Schulevaluation
Hägendörfer Eltern fordern Klarheit über Qualität ihrer Schule

In einem offenen Brief beklagen sich Eltern von Hägendörfer Schulkindern über «eindeutige Missstände» an ihrer Schule. Jetzt soll der Solothurner Regierungsrat für Transparenz sorgen.

Urs Moser
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Betreten verboten. Vom Schulbetrieb in Hägendorf fühlen sich viele Eltern ausgeschlossen.

Betreten verboten. Vom Schulbetrieb in Hägendorf fühlen sich viele Eltern ausgeschlossen.

Bruno Kissling

An einem Ministranten-Brunch im katholischen Pfarreizentrum in Hägendorf ging es am Sonntag eher zu wie im hölzernen Himmel. Der Bericht in dieser Zeitung über die Schulevaluation in Hägendorf gab zu reden: Die Ergebnisse dieser Evaluation werden seit Monaten unter Verschluss gehalten.

Nun erklärte Gemeindepräsident Albert Studer, der gegen den Bericht interveniert hatte, man habe mit dem Kanton eine Lösung gefunden, mit der er zufrieden sei. Und das kann nur heissen: Einzelne Punkte kommen positiver daher, als sie von den Experten effektiv beurteilt wurden. Es gebe tatsächlich den einen oder anderen Punkt im Evaluationsbericht, den man auch anders sehen könne, hiess es aus dem Volksschulamt.

Volle Transparenz gefordert

Das schreckte viele Eltern auf, denn rund um den Schulbetrieb in Hägendorf machen seit langem Berichte über angebliche Missstände die Runde, von denen man nun befürchtet, sie könnten beschönigt werden. Man stehe auch als Eltern in der Pflicht, nicht länger die Faust im Sack zu machen, sondern sich für die Aufdeckung solcher Missstände zu engagieren, hiess es in der sonntäglichen Runde. Mirjam Bleuer, selber Lehrerin (nicht in Hägendorf), verfasste schliesslich einen offenen Brief, für den sie bis zum Sonntagabend 13 Mitunterzeichner fand.

Er ist nicht etwa an die für die Schulaufsicht verantwortliche Gemeindebehörde gerichtet, sondern an Bildungsdirektor Remo Ankli. Sie habe das Gefühl, dass eine Intervention beim Gemeinderat nichts mehr bringt und bloss wieder zu weiteren Vertuschungen führen würde, erklärt Mirjam Bleuer gegenüber dieser Zeitung. Jetzt müsse aber endlich auf den Tisch, was den Eltern in Hägendorf unter den Nägeln brennt.

Dicke Post für den Bildungsdirektor

«In Hägendorf rumort es gewaltig, nachdem bekannt wurde, dass der Bericht zur externen Schulevaluation von Gemeindepräsident Albert Studer seit längerem unter Verschluss gehalten wird. Darf das sein, welches sind die Gründe?

- Ist es möglich, dass ein Mitglied der Gemeindebehörde (...) bei der Kantonalen Schulaufsicht genau dies erreicht, wenn seine Schule oder Teilbereiche davon, bei der Evaluation mit «rot» abgeschnitten haben könnten?

- Was unternimmt die kantonale Aufsichtsbehörde im Volksschulamt?

- Darf eine Einzelperson so viel Macht ausüben oder ist das nicht gar ein Machtmissbrauch?

- Was ist, wenn effektive Resultate wegdiskutiert oder gar «frisiert» werden können? Verstösst dies nicht gegen Treu und Glauben und Werte unserer Demokratie.

- Stehen nicht auch wir als Eltern in der Pflicht, Missstände aufzudecken, die es an der Schule Hägendorf unumstritten gibt?

- Wie viel Sinn macht es, bei eindeutigen Missständen alles unter den Teppich zu kehren?

- Ist nicht Offenheit, Wertschätzung und eine funktionierende Kommunikation und Transparenz die Grundlagen für eine gute Schule?

Fakt ist, dass etwas faul ist, und zwar so faul, dass fähige Lehrpersonen kündigen, da sie es nicht mehr aushalten, Ressortverantwortliche das Handtuch werfen und neue Lehrpersonen schwer zu rekrutieren sind.

Wir fordern die zuständigen Personen dringend auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Dies bedeutet für uns:

1. Einen Informationsanlass über die unfrisierte Schulevaluation mit allen zuständigen Personen wie Schulleitung, Ressortverantwortliche Schule und dem gesamten Gemeinderat und den Kantonsbehörden durchzuführen;

2. die Offenlegung der ursprünglichen Resultate der Evaluation zu veranlassen;

3. einen Massnahmenplan zur Behebung der aufgezeigten Missstände zu verabschieden.»

In dem Brief (nebenstehend im leicht gekürzten Wortlaut abgedruckt), werden zum Teil massive Vorwürfe ausgesprochen, allerdings ohne einen konkreten Adressaten zu nennen. Klar ist, an wen sich der Vorwurf des Machmissbrauchs richtet: An Gemeindepräsident Albert Studer, der den Bericht zur externen Schulevaluation nach eigenen Aussagen in Eigenregie «zurückwies», obwohl das Prozedere der externen Schulevaluation durch Fachleute der pädagogischen Hochschule im Auftrag des Kantons diese Möglichkeit gar nicht vorsieht.

«Welche Farben haben die Ampeln an der Hägendörfer Schule wirklich?», fragen die 14 unterzeichnenden Eltern und fordern Regierungsrat Ankli auf, Transparenz durchzusetzen. Die Eltern verlangen die Offenlegung der ursprünglichen Resultate, die Durchführung eines Informationsanlasses für mit allen zuständigen Personen sowie einen Massnahmenplan zur Behebung aufgezeigter Mängel.

Wer Klarheit schaffen könnte, sind die Autoren des Evaluationsberichts. Aber die Hoheit über die Daten liegen nicht bei ihr. Zum Ergebnis könne sie keine Auskunft geben, sagt Heidi Zumbrunnen, Leiterin externe Schulevaluation Solothurn der pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Auch nicht zum weiteren Verfahren, dieses liege in der Hoheit des Kantons. Mit dem Evaluationsbericht sei für ihre Stelle die fachliche Beurteilung der verschiedenen Qualitätsbereiche an der Schule Hägendorf abgeschlossen. Auf «inhaltlicher Ebene» seien keine Änderungen vorgenommen worden, so Zumbrunnen.

«Unerträgliche Situation»

Viele der im offenen Brief der Eltern vorgebrachten Kritikpunkte zielen auf die Schulleitung. Schulleiter Thomas S. liess eine schriftliche Anfrage zu einer Stellungnahme gestern bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Kritik gibt es vor allem auch aus dem Lehrkörper.

Dominik Kohler ist eine von schon drei Lehrkräften, die im laufenden Schuljahr die Kündigung eingereicht haben: Weil die Situation für ihn unerträglich geworden sei, wie Kohler sagt. «Die Lehrerschaft wird stark eingeschüchtert und bekommt einen Maulkorb verpasst», erklärt er zur «unerträglichen» Situation. Was ihn zum Beispiel beschäftigt: Die Schulleitung wurde zwar um ein 30-Prozent-Pensum aufgestockt, eine Schule von der Grösse in Hägendorf sollte aber nicht mit 200 Stellenprozent von einem Schulleiter und einer Schulsekretärin verwaltet und nur mit 30 Prozent pädagogisch geführt werden.