Olten

In der Box aus dem Alltag ausbrechen: Künstlerinnen zeigen experimentelle Aufführung

Chantal Hediger (links) und Syléna Vincent spielen in «Living in a Box» mit dem Raum.

Chantal Hediger (links) und Syléna Vincent spielen in «Living in a Box» mit dem Raum.

In der experimentellen Aufführung der Künstlerin Chantal Hediger und Syléna Vincent wandelt sich das Grau zu farbigen Tönen.

Am vergangenen Wochenende hinterfragten Chantal Hediger und Syléna Vincent mit ihrer Zeige-Art «Living in a Box» unseren Alltag. An den vier Vorführungen hatte das Publikum in der Box im «Schauraum» massgebend Einfluss auf den künstlerischen Ausgang der Performance.

Die Begrüssung am Eingang an der Ringstrasse 26 hat ihre Eigenart: Der Eintritt ist kostenlos und jeder Besucher erhält eine individuelle Begrüssungskarte mit einem inspirierenden Spruch. Der sorgfältig bestuhlte Schauraum wirkt erdrückend: Dicke Vorhänge umschliessen die 30 Besucher und versperren die Sicht auf vier Bühnen. Die Besucher fühlen sich mitten im Geschehen, umgeben von einer 360 Grad-Bühne. Hinter einem der Vorhänge ertönt eine Stimme und die Frage – «Was passiert?» – hängt in der Luft. Hart gezupfte Gitarrensaiten schwingen durch die Box, während sich der erste Vorhang öffnet. Die Frage «Wollen oder Müssen» wird in den Raum gestellt, während Chantal Hediger langsam mit schwarzer Farbe ihr weisses T-Shirt bemalt. Sie scheint unter der Oberfläche zu beben, während sie in das Publikum starrt.

Den einen Schritt aus der Box machen

Malerin und Schauspielerin Chantal Hediger und Singer-Songwriterin und Poetin Syléna Vincent schaffen mit musikalischen, schauspielerischen, poetischen und malerischen Elementen ein Bild des Alltags, das tief geht. Er wirkt schwer und erdrückend auf das Publikum in der Box, wenn ein monotones «Gehen» in Endlosschlaufe durch das Publikum hallt und sich in das Unterbewusstsein einzubohren droht. Triste Gemälde in dunklen Grautönen, die niedergeschlagene Haltung und der leere Blick von Hediger erzeugen ein gewisses Unwohlsein, aus dem man gerne ausbrechen möchte. «Living in a Box» inszeniert gefühlsnah den langwierigen Prozess, den man durchläuft, bevor man mit gewohnten Mustern brechen und etwas Neues wagen kann. Immer wieder steht Hediger vor einem grauen Gemälde und verleiht diesem mit der Zeit mehr und mehr Farbe. Zu Beginn sind die Pinselstriche energisch, hart und in Rot gehalten, um dann in immer sanftere und gefühlvollere Blau- und Gelbtöne überzugehen. Am Ende entsteht in Symbiose mit den Reaktionen aus dem Publikum in der Box ein einzigartiges Bild, welches die Gefühlswelten des Wagens und des Zweifels vereint. Der ganze Prozess des Sprunges aus der erdrückenden Alltagsbox wird im entstehenden Gemälde festgehalten.

Gleich verhält es sich mit der musikalischen Darbietung von Vincent. Sind sie anfangs noch von Melancholie und einem gewissen Schwermut geprägt, wenn sie singt: «1000 opportunities to take the plunge», so gewinnen sie im Laufe der Darbietung an Leichtigkeit mit: «Change our world with our hearts». Untermauert wird die Gefühlslage mit Texten, die Besucher aus dem Publikum laut vorlesen und von Ängsten des Scheiterns erzählen. Dazu kommen eindrückliche Lebensgeschichten von Menschen, die den Sprung gewagt haben und deren Leben sich dadurch verändert hat.

Sandra Minder aus Solothurn gefiel die Darbietung besonders gut: «Es war sehr inspirierend und regte an, Dinge mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.» Nach der Vorstellung laden die beiden Künstlerinnen noch zum Austausch beim Apéro. Doch verlassen kann man die Box nur mit einem Austritt-Ticket. Auf Holz-Karten sind Symbole gezeichnet, mit denen man angeben kann, was man von der Performance mitnimmt. Auf der Rückseite steht ein Richtwert für den Austrittspreis, den man bezahlen soll. Ganz wie mit dem Alltag: Es ist einfach, rein zu kommen, aber schwierig daraus auszubrechen.

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