatriotismus halten beide nicht viel

Beide Gesprächspartner stammen ursprünglich aus Olten. Bichsel wohnt heute in Solothurn, Müller in Zürich. «Ich habe den pragmatischen Oltner Ansatz immer geschätzt: Hier sagte man schon früher, Olten ist nicht so schön, aber gäbig», sagt Müller. Bichsel sieht es genauso. «Vom ganzen Patriotismus finde ich den Lokalpatriotismus den lächerlichsten.» Wenn die Solothurner über ihre Stadt zu schwärmen beginnen, sage er jeweils, er sei aus Olten. Eines könne man über den Schweizer Lokalpatriotismus jedoch sagen: «Schweizer unterscheiden sich von allen anderen darin, dass wir sicher keine Ausländer sind.» Wieder lacht und klatscht der ganze Saal. Mit dieser Pointe beenden Bichsel und Müller ihr Gespräch.

Die Talkrunde kam bei den Besuchern gut an. «Es war toll. Bichsels Pausen vor seinen Antworten wirken glaubhaft», sagt etwa Monika Marti aus Olten. Auch Thomas Knapp ist zufrieden. «Es waren etwa 300 Leute in der Schützi», schätzt er. Sie hätten für den Anlass auch Tickets verkaufen können. Taten dies bewusst nicht. «Wir möchten, dass die Leute statt eines Eintritts ein Buch kaufen oder etwas trinken.»

Autor

Rahel Bühler

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