Trudy Wey überquert die Strasse zum Restaurant Astoria. Dabei winkt sie mehreren Personen zu, die an den Tischen vor dem Restaurant sitzen. Sie hält noch da und dort einen kurzen Schwatz. Dabei hat sie immer ein Lachen auf den Lippen. Als sie sich zur Journalistin setzt, sagt sie fast entschuldigend, dass ihr soziale Kontakte sehr wichtig seien. «Ich lebe seit 30 Jahren in Olten und kenne die halbe Stadt», sagt die 59-Jährige lachend. Während des Gesprächs wird sie immer wieder einer vorbeigehenden Person zuwinken und einen schönen Tag wünschen. Dabei vergisst die dreifache Mutter und in der katholischen Kirche tätige Frau aber ihr Gegenüber nie.

Basisarbeit ist Frauenarbeit

Wey schrieb in einem Beitrag des Pfarrblatts «Kirche heute», dass der Nationale Frauenstreik auch 2019 «unbedingt notwendig sei». Dabei sollen die Kirchenfrauen sich mit einem pinkfarbenen Punkt sichtbar machen. Im Gespräch erklärt Wey, es sei wichtig, dass die Frauen in der katholischen Kirche ihren gebührenden Platz erhalten. Es ginge auch darum, das Überleben der Kirche in der Gesellschaft zu sichern. Heute würden die Leute schneller aus der Kirche austreten, wenn sie mit den kirchlichen Strukturen nicht einverstanden sind. Kaum noch werde das Gespräch gesucht. Um gesellschaftlich nicht ganz an Boden zu verlieren, müsse die Kirche sich den zeitgemässen Fragen stellen.

Bei den ethischen Fragen, welche sich am Anfang und am Ende des Lebens ergeben, müsse die Kirche im Dialog mit den Menschen bleiben. Ausserdem müsse sie die Zeichen der Zeit erkennen und brauchbare Antworten liefern. Dazu gehören zwingend die Abschaffung des Pflichtzölibats und die Priesterweihe für Frauen. «Ich bin überzeugt, dass die Kirche, insbesondere mit den Frauen, nur gewinnen kann. Das würde dann zwangsläufig bedeuten, dass die Männer ihr Machtmonopol in der Kirche abgeben müssen.»

Dass die Kirche sich zu zögerlich modernisiert, führe zu absurden Situationen. So beispielsweise bei der Sterbebegleitung: Eine Seelsorgerin kann eine sterbende Person über lange Zeit begleiten. Die Krankensalbung kann aber nur von einem geweihten Priester gespendet werden. «Das ist doch verrückt», sagt sie und verwirft die Hände. Die Kirche werde auf pastoraler Ebene vorwiegend von Frauen getragen. Die Katechese, Administration und Freiwilligenarbeit wird von ihnen geleistet. «Ohne die Frauen würde auch hier in Olten die katholische Kirche nicht funktionieren.»

Nun zeigt sie das Programm der katholischen Kirche für den Frauenstreik am 14. Juni. Die katholischen Frauen nehmen nicht nur am Freitag teil, sondern das ganze Wochenende werden Gottesdienste von Frauen für Frauen stattfinden und so die Stellung der Frau in der Kirche thematisieren. «Gleichberechtigung. Punkt. Amen.», zitiert sie kämpferisch den Slogan der Kirchenfrauen und lacht wieder.

Die Zeiten ändern sich

Vor 28 Jahren, beim ersten Frauenstreik, habe Wey bei einem Gynäkologen gearbeitet und nicht gestreikt. «Als ich wie gewöhnlich am Morgen in die Praxis kam, war mein Chef erstaunt, dass ich zur Arbeit erschien», erinnert sie sich. Die Forderungen der Frauen habe sie selbstredend unterstützt. Aber daran teilzunehmen habe sie sich gar nicht überlegt. Sie hat das Gefühl, dass der heutige Frauenstreik viel breiter aufgestellt ist.

Wey versteht sich als emanzipierte Frau. So sollte die Verbindung von zwei Menschen partnerschaftlich sein. Dabei müsse sich die Frau nicht automatisch um die Kinderbetreuung kümmern, auch wenn sie selbst das noch so ihren Kindern vorgelebt habe. Die Karriere ihres Mannes, der seit 2013 Stadtpräsident von Olten ist, wäre nicht möglich gewesen, hätte er sein Arbeitspensum reduziert. «Dieses Familienmodell habe ich jedoch freiwillig mitgetragen und gestaltet. Für mich war dies zu dieser Zeit in Ordnung.» Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Kinderbetreuung bleibe noch zu oft an der Mutter hängen.

Katholikin von Kindesbeinen an

Den Ursprung ihrer Affinität für den Glauben sieht sie in ihrer Kindheit. Sie ist im Kanton Freiburg in einem streng katholischen Haushalt als Jüngstes von acht Kindern aufgewachsen. Ihre Eltern hatten einen Bauernhof und lebten nach dem Kirchenjahr, nach Kirchenfesten und Ritualen. Der Katholizismus gehörte einfach dazu. Dies hat Wey bis heute geprägt. Als sie als junge Frau ein halbes Jahr in London verbrachte, war für sie die wöchentliche Messe am Sonntag eine Art Heimkehr. Sobald der Gottesdienst in die Westminster Abbey oder in die St. Pauls Kathedrale anfing, fühlte sie sich zu Hause. Die Unterschiede zwischen der anglikanischen und katholischen Kirche seien für sie kaum spürbar. «Für mich bedeutet die katholische Kirche Heimat.»

Noch wichtiger als das Kirchenjahr waren und sind für sie die Antworten im Glauben auf die «essenziellen Fragen des Lebens». Als ihr Vater verstarb, war sie erst 18 Jahre alt. Da habe sie bemerkt, dass die katholische Glaubenslehre mit ihrem Auferstehungsglauben und ihren Ritualen für sie der richtige Weg sei. Später, als sie ihren Mann heiratete und sie eine Familie gründeten, war die Kirche in ihrem Leben stets präsent. «Die Botschaft von Jesus Christus und die Gemeinschaft mit den Menschen in der Kirche sind für mich wichtige Standpfeiler im Leben. Deswegen werde ich weiterhin für eine Kirche kämpfen, in der Frau und Mann gleichberechtigt sind», sagt Wey entschlossen.