Olten

Fasnachtszeitung: Bewusst angesetzte Tiefschläge sind selten

Die Tannzapfe-Zunft brachte an der Fasnacht 2019 einen Vers, der nicht im offiziellen Führer abgedruckt wurde.

Die Tannzapfe-Zunft brachte an der Fasnacht 2019 einen Vers, der nicht im offiziellen Führer abgedruckt wurde.

Wie sieht’s mit dem Fasnachtsgeist in Olten aus? In Solothurn sorgt eine närrische Zeitung schon im Vorfeld für helle Aufregung.

Der Post sorgte auf Facebook für einen mittleren medialen Aufschrei. «Sexismus unter dem Deckmantel der Fasnacht», kommentierte eine Nutzerin. «Einfach nur pfui!», urteilte eine andere, und schliesslich noch: «Das ist unter jeder Sau!» Da wurden offenkundig Normen der Political Correctness gebrochen. Oder was man darunter zu verstehen hat. In Solothurn nämlich hatte eine Fasnachtszeitung das Insta­gram-Bild einer sich im Pool räkelnden Journalistin reproduziert und mit derb-deftigen Bemerkungen versehen: «Wassermelonen zum Selberpflücken», «die Glöcklein der Notre-Dame» und «Glas blasen». Die Journalistin fand: Das geht zu weit. Und intervenierte. Erfolgreich. Schliesslich wurde die Fasnachtszeitung unter medialem Getöse aus den Verkaufsläden in Solothurn entfernt.

In Olten ist Ruhe; jedenfalls im Blätterwald

Und in Olten? Da herrscht Windstille, zumindest im Blätterwald. Seit Jahren nämlich gibt’s keine Fasnachtszeitung mehr. Beat Loosli, Präsident des Fasnachts- und Umzugskomitees Olten (Fuko), glaubt, die letzte Ausgabe der seinerzeitigen «Biiszange» sei bis vor 10, 15 Jahren erschienen. Die «Biiszange» war auf Initiative der damals 75-jährigen Hilari-Zunft im Jahr 1995 lanciert worden. Mit einem breitem Mitarbeiterstab. Die andern beiden grossen Fasnachtsblätter, im Volksmund «die Gelbe» und «die Rote» genannt, sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf dem Markt. Das bestätigt auch der heute 80-jährige Peter Schibli, einer der seinerzeitigen Mitarbeitenden bei der «Biiszange».

Warum die beiden Traditionsblätter verschwanden, vermag heute niemand mehr zu sagen. Die «Biiszange» etwa stellte ihr Erscheinen ein, weil sich die jüngeren Zünfter der Stadt nicht dafür engagieren mochten, nachdem sich die erste Macher-Generation zurückgezogen hatte. «Es ist eben doch ziemlich mit Aufwand verbunden», räumt Schibli ein. Immerhin: Auch zu Biiszange-Zeiten gab’s hin und wieder Verwerfungen. Ein Fall ist sowohl Loosli als auch Schibli in Erinnerung geblieben. «Der Name der Betroffenen tut nichts zu Sache», meint Schibli. «Aber erst sah’s gar nach einen juristischen Fall aus.» Ein klärendes Gespräch habe schliesslich die Situation entspannt, weiss Loosli. «Und soweit ich mich erinnere, wurde die Verwerfung dann mit einem Blumenstrauss vollständig geglättet», ergänzt Schibli.

Dass ein Streit je in einen Rechtsfall gemündet hätte, ist den beiden Fasnächtlern nicht bekannt. «Schwierig ist’s halt immer, wenn der Inhalt einer Meldung oder einer Schnitzelbank nicht wahr oder bloss vermutet ist», schiebt Loosli hinterher .

Kalamitätchen rund um die Banause-Zunft

Aber auch ohne Fasnachtszei­tungen gibt’s in regelmässigen Intervallen eine gewisse Empörung über Produktionen rund um die närrische Zeit. Vor genau zehn Jahren sorgte eine Nummer an der legendären Banausiade im Kulturzentrum Schützi dafür, dass die organisierende Banause-Zunft zu Olten ihre Spielstätte andernorts suchte und ins benachbarte Trimbach zog. Dass die Nummer ausschlaggebender Punkt für den Umzug gewesen sein soll, wurde seinerzeit aber vom Schützi-Vorstand bestritten.

Und die Schnitzelbänke? Die heimlichen Leisetreter, die plötzlich für einen Urknall sorgen können. «Ich glaube, die Leute sind heute schon sensibilisiert auf bestimmte politische Unkorrektheiten», sagt Loosli. Dass die Meldung, die Gemeinde Egerkingen würde sich zur Narrenzeit Negerkingen nennen, letztes Jahr schweizweit für mediale Erregung sorgte, sei ein sicheres Zeichen dafür. Und: «Vor zwei Jahren entbrannte in Basel ein Streit um die Namen der Negro Rhygass und Mohrekopf Gugge», führt Loosli aus. «Das wäre vor wenigen Jahren eher undenkbar gewesen.»

Mahnender Hintergrund ist wertvoll

In Olten übrigens liefern alle Schnitzelbank-Gruppen ihre Werke zum Abdruck im Schnitzelbankführer an das Fuko ab. Nicht alle Verse jedoch finden dort Gnade. «Wenn wir den Verdacht haben, ein Vers könnte die Rassismusstrafnorm ritzen oder Persönlichkeitsrechte verletzen, verzichten wir auf den Abdruck», sagt Loosli. Das sei eine reine Vorsichtsmassnahme des Fuko, welches schliesslich mit Namen für die Publikation stehe. «Wir lassen die Clique unsere Bedenken wissen, aber ob sie den Vers trotzdem vortragen will, ist ihr überlassen.» Gedrucktes sei eben einfach manifester als Gesungenes, weiss Loosli. Solche Fragestellungen würden aber bei weitem nicht jedes Jahr auftauchen. «Eigentlich fast zu selten», sagt der Fuko-Präsident. So liessen sich die Grenzen des Erlaubten auch nur schwer aus­loten.

Im vorigen Jahr erlebte die Tannzapfe-Zunft einen solchen Fall. Der letzte Vers, den sie vortrug, fand sich nirgends im Heft. Aber er erntete stürmischen Applaus und galt gemeinhin als einer der besten des ganzen Abends. «Ach, es ist manchmal schon noch hilfreich, wenn man in Hintergrund so eine Prüfstelle wie das Fuko weiss», sagt Schnitzelbänkler Armando Pipitone von der fraglichen Zunft. Natürlich bemühe man sich, nicht unter die Gürtellinie zu zielen. Bewusst gesetzte Tiefschläge seien eher zu vermeiden. «Aber manchmal geht halt die Fasnacht mit einem durch», meint er. Mit den Betroffenen müsse man nachher eben das klärende Gespräch suchen und ihnen beibringen, dass ihre Präsenz in einer Schnitzelbank auch eine Ehre sei. «Das haben wir auch gemacht», sagt Pipitone. Im Übrigen aber gehe man bei der Tannzapfe-Zunft eher locker mit Warnmeldungen aus dem Fuko um. «Natürlich stellt man noch einmal ein paar Überlegungen an; im fraglichen Fall haben wir entschieden, den Vers zu bringen.» Wie’s heuer um die Verse der Tannzapfe-Zunft steht, wird der Schmutzige Donnerstag zeigen. «Man weiss letztlich nie, wie eine Bank rüberkommt», so Pipitone.

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