Kurz vor 14 Uhr am Dienstagnachmittag: Tamara Funiciello und ihre Kollegin laufen in Olten auf der linken Aareseite mit zügigen Schritten in Richtung Altstadt. Sie steuern auf das Restaurant «Strandbad» zu. «Wo ist der Bifangplatz?», erkundigen sie sich bei den Gästen vor dem Lokal.

Eine ältere Dame weist den Weg und die beiden gehen weiter via alte Holzbrücke in Richtung Bifangplatz, wo sich die Demonstranten der 1.-Mai-Kundgebung bereits versammelt haben. Dass Tamara Funiciello für die Teilnahme an der 1.-Mai-Demonstration in Olten knapp dran war, hatte einen einfachen Grund: Am Vormittag hatte sie bereits in Winterthur eine Rede gehalten.

Keine Sonntagsrede

Gereicht hat es trotzdem. Als die Demonstranten um 14 Uhr loslaufen, steht Tamara Funiciello in der vordersten Reihe und trägt gemeinsam mit sieben weiteren Demonstranten die weisse Blache mit der roten Aufschrift «Lohngleichheit. Punkt. Schluss!» – das Motto des diesjährigen Tags der Arbeit. Dahinter folgen gut 200 weitere Personen, die mit Fahnen und Plakaten ausgerüstet vom Bifangplatz über die Bahnhofbrücke zur «Schützi» laufen, wo die Reden von Roman Künzler, verantwortlicher Logistik und Transporte bei der Unia, und Tamara Funiciello auf dem Programm stehen.

JUSO-Präsidentin Tamara Funiciello trat zum 1.Mai 2018 in Olten auf

JUSO-Präsidentin Tamara Funiciello trat zum 1. Mai 2018 in Olten auf

Vor allem der Auftritt der JUSO-Präsidentin wird von den Besucherinnen und Besuchern mit Spannung erwartet. Die 28-Jährige ist bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Immer wieder sorgt sie mit ihren Aktionen und Aussagen für Aufsehen. So beispielsweise letztes Jahr als sie mit vier Kolleginnen oben ohne auf einem Bild posierte und ihren BH verbrannte, um für die Teilnahme am «Women’s March» zu werben.

Aber auch ihre politischen Ideen zur Bekämpfung des Kapitalismus oder zur Einführung der 25-Stundenwoche polarisieren. «Eine 1.-Mai-Rede ist keine Sonntagsrede. Wir wollten daher jemanden, der pointierte Aussagen macht und Denkanstösse liefert. Dafür ist Tamara Funiciello genau die Richtige, schliesslich setzt sie sich auch sehr stark für unser diesjähriges Motto der Lohngleichheit ein», sagt Silvia Lehmann vom Oltner 1.-Mai-Komitee.

Und Tamara Funiciello enttäuscht die Anwesenden nicht. In gewohnt hohem Tempo, mit viel Vehemenz und noch mehr rhetorischem Geschick spricht sie zu den rund 300 Personen in der Schützi, die ihre Rede immer wieder mit spontanem Applaus unterbrechen. Gleich zu Beginn hält Funiciello fest: «Ich bin mit dem diesjährigen Motto nicht zufrieden. Wieso? Weil mir Lohngleichheit nicht reicht. Weil ich mehr will als das, was selbstverständlich ist.»

In der Folge spricht sie unter anderem über die grossen Unterschiede zwischen arm und reich in der Schweiz, die finanziellen Probleme der AHV, die Benachteiligung der Frauen und die Arbeitszeiten, die erhöht statt gesenkt werden. Ihr Fazit: «Wir fordern mehr als Lohngleichheit. Wir fordern Würde, Gerechtigkeit und Freiheit für alle. Wir fordern eine Revolution. Punkt. Schluss!» Dafür erntet sie einen langen Applaus und viel zustimmendes Kopfnicken.

Weiter nach Thun

Bereits zuvor hatte Roman Künzler zur Massenbewegung aufgerufen. Die dringenden Probleme wie Klimawandel, Sexismus und Rassismus könnten nur auf diese Weise gelöst werden. «Der Kampf für eine gerechte und solidarische Schweiz geht weiter», so Künzler.

Wenige Minuten nach ihrer Rede verlässt Tamara Funiciello die «Schützi» bereits wieder. Ihr Arbeitstag ist aber noch nicht vorbei. Es steht noch eine dritte 1.-Mai-Rede an. Diesmal in Thun. «Ich bin stolz, dass ich am 1. Mai gleich drei Reden halten darf und erst noch dreimal vor so viel Publikum», sagt sie und verlässt das Oltner Kulturzentrum, wo die Feierlichkeiten weitergehen.