Schönenwerd

Guy Parmelin beim Schweizer Modegewerbeverband – Referentin: «Ist Influencer begrifflich nahe bei Influenza?»

100 Jahre Jubiläumsfeier Schweizer Modegewerbeverband in Schönenwerd. Auch ein Bundesrat war dabei.

100 Jahre Jubiläumsfeier Schweizer Modegewerbeverband in Schönenwerd. Auch ein Bundesrat war dabei.

Der Verband vereinigt etwa 300 Unternehmen feierte in Schönenwerd 100 Jahre Bestehen.

Ein Wirtschaftsminister hat ein breites Arbeitsfeld, eine Klientel mit unterschiedlichen Problemen und Wünschen. Bundesrat Guy Parmelin fühlte letzte Woche mehreren Branchen den Puls. So stürzte er sich am Donnerstag in Alpnachstad auf Einladung von Nidwaldner Behörden in Stiefel, Jeans und Bauernhemd, war später Gast bei einem Autohändler in Schlieren. «Es ist zum Glück nicht jede Woche so», schmunzelte er am Samstag als Gast beim Schweizer Modegewerbeverband zwischen Referat und Apéro im Ballyhouse in Schönenwerd.

Dieser Verband feierte sein 100-jähriges Bestehen. Er vereinigt rund 300 Unternehmen aus der Modebranche. «Auf den Tag genau heute vor 100 Jahren wurde er gegründet, und zwar in Aarau», sagt Babette Sigg vom Vorstand. Sie nimmt die rund 90 ausnehmend elegant gekleideten Anwesenden, da ist vermutlich nichts von der Stange, und sogar Hüte und ein Frack sind vertreten, mit auf eine Zeitreise. Dabei beschränkt sie sich nicht auf die Mode, denn diese ist auch den Möglichkeiten der Zeit und dem Zeitgeist unterworfen. Ganz konkrete Ereignisse wie Kriege schlagen sich nieder: Die Verknappung der Stoffe (Militäruniformen!) hat einen Grund. Der Lebensstil findet Ausdruck in Musik, Mode, Werbung; und Babette Sigg ermöglicht auf launige Art, mit Einspielungen und Fotos, einen Spaziergang durch die Jahrzehnte. Und das durchaus persönlich.

Die Gäste erkennen vieles wieder, und ab und an geht ein Raunen durch die Reihen: Mode-Ikonen wie Marylin Monroe, stilvolle Sexbombe, und Audrey Hepburn, klassische Eleganz, in den 1950er-Jahren etwa. Später Brigitte Bardot oder Twiggy, Hosen für Damen, dann der Minijupe. Strömungen beeinflussen Mode und Frisuren; aus Mannequins werden Models und die dürfen ab den Siebzigern auch Männer sein oder farbige Menschen. Sigg weist auch auf Aussagen hin wie jene von Nancy Reagan: «Eine Frau kann nie dünn genug sein.»

Künstlich zerrissene Hosen: Pervers und dekadent

Richtig in Rage, und das Publikum ist hörbar bei ihr, bringt sie die Trashmode, die in den Neunzigern begann: Ausgebleichte, künstlich zerknitterte oder zerrissene Hosen. «Wie pervers ist denn das?», wirft sie in die Runde. Dekadent! Da lobt sie sich den Herrn Bundesrat: «Bleiben Sie Ihrem Stil treu!» Und Babette Sigg wird gleich noch ihren Ärger über das Genderdenken los, wie es sich in den neuen Ampelfiguren in Wien zeige, die allen geschlechtlichen Ausprägungen gerecht werden will, vor allem aber in der Sprache. «Was gehen mich die Kardashians an?», fragt sie und stellt die rhetorische Frage: «Ist Influencer begrifflich nahe bei Influenza?» Influencerinnen verdrängten Stilikonen, sagt sie und glaubt zu bemerken, dass man dieser Spezies langsam überdrüssig sei. Grippen gehen vorbei.

Hoffnung auf kritischere Konsumenten

Und wie geht’s der Modebranche in der Schweiz? Seit dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch 2013, seien die Konsumenten kritischer geworden gegenüber der Textilindustrie als «einem der grössten globalen Umweltsünder». Die Kunden verlangten nachhaltigere Produkte. Recycling wird Thema. Dennoch: Das letzte kleine Geschäft sei von der Zürcher Bahnhofstrasse weggezogen; Platz hats nur für internationale Firmen, die quersubventionieren könnten. Doch Babette Sigg glaubt: «Nischen- und Kleinproduzenten werden wieder mehr Chancen haben. Das ist eine Chance für Bekleidungsgestalterinnen!»

Der Verband setzt sich stark für die Bildung und Weiterbildung ein. Das schätzt auch Wirtschafts- und Bildungsminister Guy Parmelin, der zum Jubiläum nicht in Zylinder und Hosenträgern gekommen ist, dafür mit dem Accessoire der Zeit, einem Mund- und Nasenschutz. Und er fährt mit einer Krawatte aus Schweizer Seide nach Hause. Er lobt den Verband für seine Leistungen: Er führte als erster Meisterprüfungen für Frauen ein und war am Gesamtarbeitsvertrag beteiligt. Bei der Gründung 1910 sei die Schweizer Textilindustrie Avantgarde gewesen. Das Know-how und die Qualität der Arbeit der Verbandsmitglieder und ihrer Angestellten gelte es weiterhin zu fördern: Schweizer Eleganz, zwar kein eigener Stil, aber ein Profil.

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